Vollbremsung in der Höllenstraße

Welche Gefahren lauern, wenn sich vor allem Kinder mit geringer Körpergröße unmittelbar vor einem Bus aufhalten, brachte Busschulen-Projektleiterin Tanja Thiel den Grundschülern näher. (Foto: Schievelbusch)

Hagen. (san) In hohem Bogen wird Alina nach hinten an die Hauswand geschleudert, als der Linienbus die Haltestelle anfährt. Viel zu nah stand sie auf der Bordsteinkante, an welche der Busfahrer ran muss, um keine Lücke für Rollstuhlfahrer oder Kinderwagen entstehen zu lassen. Gottlob war “Alina“ nur ein aufgemaltes Mädchen auf einer blauen Plastiktonne, gottlob hat der Busfahrer nicht geschlafen, sondern mit voller Absicht die Tonne gerammt. Aber die zuschauenden Viertklässler haben doch einen mächtigen Schreck bekommen.

Schulfach: Busfahren

Die 23 Jungen und Mädchen der 4b der Hestert-Grundschule besuchen die Busschule der Hagener Straßenbahn AG auf dem Betriebsgelände Am Pfannenofen. Nur die wenigsten von ihnen haben bereits Erfahrungen mit dem Busfahren, noch sind die Wege zur Schule kurz. Aber bald werden sie auf weiterführende Einrichtungen wechseln und quer durch die Stadt unterwegs sein. Tanja Thiel, Projektleiterin der Busschule, versucht die Kinder an diesem Vormittag umfassend und mit einprägsamen Beispielen darauf vorzubereiten.

Vorsicht an der Haltestelle

Sich an der Haltestelle nie zu nah an die Fahrbahn stellen – das hat der Unfall mit “Alina“ beeindruckend gezeigt. Größeren Kindern und Jugendlichen kann auch der Seitenspiegel in die Quere kommen. Denn zum Ein- und Aussteigen senkt sich der Bus seitlich noch ein gutes Stück nach unten. Absolut tabu ist das Hergehen vor einem Bus. Nicht nur, weil andere Verkehrsteilnehmer überholen, auch der Busfahrer kann von seinem Sitz Kinder unter einer gewissen Körpergröße einfach nicht sehen. Um das nachzuvollziehen, stellten sich einige Schüler unmittelbar vor die Fahrerseite, andere Kinder saßen auf dem Fahrerplatz und fanden fatalerweise: „Der Weg ist frei“.

Vollbremsung

Höhepunkt der Busschule ist wohl bei allen Schulklassen die Fahrt durch die “Höllenstraße“. Busfahrer Udo kündigt eine Vollbremsung an. Alle Kinder müssen auf den Plätzen sitzen und sich mit beiden Händen gut festhalten, Taschen liegen auf dem Boden. Nur Versuchsmädchen “Alina“ steht frei im hinteren Teil des Busses. Udo fährt an, beschleunigt, drosselt dann erst einmal wieder das Tempo – und tritt die Bremse durch. Einige Kinder müssen kurz aufschreien, sämtliche Taschen und Alina rutschen nach vorne. Nachdem sich die Achterbahn-Begeisterung gelegt hat und sicher ist, dass keiner sich weh getan hat, fragt der Busfahrer „Na, wie schnell war ich wohl vor dem Bremsen?“ „90“, „70“, gar „100 km/h“ schallen die Antworten. Alle komplett daneben. Gerade einmal langsame 15 km/h fuhr der Bus vor dem Bremsen. Tanja Thiel gibt dann auch zu bedenken: „Im Busalltag werdet ihr nicht vorgewarnt, der Bus ist vermutlich schneller und Taschen fliegen schon mal höher.“ Aber das richtige Festhalten sitzt.

Viele kräftige Arme stemmen den 22.000-Kilo-Bus - aber die Hebebühne hilft. Spannend fanden die Kinder die Busbeschau von unten. (Foto: Schievelbusch)

Busalltag

Dann lernen die jungen Busbenutzer noch so einiges über Beschilderungen im Businnern, über Notausstiegsfälle durchs Dach und die Benutzung der Nothämmer. Nicht schlecht staunten die Kleinen darüber, dass durschnittlich sieben Nothämmer am Tag gestohlen werden. Auch über die ausgestellten aufgeschlitzen und angebrannten Sitze, an den sich Vandalen zu schaffen machten, riefen ein ungläubiges und ehrliches Entsetzen hervor.

Viele Tipps

Was macht man, wenn man etwas im Bus vergessen hat, wie erkennt man anhand des Tickets oder des Busses, in welcher Linie man gefahren ist? Auch hierfür hat Tanja Thiel einige Tipps parat. Dass man keine Angst haben muss, in der Bustür eingequetscht zu werden, falls sich diese zu schnell schließt, durfte jeder Teilnehmer am eigenen Leib erfahren. Einzeln hat sich jeder Schüler in die Tür gestellt, die sich nach Körperberührung automatisch wieder öffnet.

Sichtlichen Spaß machte den neugierigen Viertklässlern, unter einen Bus – immerhin 22.000 Kilo schwer auf der Hebebühne – zu schauen und als krönender Abschluss durch die Bus-Waschanlage zu fahren.

Dreimal in der Woche hat Busschulen-Leiterin Tanja Thiel Hagener Grundschüler und Kindergartenkinder am Pfannenofen zu Gast. Sie bekommen alle ihre Rufnummer und steht zu Fragen auch rund um persönliche Buserlebnisse zur Verfügung. Und häufig klingelt das Telefon, freut sich die Straßenbahn-Mitarbeiterin über das große Interesse und die Wissbegierde der kleinen Busgäste.