Von Hexen und Feen

Am dritten Schultag ihres erst fünfjährigen Lebens stand ­Sarina um 11.55 Uhr mutterseelenallein am Rande der ­Innenstadt. Sie sprach Passanten an, ob sie ihr helfen könnten, den Papa zu finden. Sie hätte sich verlaufen. Der Papa wäre nicht da gewesen, der habe zum Arzt gemusst. Die Mama würde im Krankenhaus arbeiten. Zuhause sei keiner. Oma, Opa und alle anderen seien gerade in Georgien und nun wisse sie nicht mehr weiter und bestimmt suche der Papa sie inzwischen auch. Aber wo nur?
„Kannst du mir helfen?“, fragte sie auch mich. Als über das Schulsekretariat die Suche nach ihrem Papa angeleiert war, wartete sie in meinem Büro. Sie erzählte mir wort­reich in noch recht wildem jungen Deutsch, was „die Herr Frau Lehrer“ so alles gesagt hat über das Deutsch-Lernen vor allem.
Ich gebe ihr einen Kugelschreiber zum Malen. „Ich male ein Kind, das sich verlaufen hat“, sagt sie. „Ich hatte schon mal Alpträume, dass mich eine Hexe fressen will. Hast du dich auch schon mal verlaufen? Hast du auch Alpträume?“
Ich erzähle ihr, dass auch Erwachsene sich mal verlaufen. „Wo denn?“, staunt sie. „Na, ich hab mich zuletzt in einem Wald verlaufen“, versichere ich ihr. Wie soll ich ihr aber erklären, dass Erwachsene auch Alpträume haben, allerdings andere als Kinder, auch gruselig, aber eben ohne Hexen?
Aber da redet sie schon weiter, erzählt von der Heimat der Familie, von Georgien. „Da hab ich mal ein armes Mädchen gesehen. Das hatte sich nicht verlaufen, aber das war auch ganz allein. Das hatte gar nichts, nur so ganz, ganz dreckige Sachen, war auch ganz dreckig. Das hatte kein Haus. Badezimmer hatte es auch nicht. Gar nichts. Das hat dann… in so ein Loch… so einfach in der Erde… und dann… hat es sich so… mit der Hand sauber gemacht…“, schüttelt sie sich.
Was für ein Alptraum an ­Armut und Verlassenheit! Siehst du, kleine Sarina, wenn sie so etwas hören, hoffen sogar Erwachsene, dass das Wünschen noch helfen könnte und dass es doch noch gute Feen gäbe.
Schönen Sonntag.