Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele

Hagen. (ME) Vor 200 Jahren erblickte Friedrich-Wilhelm Raiffeisen das Licht der Welt. Ihm und dem vor 210 Jahren geborenen Hermann Schulze-Delitzsch gebührt die Ehre, die Genossenschaftsidee in Deutschland entwickelt zu haben, die übrigens mittlerweile sogar zum Weltkulturerbe zählt. Raiffeisens Kerngedanke: „Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele.“

Zahlreiche Volksbanken, die bäuerlichen Raiff­eisen-Firmen, aber auch etliche Bau- und Taxi-Genossenschaften feiern in diesem Jahr den runden Geburtstag ihres Wegbereiters. „Raiffeisens Idee“, sagt auch Hermann Backhaus, der Vorstandsvorsitzende der Märkischen Bank in Hagen, „ist zeitlos zeitgemäß.“

Denn Raiffeisen hat nicht nur Geschichte geschrieben, sondern etwas geschaffen, was weiter fort lebt und heutzutage vielleicht sogar lebendiger denn je ist.

Wie lebendig diese Geschichte ist, beweist das vielleicht schönste Geschenk, das die Märkische Bank ihrem Wegbereiter machen konnte. Sie ließ von keinem Geringerem als dem renommierten Street-Art-Künstler Martin Bender ein riesiges Wandgemälde schaffen. Abgebildet sind Raiffeisen und hinter ihm Schulze-Delitzsch. Zu sehen ist das Kunstwerk auf einer Seitenfassade des Bankgebäudes in Sichtweite des Kundenparkplatzes an der Bahnhofstraße.

Im Zuge der Industrialisierung (Stichwort: Hasper Hütte) nahm die Einwohnerzahl auch in Haspe um 1900 stetig zu. Hütten-Arbeiter gründeten daraufhin einen Bau- und Sparverein (die heutige GWG), der seine ersten Bauten am Steinplatz errichtete. (Foto: Michael Eckhoff)

In Hagen seit über 125 Jahren

Seit über 125 Jahren gibt es auch in Hagen Genossenschaften. Und wie gesagt: trotz ihres Alters gehören sie absolut nicht zum „alten Eisen“. Im Gegenteil – ihr Geschäftsmodell ist aktueller denn je.

Das Genossenschaftswesen ist vielfältig. Wir stoßen darauf in

  • Weinregionen (Winzergenossenschaften) ebenso wie im
  • bäuerlichen Bereich (Raiffeisen-Geschäfte, Vertriebsfirmen, Molkereien etc.), in der Energieerzeugung (man denke an einige Windpark-Betreiber), im
  • Verkehrsgewerbe (z.B. Taxi-­Zentralen), natürlich im Lebensmittelhandel (hier sei an den früheren „Konsum“ erinnert), sodann, sehr prägend, beim
  • Wohnungsbau (Wohnungsgenossenschaften), in der Forstwirtschaft, im Handwerk oder – ganz stark – in der
  • Finanzbranche (Darlehenskassen, Raiffeisen- und Volksbanken).

Seltener sind Kulturgenossenschaften anzutreffen – das können zum Beispiel spezielle Künstlerbünde, Kulturzentren oder Schulgenossenschaften sein.

Gemeinsames Ziel

Letztendlich gleicht eine Genossenschaft einem Verein: Menschen schließen sich zusammen, weil sie gemeinsam ein Ziel erreichen möchten.

Ein Verein darf in der Regel aber keine wirtschaftlichen Interessen verfolgen. Das ist in der Genossenschaft anders –sie wird gerne dann gegründet, wenn es vorrangig um wirtschaftliche Aspekte geht. Man wird Mitglied, zahlt eine festgelegte Summe ein und profitiert dann von der Leistung. Man fördert sich sozusagen finanziell gegenseitig. Bauern beispielsweise schließen sich in einer Genossenschaft zusammen, um etwa gemeinsam Saatgut günstiger einkaufen, Getreide profitabler verkaufen und Milch effizienter verarbeiten zu können.

Dies alles hat mit Solidarität, Selbsthilfe und Selbstverwaltung zu tun – nach dem Motto: „Gemeinsam geht’s besser.“ Denn wer Mitglied einer Genossenschaft ist, ist praktisch ihr Mitbesitzer. Der Jurist spricht davon, dass es hier um einen „gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb“ geht.

Der Selbsthilfe-Aspekt wird auch deutlich bei den Volksbanken – sie trugen einst entscheidend dazu bei, den „Kredit für kleine Leute“ zu ermöglichen. Und die Wohngenossenschaften waren im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer wieder ein entscheidender Faktor, der Wohnungsnot zu begegnen.

Im Mittelalter

Die Anfänge liegen weit zurück. So gab es beispielsweise schon im Mittelalter in manchen Städten Beerdigungsgenossenschaften (ihre Mitglieder ermöglichten sich gegenseitig ein angemessenes Begräbnis). In der Neuzeit waren es zunächst Engländer, die das Genossenschaftswesen populär machten.

Mitte des 19. Jahrhunderts traten Politiker wie Friedrich-Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch in Deutschland an, um die Genossenschaftsidee ins Bewusstsein zu rücken.

Besonders prägend sind in unserem Land die Wohnungsbaugenossenschaften – sie spielen vielerorts eine führende Rolle im Städtebau. Die deutschen Wohnungsgenossenschaften erlebten einen ersten großen Gründungsboom im späten 19. Jahrhundert, als unter anderem zahlreiche Bau- und Sparvereine sowie Beamtenwohnungsvereine entstanden. So auch in Hagen, wo zuallererst die Gründung der Eisenbahner-Wohnungsgenossenschaft erfolgte (1892). Wenig später traten an Volme und Ennepe weitere Gesellschaften hinzu, etwa die Bau- und Sparvereine von Hagen und Haspe oder der Beamtenwohnungsverein. Weitere folgten in den 1920er Jahren – etwa der Hohenlimburger Bauverein.