Vor 33 Jahren auf letzter Fahrt: Erinnerungen an die Kleinbahn im Nahmertal

Von Michael Eckhoff
Hagen. Normalerweise hat er Bewegungsmuffel im Visier:
Ernst-August Siegmund ist in der regionalen Laufszene kein Unbekannter. 1988 hat
er den Emster Lauftreff gegründet und 1991 den vom Fußball- und
Leichtathletikverband abgesegneten ersten Walking-Treff in Westfalen.
Was weniger bekannt ist: Ernst August Siegmund hat früher seine Brötchen als
Lokführer bei der Hohenlimburger Kleinbahn verdient. Vor genau 33 Jahren schlug
ihr letztes Stündchen. Ein guter Grund, sich an die Kleinbahn zu erinnern, die
jahrzehntelang durchs Tal der Nahmer tuckerte.
In engen Tälern
Vor gut hundert Jahren wurden auch im Hagener Raum in einigen engeren Tälern
schmalspurige Eisenbahnstrecken gebaut, sogenannte Kleinbahnen: zum Beispiel im
Hasperbachtal (als Verbindung nach Voerde und Breckerfeld), in Rummenohl
(Sterbecketal) und im Hohenlimburger Nahmertal.
Von all diesen Unternehmen hat die „Hohenlimburger Kleinbahn AG“ (HKB) am
längsten bestanden. Gegründet wurde sie im Jahr 1900. Am 23. Dezember 1983 zogen
die Dieselloks zum letzten Mal ihre Rollwagen vom Hohenlimburger Bahnhof in die
Betriebshallen längs des Nahmerbaches. Als Zugführer stand Ernst-August Siegmund
bis zum bitteren Ende in den Diensten des Unternehmens.
Mitten in der Straße
Siegmund blickt zurück: „1968 trat ich als Zwanzigjähriger meinen Job bei der
Kleinbahn an. Zunächst musste ich eine zweijährige Ausbildung absolvieren, um
alle Abläufe von der Pike auf zu lernen. Dazu gehörten Tätigkeiten bei der
Güterabfertigung ebenso wie Kenntnisse im Zusammenhang mit der Verkehrsregelung.

Denn man darf nicht vergessen, dass für die Kleinbahn nur an wenigen Stellen
eine eigene Trasse existierte – ansonsten verliefen ihre Gleiskörper großenteils
am Rande oder sogar mitten in den normalen Straßen, quasi wie eine Straßenbahn,
und da konnte es natürlich ab und zu Konflikte mit Autofahrern geben.“
„Leider passierten auch Unfälle – ich habe noch vor Augen, wie ein Mann zu
Tode kam, überrollt vom mehreren Waggons. Man musste zudem höllisch aufpassen,
dass die Rollwagen richtig beladen wurden – geschah dies nicht, konnte es schon
mal vorkommen, dass sich in den engen Kurven zwei Wagenpuffer ineinander
verkeilten.“
Mit Rollwagen
Siegmunds Dienst begann immer um sechs Uhr in der Früh mit Wartungsarbeiten –
etwa mit dem Abschmieren der Loks. „Verbunden war dies mit einer kurzen
Sicherheitsüberprüfung.“
War alles in Ordnung, konnten die Zugführer „lostuckern“. Entweder ging es
zum DB-Bahnhof, um dort bereitstehende Bundesbahn-Waggons abzuholen – beladen
meist mit dem Stahl, den Unternehmen wie Hoesch, Krupp oder Wälzholz benötigten.
Oder die Zugführer mussten die Betriebshallen der angeschlossenen Firmen
ansteuern, weil von hier aus die mit einer 30-Tonnen-Fracht bestückten Waggons
das Tal hinab zum Bahnhof gebracht werden mussten. Transportiert wurden meist
Coils, also „Draht“-Rollen, die im Nahmertal kaltgewalzt worden waren.
Mit Rollwagen
Dabei wurden die DB-Waggons nicht direkt zu ihrem Bestimmungsort gezogen,
sondern lediglich mittels spezieller Rollwagen. Dies war wegen der Spurweite
vonnöten. Während die normalen Waggons für die übliche Bundesbahn-Spurweite
(1.453 Millimeter) gebaut worden waren, verfügten die Kleinbahnen nur über 1.000
Millimeter. Deshalb konnte der Waggon-Transport nur über die Rollwagen
abgewickelt werden. Das heißt: am DB-Bahnhof existierte eine Rampe, mit deren
Hilfe die großen Waggons problemlos vom Bundesbahn-Gleiskörper auf die Rollwagen
und zurück wechseln konnten.
Starker Rückgang
In den stärksten Zeiten schlugen die Rollwagen der HKB über 200.000 Tonnen
Güter jährlich um (Beförderungsleistung 1960: 208.000 Tonnen), doch schon in den
1970er Jahren ging der Umschlag gravierend zurück – 1974 erzielte die Kleinbahn
lediglich „schlappe“ 137.000 Tonnen.
In ihren letzten Jahren verfügte die HKB über fünf Dieselloks, 45 Rollwagen
(die bis zu 42 Tonnen bewältigen konnten), rund 20 Mitarbeiter und eine 11,5
Kilometer umfassende Gesamtgleislänge. Die wichtigsten Produktionsstätten von
Krupp, Wäzholz etc. im Nahmertal konnten mittels 19 Anschlussgleisen erreicht
werden.
Wenige Spuren
Von der HKB blieb nur wenig sichtbar. Im einstigen Lokschuppen etablierte
sich eine Moschee, eine Lok wurde von der Märkischen Museumseisenbahn in
Plettenberg übernommen, eine weitere Lok wurde von der Firma Wälzholz als
Denkmal auf einen Sockel gestellt. Ebenfalls noch vorhanden ist das frühere
Verwaltungsgebäude an der Mühlenteichstraße. Ansonsten muss man ein wirklich
guter Spurenleser sein, will man noch Reste in der Landschaft entdecken.