Vom Meer zum Land

Hagen/Herdecke. (Red.) Im wochenkurier beschreibt die Hagener Diplom-Geologin Antje Selter seit einigen Wochen in einer kleinen Serie die steinernen Sehenswürdigkeiten der Volmestadt. Sie stellt also sogenannte Aufschlüsse vor. Fachleute sprechen von Geotopen. Ein herausragendes, weithin bekanntes Geotop ist auch der Schiffswinkel“ am Hengsteysee. Antje Selter erläutert:

Unter Geologen ist diese etwa 250 Meter lange Straßenböschung schon lange als bedeutender Aufschluss bekannt, der unter dem Namen Profil „Am Schiffswinkel“ in vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen beschrieben wurde (z.B. auch im GeoPark-Führer „Geologische Exkursionen in den Nationalen GeoPark Ruhrgebiet“, 2008, oder im Wanderführer „Von Korallenriffen, Schachtelhalmen und dem Alten Mann“, 2005). Längst ist er als Geologisches Naturdenkmal geschützt.

Am Nordufer der Hengsteysees an der Straße zum Elektrizitätswerk zu finden, zeigt er eine Folge mehrerer Gesteinsschichten. Die Schichtenfolge entlang des Seeufers reicht von der Ziegelschiefer-Zone des Namurs (vor 325 bis 317 Millionen Jahren) bis zu den Kaisberg-Schichten. Die Bildungszeit umfasst etwa 500.000 Jahre.

Entwicklung

Sehenswerter Schiffswinkel: Hier lässt sich in anschaulicher Weise die Entwicklung von den Gesteinen der "Ziegelschieferzone" des Flözleeren Karbons bis hin zum ersten dauerhaft auf dem Festland wachsenden Kohlemoor beobachten. (Foto: V. Wrede, Geologischer Dienst NRW)

Hier lässt sich in anschaulicher Weise die Entwicklung von den Gesteinen der „Ziegelschieferzone“ des Flözleeren Karbons, die noch in einem flachen Meeresbecken abgelagert wurden, über die in einem Delta entstandenen Sandsteine der Kaisberg-Formation bis hin zum ersten dauerhaft auf dem Festland wachsenden Kohlemoor beobachten, aus dem das Kohle-Flöz Sengsbank hervorging. Erläuterungstafeln, die Teil des „Energiewirtschaftlichen Wanderwegs“ in Herdecke sind, erklären die Schichtenfolge und den früheren Bergbau im Stollen „Gotthilf“.

Im Bereich einer Gesteinsfalte in der Nähe des Kraftwerkes treten abwechselnd Ton- und Sandsteinlagen auf. Diese wurden küstennahe im Meer abgelagert. Nach Norden hin (Richtung Kraftwerk) liegen diese Schichten flach. Im Umbiegungsbereich der Falte, dem sog. Faltenscharnier, biegen sie dann ziemlich abrupt in einen steilen Einfall um. Diese Faltenstruktur, mit dem flach liegenden Mittelteil, wird als Koffersattel bezeichnet.

Flaches Meer

Geht man den Uferweg Richtung „Schiffswinkel“ zurück, gelangt man in Gesteine jüngeren Alters. Zunächst herrschen noch Tonsteine vor, die für Meeresablagerungen typisch sind. Ein erstes mächtiges Sandsteinpaket (Grenzsandstein) markiert die Grenze zwischen dem älteren flözleeren und dem jüngeren flözführenden Oberkarbon. Zu dieser Zeit erstreckte sich in unserem Gebiet ein flaches Meer, das im Süden von einer Küstenebene begrenzt wurde. Von dem im Süden gelegenen Gebirge her verfrachteten Flüsse große Mengen an Abtragungsmaterial als Sediment in dieses Meeresbecken. Der Grenzsandstein ist der älteste Schwemmfächer, der weit in das Becken hinein verlagert wurde.

Dieses Flussdelta wurde zunächst wieder vom Meer überflutet, was in den überlagerten Tonsteinen dokumentiert ist. Schon bald baute sich ein neues Flussdelta auf (Kaisberg-Sandstein). Es folgt nun ein Zyklus aus Meeresüberflutungen und Sedimenteinträgen durch Flusssysteme. Ab dem Bereich des Sengsbank-Sandsteins fiel das Gebiet für längere Zeit trocken und es konnten sich erste Waldmoore bilden. Aus diesen torfigen Ablagerungen entwickelte sich das Flöz Sengsbank, das hier etwa 50 cm Kohle führt.

Jetzt schöner?

War bis vorletzten Jahres der größte Teil des Berghangs über der Straße bewaldet oder mit dichtem Gestrüpp bedeckt, aus dem nur bereichsweise einzelne markante Felspartien herausragten, so haben Sanierungsarbeiten nun die gesamte zusammenhängende Felswand bis in große Höhe freigelegt. Der Fels wurde vom Hangschutt befreit und durch Felsanker, großflächige Steinschlag-Schutznetze und auch einige Partien durch Spritzbeton gesichert.

In der Aufschlusslücke, die bisher zwischen der Sattelumbiegung und dem sog. „Grenzsandstein“ bestand, haben die Sanierungsarbeiten nun auch noch für eine Überraschung gesorgt: In dieser Partie verbarg sich ein komplizierter Faltenbau, der in dieser Form vorher nicht erkennbar war. Ob der Aufschluss „Am Schiffswinkel“ jetzt schöner ist als vorher, mag jeder für sich selbst entscheiden, der großflächige Einblick, den der Berghang jetzt in die Geologie gewährt, ist auf jeden Fall einen Besuch wert. (Zitat: Mattias Piecha, Geologischer Dienst NRW, Krefeld).