Wie lebt man mit Prostatakrebs?

Hagen. (Red.) Rund 65.000 Männer erkranken jedes Jahr an Prostatakrebs. Nach dem ersten Schock über die Diagnose stehen für sie wichtige Fragen im Raum: Wie geht es nun weiter? Welche Behandlungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung? Wie wird die Krankheit mein Leben verändern? Informationen über die Erkrankung und das Leben mit Prostatakrebs geben Männern mehr Sicherheit im Umgang mit der Diagnose. Wie ein Prostatakarzinom heute behandelt werden kann, wie ein aktives Leben trotz der Erkrankung möglich ist und wie sie sich durch regelmäßige Früherkennungsuntersuchungen gut behandeln lässt, darüber informierten die Experten am Wochenkurier-Lesertelefon. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen:

Ab welchem Alter sollte ich zur Prostata-Früherkennungsuntersuchung gehen?

Dr. med. Eva Hellmis: Um Veränderungen an der Prostata so früh wie möglich zu entdecken, sollte jeder Mann ab dem 45. Lebensjahr regelmäßig zur Früherkennung gehen. Bei familiärer Vorbelastung ist das Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken, zwei- bis vierfach höher. Kommt ein Prostatakrebs bei einem Verwandten ersten Grades vor, zum Beispiel bei Bruder oder Vater, empfiehlt sich eine intensivere und frühzeitigere Vorsorge bereits ab dem 40. Lebensjahr.

Wie verläuft die Früherkennungsuntersuchung?

Dr. Hellmis: Die gesetzlich geregelte Früherkennung umfasst ein Gespräch mit dem Arzt, in dem dieser nach Beschwerden oder Symptomen fragt. Anschließend untersucht er die äußeren Geschlechtsorgane und Lymphknoten in der Leistengegend und tastet die Prostata vom Enddarm aus ab. Dabei führt er den behandschuhten Zeigefinger ein und tastet vorsichtig die Rückseite der Prostata ab. Ultraschalluntersuchungen sowie Bluttests sind in der gesetzlichen Früherkennung nicht enthalten. Da die meisten Tumorerkrankungen im Frühstadium keine Symptome verursachen, ist eine sinnvolle Erweiterung der Früherkennung durch Ultraschalluntersuchungen sowie bestimmte Blut- und Urintests empfehlenswert.

Mein Arzt hat mir einen PSA-Test empfohlen…

Dr. Hellmis: Der PSA-Wert wird über eine Blutentnahme bestimmt. Die Abkürzung PSA steht für „Prostata-spezifisches Antigen“, ein Eiweiß, das von den Prostatazellen gebildet wird. Es ist normalerweise nur in sehr geringen Mengen im Blut vorhanden. Der Wert ist abhängig von der Größe der Prostata und individuell unterschiedlich. Ein erhöhter PSA-Wert kann schon in einem frühen Stadium der Erkrankung einen Hinweis auf eine bösartige Veränderung der Prostata liefern. Der PSA-Test im Rahmen der Früherkennung ist aber normalerweise eine sogenannte IGeL-Leistung, also eine individuelle Gesundheitsleistung. Die Kosten hierfür werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt unbedingt über die möglichen Folgen von positiven oder negativen Testergebnissen, bevor Sie sich dafür entscheiden.

Was sagt der PSA-Wert aus und wie oft soll er bestimmt werden?

Dr. Hellmis: Der PSA-Wert liefert zwei Hinweise: Ist der absolute Wert hoch – der Grenzwert liegt derzeit bei 4,0 ng/ml – oder steigt der individuelle PSA-Wert im zeitlichen Verlauf schnell an, könnte ein Prostatakarzinom der Grund dafür sein. Aber es gibt auch andere, harmlose Gründe für einen PSA-Anstieg, zum Beispiel eine gutartige Vergrößerung der Prostata und eine akute oder chronische Infektion. Sinnvoll ist der Test ab einem Alter von 45 Jahren, bei erhöhtem Risiko bereits ab dem 40. Lebensjahr. Wie oft der Test wiederholt werden sollte, richtet sich nach dem Testergebnis. Wird ein Wert über 2 ng/ml gemessen, sollte jährlich kontrolliert werden. Für Männer über 70 Jahre und einem PSA-Wert unter 1ng/ml wird eine weitere PSA-gestützte Früherkennung nicht empfohlen.

Mit welcher Sicherheit kann eine Früherkennungsuntersuchung die Prognose bei Prostatakrebs verbessern?

Dr. med. Thomas Schneider: Wenn Krebserkrankungen frühzeitig erkannt und behandelt werden, bestehen oftmals gute bis sehr gute Heilungsaussichten. Auch beim Prostatakrebs gilt: Früh erkannt ist fast immer heilbar. Bei Männern ist Prostatakrebs die zweithäufigste Todesursache überhaupt. Ab 60 ist die Wahrscheinlichkeit, an einem Prostatakarzinom zu sterben, am höchsten. Das Risiko wird durch die Früherkennung erheblich reduziert.

