Verwahrloste Wildnis

Hagen. (anna) Wer derzeit das Hagener Tierheim besucht, sollte vorsichtshalber eine Sense bei sich tragen, damit er sich eine Schneise durchs Unkraut schlagen kann, denn das steht mittlerweile meterhoch. Es kann nicht mehr lange dauern und die Gebäude und Zwinger verschwinden unter dichtem Gestrüpp. Die Natur scheint sich bei den subtropisch-feuchten Temperaturen in diesem Sommer ihren Raum zurück zu erobern.

Wildnis wächst

Tierschutzvereinsvorsitzende Birgit Ganskow ist verzweifelt: „Seit der Eröffnung des städtischen Tierheims am 3. Oktober 2012 sind auf dem 19.000 Quadratmeter großen Gelände keine Grün-Pflegemaßnahmen von Seiten der Stadt vorgenommen worden. Diese Verpflichtung wurde einfach vergessen.“
Ebenso seien die vereinbarten Aufräumarbeiten auf dem Grundstück abrupt abgebrochen worden, so dass ein riesiger Haufen aus Metall, Kunststoff, Holz und anderem Müll nun von Brombeeren überwuchert wird. Herkulesstauden ragen in den Himmel, und überall steht das Unkraut mindestens einen Meter hoch. Kleine Eichen, Buchen und Birken haben sich selbst ausgesät und gedeihen bei feuchter Witterung gut. „Jetzt ist die Schmerzgrenze erreicht“, erklärt Birgit Ganskow. „Das Dickicht muss weg. Das Tierheim ist wirklich das vergessene Kind der Stadt.“

Eigenes Scheitern

Alle Beschwerden der Tierschützer bei den Stadtoberen führten zu nichts. Keiner war zuständig. Der Tierschutzverein habe sich bemüht, aus eigenen Mitteln die Ausläufe regelmäßig zu mähen und wichtige Wege für Personal und Besucher frei zu halten. Auch vor den Zwingern müsse regelmäßig gemäht werden, damit die Hunde nicht den Zecken zum Opfer fallen. Mit dieser Pflege stießen die Vereinsmitglieder aber an ihre Grenzen, denn auf dem Areal wächst mehr als nur Gras. Mehrere Mäher seien dabei drauf gegangen. Jetzt könne man nur noch schweres Gerät zum Einsatz bringen, um dem Wachstum Einhalt zu gebieten, meint Ganskow.
Der geplante Hundeplatz, auf dem vor allem Wesenstests durchgeführt werden sollen, ist als Platz gar nicht mehr zu erkennen. Nur die Hütte der Tierschützer lugt aus dem Unkraut hervor. „Zum Test schicken wir die Hagener jetzt nach Iserlohn“, ärgert sich Birgit Ganskow, „obwohl wir genug Platz hätten.“

Rückschau

Nach rund eineinhalbjähriger Realisierungsphase war es vollbracht: Das unter der Federführung der Gebäudewirtschaft Hagen (GWH) errichtete neue städtische Tierheim konnte im Herbst 2012 seine so wichtigen Aufgaben im Sinne eines aktiven und artgerechten Tierschutzes an der Hasselstraße
wahrnehmen. Der über Jahre intensiv diskutierte Neubau war dringend erforderlich geworden, weil die alten und zum Teil maroden Räumlichkeiten an der Natorpstraße sowohl tierschutz- als insbesondere auch arbeitsschutzrechtlichen Vorgaben nicht mehr entsprachen.
Mit Bundesmitteln in Höhe von 1,5 Millionen Euro aus dem sogenannten Konjunkturpaket II sowie dank Spenden von mehr als einer halben Millionen Euro, die der Hagener Tierschutzverein mit seinem Engagement gesammelt hatte, konnte schließlich die Finanzierung des Projektes auf den Weg gebracht werden. Stadt Hagen und Tierschutzverein schlossen einen Vertrag, der die Kompetenzen und Finanzierung regelt. Dabei dachte offensichtlich niemand an die ständig anfallenden Grünpflegemaßnahmen.
„Am alten Tierheim in der Natorpstraße kam alle sechs Wochen der Wirtschaftsbetrieb Hagen (WBH) und hat das Grundstück gepflegt“, erinnert sich Birgit Ganskow. „Wir Tierschützer haben natürlich gedacht, dass ein städtisches Tierheim auch weiterhin aus städtischen Mittel gepflegt wird. Doch plötzlich war keiner mehr für die Außenanlagen zuständig.“

Früher einfacher

Vor der Gründung des WBH im Jahre 2011 sei es für die Stadt einfacher gewesen, solche Aufträge durchzuführen. Sie habe einfach das ihr eigene Grünflächenamt beauftragt, gewisse Arbeiten auszuführen und schon war alles so gut wie fertig. Seit die Stadtentwässerung Hagen (SEH), der Fachbereich für Grünanlagen und Straßenbetrieb sowie das Forstamt zu einer Tochtergesellschaft der Stadt, – dem WBH – zusammengeführt wurden, sei alles schwieriger geworden. Der WBH schrieb jetzt halt Rechnungen für geleistete Arbeiten, meint Ganskow, und die wollte offensichtlich keiner bezahlen.

Sommerfest

Kurz vor dem Sommerfest des städtischen Tierheims am Samstag, 13. August, zwischen 10 und 15 Uhr sind am Montag ein paar Leute des WBH angerückt und haben ein kleines Stück hinter dem Tierheim gemäht. „Vielleicht schämt die Stadt sie sich ja doch vor den Sommerfestbesuchern“, vermutet Birgit Ganskow. „Wir sorgen dafür, dass der Frontbereich des Tierheims überhaupt von Menschen betreten werden kann, schließlich soll ja gefeiert werden.“