Vor 100 Jahren: Vorhaller bauen Liebfrauen-Kirche

Hagen. (ME) Und weiter geht’s in unserer Architektur-Serie „Jugendstil & Co.“, worin wir uns bekanntlich mit der Baukunst in Hagen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts beschäftigen.

Am 27. Oktober 1912 konnte die Liebfrauen-Kirche mit einer einstweiligen Weihe der Gemeinde übergeben werden, allerdings zunächst ohne Glockenturm, der erst 1924 gebaut wurde. (Foto: Michael Eckhoff)

Heute blicken wir noch einmal auf Kirchenbauten, die unter dem Einfluss des Historismus stehen. Unter dem Begriff „Historismus“ versteht man den Stil jener Zeit. Typisch für ihn ist die Verwendung alter – also historischer – Vorbilder. Bei Kirchen beispielsweise griff man gerne auf Mittelalter-Vorbilder zurück (Romanik, Gotik).

 

In Haspe feiert die evangelische Kirche an der Frankstraße derzeit ihr 150-jähriges Bestehen. Dieses Gotteshaus von 1861 ist die erste Kirche überhaupt, die in einem Hagener Vorort im 19. Jahrhundert gebaut worden ist. Der Hasper Bau steht noch stark unter dem Eindruck des preußischen Klassizismus’.

„Schlag auf Schlag“

In den Jahren darauf ging es dann aber „Schlag auf Schlag“. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstand ein gutes Dutzend neuer Gotteshäuser – meist geplant unter dem Einfluss der von mittelalterlichen Vorbildern geprägten „Kölner Richtung“ (Neugotik). Die beiden wichtigsten in Hagen tätigen Baumeister in „Kölner Tradition“ waren G.A. Fischer und insbesondere der Neugotiker Clemens Caspar Pickel (1847-1939).

Pickel entwarf St. Marien an der Hochstraße (1892/95), St. Michael an der Lange Straße (fertiggestellt 1915) und die zunächst unvollendet gebliebene Herz-Jesu-Kirche an der Eilper Straße (1897/98).

Fischer wirkte an der katholischen Bonifatius-Kirche in Hohenlimburg mit (1863/85), schuf die Bonifatius-Kirche in Haspe (1872), sodann das evangelische Gotteshaus an der Vorhaller Straße (eine neugotische Hallenkirche von 1900/03), ferner zahlreiche Umbauten sowie St. Johannes Baptist in Boele.

Aus dem Norden und Süden Hagens sind darüber hinaus zwei Beispiele hervorzuheben:

Christuskirche Eilpe

Architekt Pinnekamp löste sich im Innern entscheidend von den historischen Vorbildern zugunsten einer freieren Gestaltung, die ihren Höhepunkt in einem schon in die Moderne weisenden Rabitzgewölbe erfährt. (Foto: Michael Eckhoff)

Auch mit der evangelischen Christuskirche, Eilpe, Hohle Straße, zeigt sich – trotz einiger kriegsbedingter Veränderungen – ein gut erhaltener Vertreter der Neogotik. Geplant 1896 von Baurat Karl Siebold (Bielefeld), entstand bis 1898 ein dreischiffiges, reich gegliedertes Gotteshaus mit vorgesetztem Turm aus rauem Bruchsteinmauerwerk. Die Christuskirche gilt nach Auffassung der Denkmalpfleger als „qualitätvolle Verbindung der ev. Predigtkirche mit einem mittelalterlichen Hallenkirchentypus“. Sowohl die zugehörige Platzsituation wie auch das Pfarrhaus zeigen sich ebenfalls großenteils im Zustand der Erbauungszeit.

Liebfrauen-Kirche Vorhalle

im Gegensatz dazu steht die katholische Liebfrauen-Kirche in Vorhalle. Die Basilika ist ein Entwurf des Bochumer Architekten Carl Pinnekamp (1872-1955). Das 1910/12 erbaute Gotteshaus an der Liebfrauenstraße stellt ein gutes Beispiel für den sich dem Ende zuneigenden Historismus dar, denn Pinnekamp löste sich im Innern entscheidend von den historischen Vorbildern zugunsten einer freieren Gestaltung, die ihren Höhepunkt in einem schon in die Moderne weisenden Rabitzgewölbe erfährt. Von der originalen Ausstattung, an der Künstler der einst bedeutenden Wiedenbrücker Schule mitgewirkt haben, blieben erhebliche Teile erhalten. Neben der Kirche: das zugehörige Pfarrhaus, ebenfalls entworfen von Pinnekamp.

Unlängst hatte der wochenkurier-Reporter das Vergnügen, an einer Führung von Benno Schmolke teilnehmen zu können. Schmolke gilt als hervorragender Kenner der Liebfrauen-Geschichte und plant anlässlich des im nächsten Jahr anstehenden 100. Geburtstages eine Buch-Veröffentlichung.