Gibt es typische Anzeichen für einen Prostatakrebs oder entsteht er immer unbemerkt?

Dr. med. Jörg Klier: Typische Symptome, die frühzeitig auf einen bösartigen Prostatatumor hinweisen, gibt es nicht. In den Anfangsstadien treten häufig gar keine Beschwerden auf. Sie zeigen sich meist erst, wenn die Geschwulst schon so weit fortgeschritten ist, dass sich Tochtergeschwülste, also Metastasen, außerhalb der Prostata gebildet haben. Dies kann unter anderem zu Störungen bei der Blasenentleerung oder zu Knochenschmerzen führen. Meist ist es zu diesem Zeitpunkt für eine kurative, also heilende, Therapie zu spät.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Dr. Klier: Bei einem lokal begrenzten Prostatakrebs kommen grundsätzlich die operative Entfernung der Prostata oder verschiedene Formen der Bestrahlung in Betracht. Je nach Aggressivität des Tumors kann auch eine „Aktive Überwachung“ oder „Abwarten und beobachten“ angeboten werden. Ist der Tumor nicht mehr lokal begrenzt, kann eine Hormonentzugsbehandlung das weitere Tumorwachstum hemmen. Welche Therapie im Einzelfall angewendet wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab: der Tumoraggressivität, der Tumorausbreitung und eventuell vorhandenen Metastasen sowie dem allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten.

Wann ist eine Operation notwendig, wann eine Bestrahlung?

Dr. von Ostau: Tumoren, die auf die Prostata beschränkt sind, werden kurativ behandelt – in der Regel durch die operative Entfernung der Prostata oder wahlweise durch eine Strahlentherapie. Im Rahmen der Operation wird die Prostata entfernt. Die organerhaltende Strahlentherapie soll die Krebszellen in der Prostata abtöten. Grundsätzlich wird die Strahlentherapie bei unterschiedlichen Tumorstadien eingesetzt. Bei einigen Patienten muss trotz Strahlentherapie noch eine zusätzliche Hormonentzugstherapie erfolgen. Entscheidend für die Therapieauswahl ist es, im Gespräch mit dem Arzt die individuell bestmögliche Behandlungsstrategie festzulegen. In diesem Zusammenhang kann das Einholen einer zweiten Meinung eine gute Entscheidung sein.

Welche Risiken bringt die vollständige operative Entfernung der Prostata mit sich?

Dr. med. Christian von Ostau: Unabhängig davon, ob Sie sich für eine roboter-gestützte Operation – die so genannte da-Vinci-Technik – oder eine konventionelle Operationstechnik entscheiden: Sie sollten mit Ihrem Urologen ausführlich über die für Sie möglichen Folgen des Eingriffs sprechen. Die Hauptrisiken liegen im Bereich der Harninkontinenz und der Erektionsstörung. Die individuelle Ausprägung dieser Folgen variiert stark und hängt vor allem vom biologischen Alter und den Vorerkrankungen des Patienten ab.

Kann auch operiert werden, wenn der Krebs bereits über die Prostata hinaus gewachsen ist?

Dr. von Ostau: Auch bei einem fortgeschrittenen Prostatakarzinom besteht trotz eingeschränkter Therapieoptionen die Möglichkeit der Entfernung der gesamten Prostata. Denn damit sinkt die so genannte Tumorlast und schafft im Rahmen zukünftiger Behandlungsstrategien zusätzliche Möglichkeiten. Zudem kann der Tumor lokal Probleme verursachen, zum Beispiel Harnstauungsnieren, die mit hohen Risiken für den Patienten verbunden sind. Im Einzelfall kann also die Operation auch in dieser Situation das Therapiespektrum erweitern und Folgerisiken reduzieren – und damit die Folgen der Krankheit positiv beeinflussen.

Welche Risiken bringt die Strahlentherapie mit sich?

Dr. med. Reza Alamdar: Trotz moderner Bestrahlungstechniken können Beschwerden wie Entzündungen der Blase und des Darms auftreten. Diese Symptome können akut, also während der Therapie, oder kurz danach auftreten. Es gibt aber auch Spätfolgen, die erst Monate oder sogar Jahre nach Bestrahlungsende auftreten und Probleme bereiten. Bei bis zu 60 Prozent der Patienten führt eine Strahlentherapie zu Potenzproblemen, jedoch seltener als nach einer Operation. Auch Inkontinenz tritt nach einer Bestrahlung seltener auf als nach einer Operation.

Wann ist eine Chemotherapie angezeigt?

Dr. Klier: Wenn die hormonelle Standardtherapie nicht mehr wirkt und das Prostatakarzinom Metastasen gebildet hat, ist entweder die Chemotherapie oder eine so genannte Zweitlinien-Hormonbehandlung möglich. Bei der Entscheidung, welche Therapie konkret zum Einsatz kommt, berücksichtigt man, wie aggressiv das Karzinom wächst, wie schnell der PSA ansteigt, wie fit der Patient ist und ob er Schmerzen hat. Die Chemotherapie stellt nach wie vor einen wesentlichen Bestandteil des gesamten Therapiekonzepts dar.

