„Von wegen eine Stunde geschenkt“

Iserlohn/Schwerte/Dortmund/Hagen/EN-Kreis. (MM) Fragt man den durchschnittlichen Deutschen, was ihn im Alltag so richtig nervt, dann kann man mit den unterschiedlichsten Antworten rechnen. Von Staus und Bahnstreiks über Handyakkus, die immer genau dann leer sind, wenn man telefonieren will, bis hin zu den Preisen für belegte Brötchen. Ein Lieblings-Hassobjekt haben aber die meisten Deutschen gemein: Die zweimal jährliche „Uhren-Umstellerei“ zur Sommer- beziehungsweise Winterzeit. An diesem Wochenende ist es wieder soweit: In der Nacht auf Sonntag, 31. Oktober, werden die Uhren in Deutschland von drei Uhr auf zwei Uhr zurückgestellt. Das heißt: Die meisten von uns können am Sonntagmorgen ein Stündchen länger schlafen. Beliebt ist das Ende der Sommerzeit deshalb trotzdem nicht… – denn viele Menschen haben aus unterschiedlichsten Gründen mit der Umstellung Probleme.

Eltern mit jüngeren Kindern zum Beispiel haben von der „geschenkten“ Stunde oft nichts. „Von wegen geschenkt“, meint Michael E., zeitumstellungserprobter dreifacher Vater. „Die Kinder werden zur selben Zeit wach wie immer, egal was die Uhr sagt.“ Und nicht nur das: Für Kindergarten, Schule etc. müssen sich die Kleinen ja auch an die „neue Zeit“ gewöhnen. „Es dauert so um die 14 Tage, sie auf den neuen Rhythmus umzustellen.“ Anfangs leide man unter „Stress pur“.

„Ist wie beim Kühemelken“

Davon kann auch Elke Richter ein Liedchen singen. Sie kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als sie ihre kleine Tochter stillte. „Das ist wie beim Kühemelken – nach der Zeitumstellung muss man das Stillen erst wieder in den normalen Tagesablauf bringen“, erklärt die junge Mutter. Und auch heute mit einer mittlerweile zweijährigen Tochter ist die Sache mit dem Essen nicht ganz einfach. „Nach der Umstellung im Herbst hat die Kleine schon vor der Mittagszeit einen Riesenhunger – denn schließlich ist es, wenn es um 12 Uhr Mittagessen gibt, eigentlich schon 13 Uhr.“

Aber eigentlich findet sie die Umstellung im Herbst längst nicht so schlimm wie die im Frühjahr, wenn uns allen eine Stunde Schlaf fehlt. „Da gerät dann alles aus dem Rhythmus, morgens muss man das Kind aus dem tiefsten Schlaf wecken, und auch das mit dem Mittagsschlaf klappt nicht so, wie es sollte“, so die junge Mutter.

Jede dritte Frau leidet

Nicht nur Kinder, auch Frauen leiden überdurchschnittlich unter der Zeitumstellung. Laut DAK-Umfrage macht die Umstellung im Herbst jeder dritten Frau zu schaffen, sie kämpfen mit Müdigkeit und Schlafstörungen, sind gereizt und unkonzentriert. Bei den Männern gibt nur jeder Fünfte an, mit der zusätzlichen Stunde Probleme zu haben. Die Erklärung der Experten: „Frauen reagieren oft sensibler auf Veränderungen ihres Körpers“, so Dr. Susanne Bleich, Ärztin bei der DAK. „Sie hören genauer in sich hinein und spüren Alarmsignale wie Erschöpfung oder Müdigkeit schneller.“

Wundern sollte es uns nicht, dass eine von Menschen beschlossene Änderung des Lebensrhythmus’ nicht ohne Irritationen vonstatten geht, schließlich passt sich unser Körper an die Jahreszeiten an. „Die innere Uhr… synchronisiert sich dabei mit der Umwelt – das Sonnenlicht ist der wichtigste ’Zeitgeber’“, so die Ergebnisse eines Forscherteams rund um Professor Till Roenneberg vom Zentrum für Chronobiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Die Zeitumstellung unterbricht die Anpassung der inneren Uhr an den jahreszeitlich unterschiedlichen Tag-Nacht-Zyklus. „Das Argument, bei der Zeitumstellung handle es sich ’nur’ um eine Stunde, trügt“, so Professor Till Roenneberg. „Es ist durchaus denkbar, dass die Zeitumstellung langfristig weit größere Auswirkungen hat als bisher geglaubt.“

Vorsicht Unfallgefahr

Ein Effekt, der nicht zu unterschätzen ist: Nach der Zeitumstellung im Herbst steigen die Unfallzahlen im Straßenverkehr. „Das liegt zum einen daran, dass viele Autofahrer einen Mini-Jetlag durch die Zeitumstellung haben, was häufig der Konzentration schadet“, so Professor Dr. Dirk Windemuth vom Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Hinzu kommt jedoch auch die ungewohnt frühe Dunkelheit am Nachmittag: Wer bisher noch im Hellen nach Hause fuhr, muss nun eventuell schon mit Dämmerung oder Dunkelheit rechnen, denn nach der Zeitumstellung geht die Sonne bereits um 17 Uhr unter. Deshalb mahnt die Hannelore-Kohl-Stiftung auch in diesem Herbst zur besonderen Vorsicht, nachdem wir alle wieder einmal „an der Uhr gedreht“ haben…