Wer radelt, lebt gefährlich

Hagen. (AnS) Gekicher, Gelächter und manch einer zweifelt wohl ein bisschen an sich selbst: Es ist ein fröhliche Runde Mütter und Erzieherinnen, die Verkehrssicherheitsberater Jörg Ebel in einem Hagener Kindergarten um sich gescharrt hat und mit denen er ein scheinbar einfaches Spiel spielt: Einen Stab dem jeweiligen Nachbarn reichen, der seinen eigenen Stab ebenfalls weitergibt, auf Hand-oder Klatschzeichen reagieren und in die Knie gehen oder plötzlich die Richtung wechseln. Das das nicht klappt und manch eine Mama plötzlich verwirrt zwei Hölzer oder gar keins in den Händen hält, der Iserlohner nimmt es gelassen: will er doch damit verdeutlichen, wie komplex der Straßenverkehr auf ein Kind wirkt. Und wie gefährlich der Straßenraum in jungen Jahren sein kann. Thema an diesem Nachmittag: Kinder als Radfahrer“.

Kinder verunglücken als Fußgänger, als Mitfahrer im Auto, oft unzureichend angeschnallt, oder als Fahrradfahrer,“ beginnt der Hagener Polizist, der seit drei Jahren beratend durch die Kindergärten tourt, seinen Vortrag. Ich möchte frühzeitig den Eltern erklären, wo Gefahren lauern.“

Das Fahrrad ist das gefährlichste Spielgerät, das Sie ihrem Kind geben können“, mit dieser Aussage schockt Jörg Ebel die Eltern zunächst ein bisschen. Warum er diese drastischen Worte wählt, wird in seinem Vortrag deutlich: Kinder verhalten sich anders als Erwachsene, maßgeblich ist die Entwicklung, die erst im späten Grundschulalter abgeschlossen ist. Der Blickwinkel beispielsweise ist gegenüber einem Erwachsenen deutlich eingeschränkt. Es sind 30 bis 40 Prozent weniger als bei Ihnen“, macht der Hagener Polizist deutlich an einem Beispiel: Halten Sie sich ihre Hände seitlich an die Augen: Was sie jetzt sehen, das sieht ihr Kind!“ Ebel gibt einen Tipp: Sagen Sie ihrem Kind beim Straße überqueren, es soll ihnen die Farbe des ankommenden Autos nennen. Erst wenn es den Kopf dreht, wird es Ihnen dies sagen können.“

Kinder sehen anders

Die schnelle Umstellung der Sehkraft von Nah nach Fern klappt ebenso wenig und erklärt, warum die Kinder den Hund auf der anderen Straßenseite sehen, aber nicht den Mast der Straßenlaterne direkt vor ihnen, von dessen Zusammenprall dann der blaue Fleck auf der Stirn stammt. Für den Lidschluss braucht es ebenso bis zu einer halben Sekunde. Auch das Richtungshören ist noch nicht ausgeprägt, ebenso wenig können sie Entfernungen, Bremswege oder Geschwindigkeit einschätzen. Ein Kind macht Geschwindigkeit an Bewegung fest, an einem fahrenden Auto bewegt sich aber nichts sichtbar.“ Und das ein Fahrzeug nicht von jetzt auf sofort stoppen kann, versteht es erfahrungsgemäß nicht.

Natürlich spielt auch die Körpergröße eine Rolle oder die Tatsache, dass Kinder eine einmal begonnene Bewegung nicht abbrechen können, sie sich leicht ablenken lassen. Viele Faktoren spielen eine Rolle und jetzt stellen Sie sich mal vor, Ihr Kind soll auf den Straßenverkehr achten und auch noch dabei Rad fahren.“ Ebel zählt auf: Ihr Kind muss das Gleichgewicht halten, gleichzeitig lenken, die Spur halten, trampeln, bremsen, aber auch reagieren und hören, sehen und vieles mehr. Kann es das?“

Allgemeines Kopfschütteln. Nein“, lautet die einhellige Meinung, darin sind sich die Mütter einig, hat ihnen das Spiel vom Anfang doch gezeigt, wie schwer es ist, sich selbst als Erwachsene auf viele Dinge gleichzeitig konzentrieren zu müssen.

Übung macht den Meister

Soll man das Kind also nie Radfahren lassen? Kinder müssen ihren Bewegungsdrang ausleben und sich weiterentwickeln“, macht Ebel Mut. Aber: Sie müssen üben, üben, üben. Lassen sie ihr Kind in einem Schonraum trainieren, der wenig befahrene Radweg oder der leere Discounter-Parkplatz an einem Sonntag sind prima geeignet.“ Der Sicherheitsberater schiebt nach: Denken Sie daran: Auch ein Bürgersteig birgt Gefahren mit Ein- und Ausfahrten oder entgegenkommenden Fußgängern.“ Mit einem abschließenden Film zeigt er, wie wenig man in gefährlichen Situationen eingreifen kann, wenn das Kind auf dem schnellen Rad sitzt.

Eine Untersuchung hat gezeigt: Kinder sind erst in einem Alter von 14 Jahren in der Lage, ihr Zweirad und die Verkehrsregeln zu beherrschen.“

Mit einer weiteren Aussage erntet er Erstaunen, aber auch Unverständnis: Denken Sie daran, wenn Sie gemeinsam mit Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter fahren: Sie dürfen den Bürgersteig nicht benutzen, das ist gesetzlich verankert. Nur Kindern bis einschließlich zehn Jahren ist es erlaubt, den Gehweg mit dem Rad zu nutzen!“

Jetzt ist mir so einiges klar geworden“, mit dieser Aussage einer Mutter hat Jörg Ebel an diesem Nachmittag fast schon sein Ziel erreicht: nämlich den Sinn für mögliche Gefahren zu schärfen, mit offeneren und verständnisvolleren (Kinder-)Augen durch den Straßenverkehr zu gehen…

Das genauso das richtige Rad und ein korrekt sitzender Helm eine Rolle beim Radeln spielen – das soll Inhalt eines zweiten Artikels in einer kommenden wk-Ausgabe sein.