Mein Arzt sagt, wir sollen abwarten und den Krebs beobachten. Gut fühle ich mich dabei nicht…

Dr. med. Philipp Lossin: Das ist verständlich, aber es gibt gute Gründe dafür, den Krebs nicht oder nicht sofort zu behandeln. Das Prostatakarzinom wächst häufig nur langsam und stellt nicht immer eine unmittelbare Bedrohung für die Betroffenen dar. Außerdem werden immer mehr Tumoren in einem frühen Stadium entdeckt, so dass möglicherweise eine Therapie eingeleitet wird, obwohl das Karzinom niemals Probleme bereitet hätte. Abwartende Strategien haben deshalb einen hohen Stellenwert. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen nach den gültigen Leitlinien stellen sicher, dass nicht verpasst wird, wenn ein Tumor plötzlich aggressiver wird und behandelt werden muss. Übrigens: Zwanzig Prozent beenden die abwartende Therapie vorzeitig und entscheiden sich für eine aktive Therapieoption.

Wann kommt eine abwartende Strategie infrage?

Dr. Lossin: Das hängt von der Klärung mehrerer Fragen ab: Wie aggressiv ist der Tumor? Wie alt und fit ist der Patient? Wie hoch ist der PSA-Wert und wie war sein Verlauf? Welche Vorerkrankungen bringt der Patient mit? Sind alle Faktoren günstig, kommt eine abwartende Strategie infrage. Ihr behandelnder Urologe wird Sie im Gespräch zu den verschiedenen Therapieoptionen genau beraten. Aktuell versucht die groß angelegte PREFERE-Studie der Deutschen Krebshilfe, herauszufinden, welche Therapieoption in einer solchen Konstellation die erfolgversprechendste ist.

Wann und warum ist eine antihormonelle Therapie notwendig?

Dr. Alamdar: Um wachsen zu können, braucht der Prostatakrebs das männliche Sexualhormon Testosteron: Unterbindet man die Testosteronbildung, entzieht man den Krebszellen der Prostata also einen Großteil ihrer „Nahrung“. Genau hier setzt die Hormontherapie an: Sie hemmt die Bildung beziehungsweise Wirkung des Testosteron. Grundsätzlich kommt sie zum Einsatz, wenn das Karzinom bei Diagnosestellung bereits fortgeschritten ist und lokale Methoden wie Operation oder Strahlentherapie nicht in Frage kommen. Der Hormonentzug ist auch die Standardtherapie, wenn sich Fernmetastasen gebildet haben oder der Krebs nach einer kurativen Therapie zurückkehrt. Die Hormontherapie ist grundsätzlich nicht auf eine Heilung ausgerichtet. Bei heilbaren Prostatakarzinomen wird sie deshalb in der Regel nur angewendet, wenn sich der Patient gegen eine Operation oder Strahlentherapie entscheidet.

Welche Folgen hat der Eingriff in den Hormonhaushalt für mich?

Dr. Alamdar: Die Hormontherapie kann Ihr Allgemeinbefinden verändern. Am besten kann man die Nebenwirkungen mit den Veränderungen vergleichen, die bei einer Frau in den Wechseljahren auftreten. Je nach Lebensalter empfinden betroffene Männer einen Libidoverlust sowie mögliche depressive Stimmungsveränderungen, Antriebsarmut und Hitzewallungen als störend.

Mit welchen Einschränkungen muss ich auf Dauer rechnen?

Dr. Schneider: Eine Prostata-Krebserkrankung bedeutet für die Betroffenen sehr oft eine körperliche und seelische Belastung. Doch die Chancen, trotz der Erkrankung ein erfülltes und aktives Leben zu führen, stehen sehr gut, einschließlich Partnerschaft, Sport, Reisen und Hobbys. Entscheidend dafür ist ein ganzheitlicher Therapieansatz, in den der Einsatz moderner Medikamente ebenso eingebettet ist wie die Mobilisierung von Kraft- und Motivationsreserven.

Wie kann ich mich mit anderen Betroffen austauschen?

Dr. Schneider: In Deutschland gibt es ein bundesweites Angebot an Selbsthilfegruppen zu den verschiedenen Krebserkrankungen. Sie bieten Patienten und ihren Angehörigen die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, sich gegenseitig zu informieren, zu ermutigen und aufzubauen. Viele Selbsthilfegruppen können darüber hinaus umfangreiche Informationen rund um die Erkrankung zur Verfügung stellen. Eine wichtige Anlaufstelle für Patienten mit Prostatakrebs und ihre Angehörigen ist der Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe (BPS). Mit derzeit 237 Selbsthilfegruppen ist der BPS europaweit die größte und weltweit die zweitgrößte Organisation von und für Prostatakrebspatienten; mehr dazu: www.prostatakrebs-bps.de.