Wichtiger

Von Claudia Eckhoff

Neulich im Zirkuszelt: Es hat noch gar nicht angefangen, aber die Clowns ziehen schon quer durch die Reihen, die Popkorn-Verkäufer preisen lautstark ihre süße Ware an. Die Techniker schrauben hier und da. Musik erfüllt das Zelt, das Sägemehl duftet und Staub flimmert im Scheinwerferlicht. Ach, es gibt so viel zu  staunen.

Die Kleinen zeigen hierhin und dorthin, stupsen sich an, verdrehen die Hälse, um alles zu sehen. Sie sind gespannt wie die Flitzebogen und hätten tausend Fragen. Aber Mama und Papa sind nicht zu sprechen. Die sitzen zwar daneben, sind aber die ganze Zeit über tief in ihre Smartphones versunken.

Neulich im Restaurant: Ein Vater führt seine beiden Jungs zum Essen aus. Die sitzen ihm gegenüber am Tisch und spielen mit Plastikmännchen, die sie sich zusammenfummeln müssen. Papa ist „teilanwesend“. Nur gelegentlich hebt er den Blick. Etwas anderes nimmt ihn völlig in Beschlag: Sein Smartphone. Er hat es vor den Kindern versteckt vor dem Blumentopf platziert. Da liegt es flach und leuchtet und flimmert und blinkt und hat ständig etwas zu melden, das Papa ganz offensichtlich mehr interessiert als seine Prachtbengels.

Neulich an der Ampel: Die Kleine kann schon aufrecht in ihrem Kinderwagen sitzen. Mama schiebt sie, hat aber kaum einen Blick für ihre Süße. Mama telefoniert nämlich mit irgendeiner sicher auch erwachsenen Person, die versteht, was für ein bekloppter Oberschwachkopf der Papa ist.

Die Kleine schaut alleingelassen mit träumendem Blick zur Seite, hört aber doch ganz genau, was Mama ihr sicher eigentlich nie erzählen würde: Was für ein Psychopath der Kindsvater ist, was für Komplexe der hat, was für Probleme der aus jeder Kleinigkeit macht und dass sie ihm seine Schnitzel am liebsten vor die Füße geschmissen hätte.

Mir scheint: Da wächst eine Generation irgendwie alleine auf. Denn viele Mütter und Väter können sich nicht kümmern. Weil ihnen ihr Smartphone wichtiger ist. Traurig.

Schönen Sonntag.