Vier Stahlglocken zwischen Bütt und Beton

Der Turm der Elisabeth-Kirche ist eigentlich ein ziemlicher Koloss - da er aber gut ins Kirchenschiff und Gemeindehaus „eingebettet“ ist, springen seine Ausmaße normalerweise gar nicht so sehr ins Auge. (Foto: Michael Eckhoff)

Von Michael Eckhoff

Hagen. Hoch über Hagen steht die ehemalige Klosterkirche Sankt Elisabeth. Ihr Glockenklang ist an manchen Tagen so weit zu hören wie der kaum eines anderen heimischen Gotteshauses. Ein guter Grund für den wochenkurier, sich mal das Geläut im „Oberstübchen“ der 1927 fertiggestellten Elisabeth-Kirche anzuschauen.

„Die Glocken unserer Gemeinde wiegen 1560 kg, 935 kg, 624 kg und 343 kg. Hinzu kommt das Gewicht für Klöppel, Achsen, Schrauben und ähnliche ’Zutaten’ – das Gesamtgewicht einschließlich des eisernen Glockenstuhls beträgt über 6550 Kilogramm,“ weiß Ferdinand Lehrkind zu berichten. Der bekannte Delsterner Heimatforscher, der regelmäßig zu den Autoren des HagenBuches gehört, hat sich schon vor Jahren eingehend mit dem Elisabeth-Geläut beschäftigt. Er hat deshalb auch den „Job“ übernommen, den wochenkurier-Redakteur in luftige Höhen zu führen.

„Wichtiger als Schmalzstullen“

Der Zugang zum Turm erfolgt “kurz und schmerzlos“ durch das Gemeindehaus. Da das Gemeindehaus aus einem früheren Franziskaner-Kloster hervorgegangen ist, bildet es mit der Kirche großenteils eine bauliche Einheit. Demzufolge gibt es hier auch – anders als beispielsweise in mittelalterlichen Kirchen – im unteren Turmbereich weder eine enge Wendeltreppe noch sonstige „schmale Passagen“.

Der 1. Spatenstich zur Errichtung der Elisabeth-Kirche erfolgte im Dezember 1924, die Einweihung Ostern 1927. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gotteshaus schwer beschädigt und ein wenig verändert wieder aufgebaut. (Foto: Sammlung Lehrkind)

Schnell und problemlos gelangen wir ins erste eigentliche Turm-Obergeschoss. Groß und geräumig sieht es hier aus – ungefähr so, wie ich es von diesem wuchtigen Turm erwartet habe. Offenbar wird dieser Raum gerne von „Bastlern“ benutzt – allerlei Hinterlassenschaften deuten jedenfalls darauf hin. Außerdem dient er wohl den Elisabeth-Karnevalisten als Abstellmöglichkeit – denn wir stehen gänzlich unerwartet vor ihrer Bütt. Und erspähen obendrein ein witziges Schild: „Gute Worte sind manchmal wichtiger als Schmalzstullen“.

Dreifaches Eigengewicht

Rasch geht’s weiter ins nächste Obergeschoss. Dieser Raum ist – abgesehen von einer Stiege, die zum Glockengeschoss führt – völlig leer. Hier könnte man richtig gut Feten feiern, denke ich noch. Aber wahrscheinlich ist dies aus Feuerschutzgründen verboten. Und schon haben wir das eigentliche Glocken-Geschoss erreicht. Die Zwischendecken bestehen aus dickem Beton, die Wände sind solide backsteingemauert.

Anders als in manchem mittelalterlichen Turm dürfte es hier keine statischen Probleme geben, wenn sich die Glocken in Bewegung setzen. „Allerdings,“ so Ferdinand Lehrkind, „darf man nicht vergessen, dass die Belastung des Turmes bei schwingenden Glocken in der vertikalen Richtung etwa das dreifache Eigengewicht der Glocken ausmacht. In unserem Fall sprechen wir von fast 20 Tonnen, die bewältigt werden müssen. In der horizontalen Richtung ist die größte Beanspruchung etwa das Eineinhalbfache des Glockengewichtes.“

