Vergessene Werke vom Eingang der Hallenschule

Das Rätsel ist gelöst: Diese beiden Skulpturen stammen mit größter Wahrscheinlichkeit aus dem Jahre 1912 und vom Portal der Hallenschule Altenhagen. Schöpferin war wohl dei Bildhauerin Milly Steger. Derzeit stehen die Skulpturen auf dem Altenhagener Friedhof, wo sie in Vergessenheit gerieten. (Foto: Stefan Fuhrmann)

Hagen. (JE) Im Jahr 2006 machte sich eine siebenköpfige Gruppe unter Leitung von Petra Holtmann an die Arbeit, im Ardenkuverlag ein neues „HagenKunst“-Buch auf den Markt zu bringen. Das Interesse galt insbesondere der Kunst im öffentlichen Raum. Das heißt, die sieben Autoren einte das Ziel, über möglichst alle Skulpturen, Fassadenbilder und Reliefs zu informieren, die in Hagen an Häusern, auf Plätzen und in Parkanlagen zu sehen sind. Mit von der Partie war seinerzeit auch wochenkurier-Chefredakteur Michael Eckhoff.

Im August 2006 – das Buch stand kurz vor der Fertigstellung – wollte Eckhoff „mal eben“ einige Kunstwerke in Altenhagen genauer ins Visier nehmen. Und weil er unweit des Altenhagener Friedhofs unterwegs war, kam er auf die Idee, auch hierher einen kleinen Abstecher zu unternehmen.

Völlig unbekannt

Als er auf dem Gottesacker um eine eher entlegene Ecke bog, glaubte er seinen Augen nicht trauen zu können: Sah er doch plötzlich zwei sehr schöne, ihm jedoch völlig unbekannte sandsteinerne Skulpturen, einen Jungen und ein Mädchen darstellend. Beide Plastiken erinnerten Eckhoff an Werke von Milly Steger – das ist jene herausragende Künstlerin, die auch die berühmten vier Frauengestalten am Hagener Theater geschaffen hat. Sie war um 1910 an die Volme gekommen, um städtische Bauten zu verschönern. Sprich: sie war so etwas Ähnliches wie eine „Stadtbildhauerin“. Hatte sie möglicherweise um 1912/14 auch den Auftrag, den städtischen Friedhof an der Friedensstraße mit ihren Kunstwerken zu schmücken? Oder wurden die zwei Skulpturen für einen völlig anderen Zweck gefertigt und gerieten dann eher zufällig auf den Gottesacker? Oder war Milly Steger vielleicht gar nicht an der Produktion und Aufstellung beteiligt?

Leer und öd: so sieht es heute aus, das Portal der Hallenschule Altenhagen. Wäre doch schön, wenn die Skulpturen zurückkehren könnten... (Foto: Stefan Fuhrmann)

Flugs fotografierte Eckhoff den „Jungen“ und das „Mädchen“, um gleich im Anschluss alles daran zu setzen, mehr über die zwei Skulpturen zu erfahren. Aber alle, die sich in Hagen mit derartigen Dingen bestens auskennen, zuckten mit den Achseln. Keiner von ihnen hatte jemals zuvor diese Kunstwerke gesehen, einige waren gar der Meinung, die beiden Skulpturen stünden überhaupt nicht in Hagen. Recherchen beim Friedhofsamt führten ebenfalls zu keinem Ergebnis. Zuletzt wurde noch ein Aufruf im wochenkurier veröffentlicht – eine Bitte an die Leser, bei diesem „Rätsel“ zu helfen. Doch auch dieses Hilfe-Ersuchen verlief im Sande. Im 2006 erschienenen „HagenKunst“-Buch wurden der Junge und das Mädchen zwar als „Trauernde“ dargestellt, aber in der Rubrik „geschaffen von einem unbekannten Künstler“.

Entschlüsselt

Jetzt, fast fünf Jahre später, scheint des „Pudels Kern“ entschlüsselt werden zu können. Stefan Fuhrmann, stadtbekannter Architekturfotograf und Osthaus-Forscher aus Leidenschaft, hat höchstwahrscheinlich die Herkunft und den ursprünglichen Standort der beiden Skulpturen entdeckt.

Auf dieser Ausschnittsvergrößerung einer hundert Jahre alten Fotografie kann man die vergessenen Skulpturen erblicken. Warum wurden sie einst wohl entfernt? (Repro: Stefan Fuhrmann)

In den nächsten Monaten wird die Hallenschule an der Friedensstraße in Altenhagen ihren hundertjährigen Geburtstag feiern. Aus der Anfangszeit dieses Schulbaus gibt es auch eine Fotografie. Und genau diese Fotografie hat sich Fuhrmann unlängst genauer angeschaut. Dabei entdeckte er, dass das Eingangsportal einst von zwei Skulpturen geschmückt wurde. Zunächst verschwendete er weiter keinen Gedanken an diesen Sachverhalt, weil es an der Schule tatsächlich zwei Figuren von Milly Steger noch heute gibt. Diese beiden vorhandenen Kunstwerke – ebenfalls einen Jungen und ein Mädchen darstellend – zieren den rückwärtigen Eingang. Erst bei sehr genauem Hinschauen wurde Fuhrmann klar, dass die beiden am Vordereingang zu sehenden Kunstwerke und die beiden heute am rückwärtigen Eingang platzierten Plastiken eine unterschiedliche Haltung aufweisen. Eine Vergrößerung brachte es dann an den Tag – die beiden Werke vom Vordereingang sind jene Skulpturen, die heute in einer abseitigen Ecke des Altenhagener Friedhofs ihr „Schattendasein“ fristen.

Zurück?

Stefan Fuhrmann hat über seinen Fund im frisch veröffentlichten Hagener Impuls ausführlich berichtet (das ist die zweimal im Jahr erscheinende Zeitschrift des Hagener Heimatbundes). In diesem Impuls-Beitrag regt er auch an, den 100. Geburtstag der Schule zu nutzen, um die Skulpturen wieder dorthin zurückzuführen, woher sie stammen. Diese Idee stößt momentan bei allen maßgeblichen Stellen auf viel Gegenliebe. Nun muss erst einmal geprüft werden, wie eine solche Rückführung realisiert werden könnte. Und vor allem: wie kann diese Aktion finanziert werden?

Und es bleiben natürliche viele Fragen, zum Beispiel: Wieso wurden die Skulpturen irgendwann vom Schuleingang entfernt? Warum und wann wurden sie auf den Friedhof umgesetzt? Stammen sie tatsächlich (was höchstwahrscheinlich ist) von Milly Steger? Ob diesmal ein Leser weiterhelfen kann? Der wochenkurier jedenfalls bleibt am Ball…