Wertvolle Werke aus dem Schatten geholt

Die Rückführung ist erfolgt. Milly Stegers Skulpturen schmücken fortan wieder den Vordereingang der Altenhagener Hallenschule. (Foto: Stefan Fuhrmann)

Hagen. (JE) Sie sind wieder da! Die feierliche Übergabe zweier wertvoller Milly-Steger-Figuren an die Hauptschule Altenhagen (früher eher als „Hallenschule“ an der Friedensstraße bekannt) fand am gestrigen Freitag statt. Zum Abschluss einer Projektwoche wurden die hundert Jahre alten Skulpturen offiziell übergeben.

Die Gebäudewirtschaft Hagen (GWH) hat die Figuren kürzlich mit finanzieller Unterstützung durch die Bezirksvertretung Mitte liebevoll restauriert. Sie sind nun wieder an ihrem angestammten Platz zu besichtigen. Lange Zeit war gar nicht bekannt, dass diese Skulpturen einst zur Hallenschule gehörten. Vielmehr führten sie auf dem Altenhagener Friedhof ein Schattendasein.

Entdeckung

Im Jahr 2006 machte sich eine siebenköpfige Gruppe unter Leitung der Verlegerin Petra Holtmann an die Arbeit, im Ardenkuverlag ein neues „HagenKunst“-Buch auf den Markt zu bringen. Das Interesse galt insbesondere der Kunst im öffentlichen Raum. Das heißt, die sieben Autoren einte das Ziel, über möglichst alle Skulpturen, Fassadenbilder und Reliefs zu informieren, die in Hagen an Häusern, auf Plätzen und in Parkanlagen zu sehen sind. Mit von der Partie war seinerzeit auch wochenkurier-Chefredakteur Michael Eckhoff.

Die Gebäudewirtschaft Hagen (GWH) ließ die Figuren kürzlich mit finanzieller Unterstützung durch die Bezirksvertretung Mitte liebevoll restaurieren und am alten Schulportalstandort aufstellen. (Foto: Stefan Fuhrmann)

Im August 2006 – das Buch stand kurz vor der Fertigstellung – wollte Michael Eckhoff „noch eben“ einige Kunstwerke in Altenhagen genauer ins Visier nehmen. Und weil er unweit des Altenhagener Friedhofs unterwegs war, kam er auf die Idee, auch hierher einen kleinen Abstecher zu unternehmen.

Völlig unbekannt

Als er auf dem Gottesacker um eine eher entlegene Ecke bog, glaubte er seinen Augen nicht trauen zu können: Sah er doch plötzlich zwei sehr schöne, ihm jedoch völlig unbekannte sandsteinerne Skulpturen, einen Jungen und ein Mädchen darstellend. Beide Plastiken erinnerten Eckhoff an Werke von Milly Steger. Das ist jene herausragende Künstlerin, die vor genau hundert Jahren auch die berühmten vier Frauengestalten am Hagener Theater geschaffen hat.

Die Frau war damals mit dem Auftrag an die Volme gekommen, städtische Bauten zu verschönern. Sprich: sie war so etwas Ähnliches wie eine „Stadtbildhauerin“. Hatte sie möglicherweise um 1912/14 auch den Auftrag, den städtischen Friedhof an der Friedensstraße mit ihren Kunstwerken zu schmücken? Oder wurden die zwei Skulpturen für einen völlig anderen Zweck gefertigt und gerieten dann eher zufällig auf den Gottesacker? Oder war Milly Steger vielleicht gar nicht an der Schaffung beteiligt?

Die Fragen waren zunächst nicht zu beantworten. Alle, die sich in Hagen mit derartigen Dingen auskennen, zuckten mit den Achseln. Keiner von ihnen hatte jemals zuvor diese Kunstwerke gesehen, einige waren gar der Meinung, die beiden Skulpturen stünden überhaupt nicht in Hagen. Nachforschungen im Rathaus führten ebenfalls zu keinem Ergebnis. Zuletzt wurde noch ein Aufruf im wochenkurier veröffentlicht – eine Bitte an die Leser, bei diesem „Rätsel“ zu helfen. Doch auch dieses Hilfe-Ersuchen erbrachte kaum Erkenntnisse. Im 2006 erschienenen „HagenKunst“-Buch wurden der Junge und das Mädchen als „Trauernde“ vorgestellt, veröffentlicht vorsichtshalber in der Rubrik „geschaffen von einem unbekannten Künstler“.

Entschlüsselt

Jetzt, fünf Jahre später, konnte des „Pudels Kern“ entschlüsselt werden. Stefan Fuhrmann, stadtbekannter Architekturfotograf und Heimatforscher aus Leidenschaft, entdeckte die Herkunft und den ursprünglichen Standort der beiden Skulpturen.

Auf dieser hundert Jahre alten Fotografie kann man die vergessenen Skulpturen erblicken. Warum wurden sie einst wohl entfernt? (Repro: Stefan Fuhrmann)

Im nächsten Jahr wird die Hallenschule an der Friedensstraße in Altenhagen ihren hundertjährigen Geburtstag feiern. Aus der Anfangszeit dieses Schulbaus gibt es auch eine Fotografie. Und genau diese Fotografie hat sich Fuhrmann vor einigen Monaten genauer angeschaut. Dabei entdeckte er, dass das Eingangsportal einst von zwei Skulpturen geschmückt wurde (der wk berichtete).

Zunächst verschwendete er weiter keinen Gedanken an diesen Sachverhalt, weil es an der Schule tatsächlich noch heute zwei Figuren von Milly Steger gibt. Diese beiden vorhandenen Kunstwerke – ebenfalls „Jungen und Mädchen“ – zieren den rückwärtigen Eingang. Erst bei sehr genauem Hinschauen wurde Fuhrmann klar, dass die beiden am Vordereingang zu sehenden Kunstwerke und die beiden Plastiken vom rückwärtigen Eingang eine unterschiedliche Haltung aufweisen. Eine Vergrößerung brachte es dann an den Tag – die beiden Werke vom Vordereingang sind jene Skulpturen, die lange Jahre in einer abseitigen Ecke des Altenhagener Friedhofs ihr „Schattendasein“ fristeten.

Anregung aufgegriffen

Stefan Fuhrmann hat über seinen Fund im letzten Hagener Impuls ausführlich berichtet (das ist die zweimal im Jahr erscheinende Zeitschrift des Hagener Heimatbundes). In diesem Impuls-Beitrag regte er seinerzeit an, den 100. Geburtstag der Schule zu nutzen, um die Skulpturen wieder dorthin zurückzuführen, woher sie stammen. Diese Idee stieß bei allen maßgeblichen Stellen auf viel Gegenliebe.

Die Rückführung ist jetzt erfolgt. Die Skulpturen schmücken fortan wieder den Vordereingang der Altenhagener Hallenschule. Und das ist gut so…