Wenn sich Afrika und Hagen die Hand geben

Dreimal Traoré: Lindsey, Adama und Nadine (v.l.) haben Musik im Blut. Als Adama and Kids treten sie auf. (Foto: Andrea Schneider)
Dreimal Traoré: Lindsey, Adama und Nadine (v.l.) haben Musik im Blut. Als Adama and Kids treten sie auf. (Foto: Andrea Schneider)

Hagen. (as) Ihre Hände wollen nicht stillhalten. Mit ihren Fingern trommelt Lindsey Traoré einen Rhythmus – mal auf dem Tisch, mal auf dem Papierstapel. Energie pur. Sie lacht Schwester Nadine und Papa Adama Traoré an. „Bob-Marley-Musik ist nichts für uns“, sagt sie. „Wir sind eher die Partymacher.“ Eine Reggae-Party, fröhlich, quirlig, lebendig und bunt – jedoch garniert mit Texten, die von sozialer Gerechtigkeit und Frieden erzählen. Lebensbejahende afro-karibische Klänge, gepaart mit knallharten politischen Aussagen. Wie geht das denn? „Gut“, sagt Adama Traoré. „Das geht sehr, sehr gut.“

Lebensfreude und Rebellentum – das sind die zwei Konstanten im Leben von Adama Traoré. Geboren wurde er an der Elfenbeinküste. Dort wurde ihm seine Begeisterung für den Reggae eingepflanzt. Ganz in der Nähe seiner Schule wohnte ein bekannter Reggae-Künstler. „Wenn er seine Anlage aufdrehte, waren wir mitten im Konzert“, sagt Adama Traoré.

Festhalten an den Schalthebeln

Schon früh hatte Adama Traoré einen scharfen Blick für politische Missstände. Mit seiner liberalen, den Menschen zugewandten Haltung eckte er an. Noch heute rümpft er die Nase über das zähe Sitzfleisch herrschender Politiker, die nach Jahren und Jahrzehnten den Kontakt zu den Menschen, denen sie eigentlich dienen sollten, völlig verlieren. Er kritisiert deren Festhalten an den Schalthebeln der Macht. „Zwei Wahlperioden sollten für jeden genug sein“, sagt er mit Überzeugung.

Als der Präsident der Elfenbeinküste, Félix Houphouet-Boigny, in den 80ern mit der Basilika „Notre Dame de la Paix“ (Unserer Lieben Frau des Friedens) in Yamoussoukro eines der größten Gebäude der Christenheit errichtete, war für ihn das Maß voll. Nein, er sah darin nicht das Symbol für den Stolz und die Größe Afrikas. Er betrachtete das Bauwerk, das in seinen Grundmaßen größer ist als der Petersdom, als Symbol puren Größenwahns, als Denkmal eines Präsidenten.

Er wollte gehen, irgendwo hin, wo er nicht der Willkür und den Verrücktheiten beharrender politischer Meinungsträger ausgesetzt war. Nach Frankreich? „Nein, nein, das wäre, als würde man zum großen Bruder gehen.“ Einfach nach Norden. Nach Skandinavien vielleicht. „Zu den Wikingern“, sagt er und grinst wie wohl nur Adama Traoré grinsen kann. Doch es kam anders: Mit einem Zwischenstopp in Köln blieb er in Hagen hängen. Das war 1989 – in seinem Heimatland war die Basilika mittlerweile fertiggestellt, Papst Johannes-Paul II. zierte sich jedoch noch ein ganzes Jahr, das Gotteshaus im Westen Afrikas einzuweihen.

Unterricht an der Max-Reger-Musikschule

In Hagen baute er sich ein neues Leben auf. Musik begleitete ihn nach wie vor. Er nahm Unterricht an der Max-Reger-Musikschule. Und er arbeitete als Drucker. 20 Jahr lang. Dann erging es ihm wie vielen seiner Drucker-Kollegen in mittleren Jahren. Er wurde entlassen. Arbeitgeber im hart umkämpften Druck-Gewerbe nutzten die Möglichkeit, kurzfristig langzeitarbeitslose Drucker mit satten staatlichen Förderzuschüssen einzustellen.

Nun war Adama Traoré arbeitslos. Doch er machte das Beste aus der ungewohnten Situation. Er intensivierte seinen Musikunterricht an der Max-Reger-Musikschule, absolvierte Seminare bei der SIHK – und machte sich als Musiker selbstständig. Er komponierte, textete und gründete die Band Sunshine Reggae.

Doch er hatte die Rechnung ohne seine beiden Töchter gemacht. Die saßen bei ihm, während er für die Musikschule übte, klimperten mit auf den Instrumenten und sie sangen. „So viel Talent und Begeisterung muss man fördern“, sagte sich Adama Traoré und meldete auch seine Töchter an der Musikschule an. Und wie die beiden Mädchen lernten. Kaum ein Instrument war vor ihnen sicher: Sie erprobten sich in Klavier, Cello, Saxophon, Bassgitarre und Gesang.

Mit Bass, Gitarre und viel Gesang

Heute spielt Nadine den Bass, Lindsey die Gitarre. Und beide singen, wenn sie mit ihrem Vater Adama als „Adama and Kids“ den Reggae auf den Bühnen zelebrieren, meist gemeinsam mit Sunshine Reggae.

Erst im vergangenen Jahr hat das Familien-Trio ein neues Album herausgebracht. „Mama Koné Karidja“ heißt es und ist ein Plädoyer für Frieden, Gerechtigkeit und Liebe. Es ist kantig, politisch und gleichsam lebensfroh – so wie Reggae sein kann, vielleicht sogar sein sollte. Rock- und Soulelemente bereichern das musikalische afro-karibische Lebensgefühl made in Hagen.

In diesem Jahr wird es eine Zäsur bei Adama and Kids geben. Nadine Traoré hat ihr Abi in der Tasche. Ende des Jahres, Anfang nächsten Jahres geht sie nach New York. „Ein Jahr als Au-pair-Mädchen“, sagt sie. Ein Jahr ohne Adama and Kids: „Da tut weh.“ Ein Jahr mit neuen Eindrücken in einer Stadt, in der immer irgendwo Musik erklingt: „Wow.“ Wieder zurück, will sie studieren. Jura. Oder vielleicht doch eine Kombination aus Schauspielerei und Musik? Auch Schwester Lindsey liebäugelt mit einem Studium – später, wenn auch sie ihr Abitur geschafft hat.

Ganz der stolze Vater und Familienmann

Adama Traoré ist stolz. Stolz auf seine Töchter. Auf all das, was sie geschafft haben und noch schaffen werden. Und auf deren Musikalität. „Wenn wir auf der Bühne stehen, dann gibt’s nur noch Begeisterung“, sagt er. Dann hüpft und singt er. Er macht seine Späße, animiert das Publikum wie jüngst beim Vielfalt-tut-gut-Festival am Hagener Allerwelthaus. „Wir möchten die Leute lachen, strahlen und tanzen sehen, wenn wir auftreten“, sagt er.

Er nimmt seine Töchter in den Arm. Ganz der stolze Papa, der Familienmann. „Ich hätte nie gedacht, dass wir mal so gut werden“, sagt er. Tja, Hagen macht’s irgendwie möglich. Von Hagen aus sind auch schon ganz andere in die Konzerthallen der Welt gezogen. Genau das wäre auch diesem sympathischen Trio zu gönnen…