1927 mit Leih-Glocke

Im Juli 1954 wurden die neuen Glocken aus Bochum feierlich geschmückt zur Elisabeth-Kirche transportiert. (Foto: Sammlung Lehrkind)

Als die Kirche 1927 errichtet worden war, verfügte die Gemeinde nur über eine geliehene Glocke. Eine Bronzegießerei aus Gescher hatte sie für eine kleine Monatsmiete zur Verfügung gestellt. Ein paar Jahre nach dem Krieg fragte die Firma aus Gescher an, ob die Gemeinde nun gewillt sei, die Glocke zu kaufen. Doch der Elisabeth-Pfarrer hatte andere Pläne und teilte der Gießerei mit, man habe beim Stahlhersteller „Bochumer Verein“ vier Glocken in Auftrag gegeben. „1954 wurden sie geliefert“, berichtet Ferdinand Lehrkind.

Quelle allen Trostes

Die größte Glocke trägt die Inschrift „Cor Jesu, fons totius consolationis!“ (Herz Jesu – Quelle allen Trostes), Nummer zwei ist beschriftet mit „Maria, auxilium christiancorum!“ (Maria – Hilfe der Christen), die dritte mit „O beata Elisabeth, tuere nos et deprecare pro nobis!“ (O glückselige Elisabeth – schütze uns und bitte für uns) und auf der kleinsten Glocke, die übrigens im normalen Alltag als einzige geläutet wird, lese ich „Sancte Antoni, thaumaturge gloriose!“ (Heiliger Antonius – glorreicher Wundertäter).

Am 6. Juli 1954 wurden die Glocken auf dem Bochumer Werksgelände durch Pater Bernold und Organist Schlüter auf ihren Ton und ihre Beschaffenheit geprüft. Da alles in bester Ordnung war, konnte am 21. Juli 1954 mit der Montage des Glockenstuhls und der Glocken begonnen werden. Bereits am 25. Juli 1954 erfolgte dann die Weihe der neuen Glocken durch Pater Bernold.

Bis 1988 Klosterkirche

Geplant wurde die zwischen Hardenberg- und Scharnhorststraße stehende Kirche von dem seinerzeit in Hagen lebenden Architekten Georg Spelling (1858-1933). Bis 1988 diente sie auch als Franziskaner-Klosterkirche. Die Errichtung der Elisabeth-Kirche war notwendig geworden, um die im östlichen Teil der Stadt und des Kreises Hagen lebenden Katholiken besser seelsorgerisch betreuen zu können.

Am 25. Juli 1954 erfolgte die Weihe der neuen Glocken durch Pater Bernold. (Foto: Sammlung Eckhoff)

Diese Kirche gehört in unserer Region zu den wenigen Gotteshäusern aus der Zeit der Weimarer Republik (1. Spatenstich im Dezember 1924, Einweihung Ostern 1927); sie ist ein gutes Beispiel für den in den 1920er Jahren auch in Hagen wiederholt zu beobachtenden Nachklang des so genannten Historismus, also der eigentlich im 19. Jahrhundert üblichen Stil-Imitation.

Die dreischiffige Hallenkirche mit Tonnengewölbe, hohem Vorseitenturm und geschweifter, süddeutsch anmutender Fassadengestaltung lehnt sich an Vorbilder barocker Franziskaner-Kirchen an, die auch heute noch – trotz starker Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg und Veränderungen beim Wiederaufbau – gut ablesbar sind.

Als Erlöser

Der reiche Skulpturenschmuck an der Hauptschauseite stammt von Berthold Müller-Oerlinghausen (1893-1979) und seiner Ehefrau Jenny Müller-Wiegmann (1895-1962). Das damals in Hagen lebende Ehepaar Müller erhielt den Auftrag, die gesamte künstlerische Ausgestaltung der Franziskaner-Klosterkirche zu entwerfen – einschließlich Kanzel und Beichtstuhl. Einige Teile der Ausstattung sind erhalten.

Besonders bemerkenswert sind die Franziskusfigur und der „Christus am Kreuz“ an der Giebelfront. In Anlehnung an das 1925 von Papst Pius XI. eingeführte Christkönigsfest zeigen die Künstler hier Christus als königlichen Erlöser und nicht als den am Kreuz leidenden Sohn Gottes.