Erstmals wurde ein größeres Publikum auf die Liebfrauen-Kirche vor vier Jahren aufmerksam. Damals präsentierte sich das Gotteshaus anlässlich des Tages des offenen Denkmals. Seinerzeit gab es auch einen kleinen Text über die Kirche, verfasst von Pfarrer Dr. Gert Schneider. Daraus zitiert der wochenkurier heute:

Nur wenige Katholiken

An der Liebfrauen-Kirche lassen sich viele nette Details entdecken - so zeigt ein Säulen-Kapitell die Darstellung des Vorhaller Gotteshauses. (Foto: Michael Eckhoff)

Die Bauernschaft Vorhalle zählte Ende des 19. Jahrhunderts nur wenige Katholiken, die teils von Hagen, teils von Herdecke seelsorgerlich betreut wurden. Die rasche Industrialisierung, besonders der Baus des großen Güter-Verschiebebahnhofs, ließ die Bevölkerung Vorhalles schnell anwachsen. Der Zuzug katholischer Arbeiterfamilien aus dem Sieger- und Sauerland machte bald die Gründung einer eigenen Seelsorgerstelle erforderlich. Die Gläubigen mussten allerdings zunächst in einem provisorisch als Betsaal eingerichteten Raum des Vereinshauses Gottesdienst feiern. Am 2. April 1897 wird Vorhalle eine selbstständige Vikarie mit einem eigenen Seelsorger und am 1. Juli 1921 Pfarrei. Dem großen Engagement des damaligen katholischen Männervereins ist es zu verdanken, dass die Vorhaller Katholiken große Spenden zum Bau einer eigenen Kirche aufbrachten.

Der Bau der Kirche

Am 4. Oktober 1911 beschlossen Kirchenvorstand und Gemeindevertretung Vorhalle den Bau der Kirche und am 11. Oktober begannen die Ausschachtungsarbeiten. Am 10. Dezember fand bereits die Grundsteinlegung statt. Mit dem Kirchbau wurde der Bochumer Architekt Carl Pinnekamp betraut. Er gehörte zu den herausragenden Kirchenarchitekten seiner Zeit, was der vorwiegend aus Arbeitern mit geringem Einkommen bestehenden Kirchengemeinde Vorhalle zur hohen Ehre gereicht.

Die Baukosten betrugen 100.000 Mark. Am 27. Oktober 1912 konnte die Kirche mit einer einstweiligen Weihe der Gemeinde übergeben werden, am 16. Oktober 1916 fand die endgültige Weihe statt, allerdings zunächst ohne Glockenturm, der erst 1924 gebaut wurde. Patronatsfest ist „Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz“ am 7. Oktober. Damit gehört die Vorhaller Liebfrauenkirche zu den zahlreichen Marienkirchen in Deutschland.

Die Architektur

Eine eher ungewöhnliche Gestaltung: Der Hochaltar ist von einer Kreuzesdarstellung in der Art romanischer Scheibenkreuze gekrönt. (Foto: Michael Eckhoff)

Die dreischiffige Basilika in einer sehr guten Gesamtproportion kann als Zeugnis beispielhafter Neuromanik gelten. Mit dem Wechsel von eckigen Pfeilern und Rundsäulen mit reich geschmückten Kapitellen, der Anlage von Mittel- und Seitenschiffen im sogenannten „gebundenen System ohne Querhaus“ steht der Bau ganz in der Tradition romanischer Basiliken. Die halbkreisförmige fensterlose Apsis ist von einer Kuppel überwölbt. Der Hochaltar ist von einer Kreuzesdarstellung in der Art romanischer Scheibenkreuze gekrönt.

In den Jahren 1934 bis 1937 entstanden von Arnold Carnot gemalte großflächige Bilder mit Szenen aus dem Leben von Maria. Bei der grundlegenden Renovierung 1985 wurde den Erfordernissen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil entsprechend eine Altarinsel errichtet, die sich harmonisch in den Kirchenbau einfügt. 1999 wurde in der ehemaligen Pieta-Kapelle ein Raum für kleinere gottesdienstliche Feiern errichtet. Eine schmiedeeiserne Gitteranlage am Hauptportal erlaubt die Öffnung der Kirche außerhalb der Gottesdienstzeiten, so dass der Kirchenraum betrachtet werden kann, ohne ihn ganz zu begehen.

Der Hochaltar

Der Hochaltar, heute Sakramentsaltar, geschaffen von Anton Bieker (Wiedenbrück), wurde 1988 renoviert. Die Glorienscheibe des Kreuzes ist von Großbuchstaben beschriftet mit einem Zitat aus dem Johannesevangelium: „Wenn ich am Kreuze werde erhoehet sein, dann werde ich alles zu mir emporziehen.“ Links und rechts am Altar befinden sich Bilder von der Geburt und der Grablegung Jesu Christi. Unterhalb der großen Altarbilder gibt es die Darstellung der Sakramente.

Die Fenster

Zahlreiche Bilder zieren die Kirche. (Foto: Michael Eckhoff)

Im Zuge der Gesamtrenovierung 1985/86 erhielt der ganze Kirchenraum eine neue Buntverglasung, die sich der Thematik der einzelnen Wandbilder von Arnold Gernot aus dem Jahre 1936 anschließen. Die Entwürfe stammen von Dombaumeister Dohmen aus Essen, die Ausführung übernahm Glasmaler Peters aus Paderborn. Die Bilder stellen in der unteren Reihe die Gesetze des Rosenkranzes dar: Freudenreicher Rosenkranz, Schmerzhafter Rosenkranz, Glorreicher Rosenkranz. Die Darstellungen der oberen Reihe lehnen sich an die Reliefbilder von Gernot an und stellen Stationen im Leben Marias dar.

Die Kreuzwegstationen

Die Bilder mit den Kreuzwegstationen entstanden etwa um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und wurden nicht eigens für die Liebfrauenkirche gemalt; nähere Angaben dazu fehlen.

Die Glocken

Nach der Errichtung des Glockenturmes wurden 1926 vier Glocken angeschafft, drei von ihnen mussten im Zweiten Weltkrieg abgegeben werden, so dass von den ursprünglich vier Bronzeglocken nur eine übrig blieb, ohne Inschrift, Tonart: g’.

Soweit der Auszug aus der Darstellung von Pfarrer Schneider.