Van de Velde bis Pizza: Fremde Impulse in Hagen

Hagen. (ME) Normalerweise sind Baudenkmäler „ortsfest“ und unbeweglich, dennoch haben sehr, sehr viele von ihnen so etwas Ähnliches wie einen „Migrationshintergrund“. Typisch hierfür ist die um 1750 errichtete Johanniskirche am Markt im alten Herzen von Hagen.

Stilistisch stammt sie im Kern aus der Barockzeit. Das Wort „Barock“ wurde dem Portugiesischen entnommen, die barocke Gestaltung ist vor allem von Entwicklungen in Süd- und Südwesteuropa geprägt. Obendrein kam der Baumeister der „Mutter aller Hagener Kirchen“, Georg Eckert, aus der „Fremde“ – aus Tirol.

Nahe der Johanniskirche befindet sich das Elbers-Gelände. Auch an dieser früheren Textilfabrik lassen sich zahlreiche „Migrationshintergründe“ festmachen. Das beginnt bei der Baumwolle, dem Ausgangsmaterial, das importiert werden musste. Das setzt sich fort in der Baumwollverarbeitung des 19. Jahrhunderts, die auf englischen Vorbildern fußte.

Und zudem waren um 1850/60 die meisten Arbeitskräfte bei Elbers durchaus „Gastarbeitern“ vergleichbar. Sie kamen zwar „nur“ aus Hessen, aber das war damals Ausland.

Aus Flandern

Die Skulptur von Uwe Will zeigt Karl Ernst Osthaus und Henry van de Velde. Beide sind zwei bedeutende Vertreter des „europäischen Kulturerbes“. Dieses Thema, verknüpft mit „fremdem Impulsen“, steht jetzt im Mittelpunkt mehrerer Hagener Veranstaltungen. (Foto: Michael Eckhoff)

Im Kernbereich des heutigen Elbershallen-Areals steht eine Skulptur. Sie wurde vom Hagener Künstler Uwe Will geschaffen und zeigt Karl Ernst Osthaus sowie Henry van de Velde (stehend).

Während der Kunstmäzen und -sammler Osthaus ein „eingeborener Hagener“ war, kam sein wichtigster Baumeister und Designer gebürtig aus Flandern, aus Antwerpen. Van de Velde gilt als einer der vielseitigsten Künstler des Jugendstils. In Hagen zählt unter anderem die Osthaus-Villa „Hohenhof“ zu seinen Entwürfen. Auch für Elbers war er tätig – so schuf er um 1905 für den Aufsichtsrat die Ausstattung des Sitzungszimmers im neuen Verwaltungsgebäude.

Ähnliche Beispiele für Baudenkmäler mit „Migrationshintergrund“ lassen sich zuhauf in Hagen finden. Noch einige wenige seien genannt: Den Bismarckturm und die Hasper Talsperre errichteten um 1900 italienische Arbeiter das große Fenster im Hagener Hauptbahnhof entwarf der niederländische Glasmaler Johann Thorn Prikker und die um 1665 entstandene Lange Riege am Bleichplatz in Eilpe gehörte Klingenschmieden aus Solingen, einem seinerzeit im Ausland gelegenen Ort.

Fremde Impulse

Bereits 2010 wurde von den beiden Denkmalämtern in Westfalen und im Rheinland die Ausstellung „Fremde Imulse – Baudenkmale im Ruhrgebiet“ zusammengestellt. Sie führt vor Augen, wie in Europa vieles aufeinander aufbaut und wie Europa durch auswärtige Impulse gewachsen ist. Nun gastiert diese Ausstellung an der Volme. Als Beitrag zum Thema „Europa in Westfalen“ wird sie vom kommenden Sonntag an im „Jungen Museum“ des Osthaus-Museums am Museumsplatz, Hochstraße 73, gezeigt, die Eröffnung erfolgt um 11 Uhr.

Die Ausstellung, an der das Kulturbüro und das Europa-Büro der Stadt Hagen mitgewirkt haben, ist ferner ein volmestädtischer Beitrag zum europäischen Kulturerbejahr 2018. Die Wanderausstellung, die passend in Transportkisten daherkommt, erzählt, wie sich Austausch und Migration und die damit verbundenen gesellschaftlichen Prozesse auch im Denkmalbestands Hagens und des Ruhrgebiets widerspiegeln. Sie berichten, dass Zuwanderung und Veränderungen zu unserem Leben gehören – und dies seit „ewigen Zeiten“.

Die gegenseitigen Prägungen in den Ländern Europas waren Anlass, 2018 als „Jahr des kulturellen Erbes“ auszurufen. „Sharing heritage“ ist hier das Motto – übersetzt: „das Erbe teilen“.

Jugend-Wettbewerb

Überdies ist die Hagener Fremde-Impulse-­Ausstellung mit weiteren Komponenten verknüpft. „So waren im Vorfeld Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Wettbewerbs aufgerufen, sich mit Dingen zu beschäftigen, die aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, aber ursprünglich aus dem europäischen Ausland zu uns gekommen sind“, berichtet Sabine Krink, Leiterin des Hagener Europa-Büros.

Die teils beeindruckenden Ergebnisse haben die Jugendlichen als bunte Plakate gestaltet. Klar, dass dabei der Pizza eine zentrale Rolle zufällt. Alle Arbeiten werden ebenfalls ab Sonntag im Jungen Museum gezeigt. Die Preisgelder für den Wettbewerb in Höhe von 600 Euro werden vom Hagener Europa-Büro zur Verfügung gestellt.