Wieder einsam durch Kanadas Wildnis

Hagen. (Red./ME) Der Herdecker Geschichtsprofessor Gerhard E. Sollbach (TU Dortmund), bekannter Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Geschichte des Hagener Raums, ist auch ein großer Naturfreund. Zur Herbstzeit zieht es ihn immer wieder in die kanadische Wildnis. Mit Zelt und Rucksack ist er dann wochenlang allein auf Wildnispfaden unterwegs.

Der Wk hat in der Vergangenheit bereits über die ein oder andere Reise berichtet. Jetzt war Prof. Sollbach erneut in Kanada. Für den Wochenkurier hat er darüber einen dreiteiligen Bericht erstellt:

Geheimtipp

Diesmal sollte es New Brunswick sein, die letzte der drei kontinentalen kanadischen Atlantik-Provinzen, die ich noch nicht erwandert hatte. Sie hat zwar nur die Fläche von einem Drittel der alten Bundesrepublik, in der seinerzeit rund 60 Millionen Menschen lebten. Doch in New Brunswick sind auf diesem Drittel statt der statistischen 20 Millionen nur eine Dreiviertelmillion Menschen zu finden, also kaum mehr als in Frankfurt oder Düsseldorf.

Es gibt daher dort noch sehr viel Platz für Mensch und Tier und vor allem auch Natur. Tatsächlich ist das Landesinnere der Provinz vor allem im Norden von riesigen Wäldern bedeckt und fast menschenleer. Hauptziel meiner diesjährigen Rucksack-Tour war der abgelegene Mount Carleton Provincial Park in eben dieser Region. Der Park erstreckt sich über den dortigen Abschnitt des Appalachen-Gebirgszugs. Außerhalb der Provinz ist er kaum bekannt, gilt aber wegen seiner ursprünglichen Natur bei Outdoor-Enthusiasten als Geheimtipp.

In der Wildnis von Nord-New Brunswick trifft man nur selten auf Menschen, stattdessen erlebt man zum Beispiel prächtige Sonnenuntergänge. (Foto: Sollbach)
In der Wildnis von Nord-New Brunswick trifft man nur selten auf Menschen, stattdessen erlebt man zum Beispiel prächtige Sonnenuntergänge. (Foto: Sollbach)

Uriges Camp

Doch mein Abenteuer begann mit einer herben Enttäuschung. Ich hatte geplant, auf einem der kleinen Campingplätze im Park zu campen und/oder, wenn es doch zu kalt und regnerisch würde, in einer der darin vorhandenen fünf Blockhütten zu übernachten. Als ich jedoch in der dritten Septemberwoche ankam, hieß es in der Ranger-Station: Saison schon zu Ende. Alles geschlossen. Übernachtungen nicht möglich. Lediglich Besuch des Parks noch tagsüber erlaubt. Das war ein ernstes Problem. Da die Gegend keine touristischen Attraktionen besitzt, sondern nur Natur pur, verirren sich auch keine Touristen hierher. Folglich gibt es auch weder Campingplätze noch Privatunterkünfte oder gar Motels.

Hierher kommen Leute höchstens zum Jagen oder Fischen. Und für die gibt es an verschiedenen Stellen in der Wildnis Unterkünfte, sogenannte Camps. Zum Glück hatte ich unterwegs einen Einheimischen getroffen, der mir ein solches Camp mit dem passenden Namen „The Bear‘s Lair“ genannt hatte, das „nur“ 40 km von dem Park entfernt sei. Auch den Weg dahin hatte er mir beschrieben. Es kostete mich jedoch einige Sucherei, bis ich das Camp gefunden und auch den Besitzer aufgetrieben hatte, der übrigens auch als Jagdführer arbeitete. Das Camp erwies sich als eine ausgesprochen urige Blockhütte direkt am breiten Tobique River.

Warnweste und Wilderer

Als ich dem Besitzer eröffnete, dass ich gar nicht jagen und auch nicht fischen wollte, sondern den weiten Weg nur gemacht hatte, um in der Wildnis zu wandern, blickte er mich recht ungläubig an. Dass ich auch noch Vegetarier bin, habe ich ihm dann doch lieber verschwiegen.

Als ich ihm erklärte, ich wollte vor allem auch außerhalb des Parks auf Elchpfaden und auf alten Holzeinschlag-Schneisen die Wildnis erkunden, verpasste er mir jedoch unverzüglich eine orangefarbene, fluoreszierende Warnweste. Was ich nämlich nicht wusste: Die diesjährige Elchjagd war im vollen Gange. Zum Jagen brauchen die Kanadier aber keinen Jagdschein, sondern müssen sich nur eine Lizenz für den Abschuss eines bestimmten Tieres kaufen. Diese Hobbyjäger sind dann häufig so wild darauf, in der kurzen ihnen zur Verfügung stehenden Jagdzeit zum Schuss zu kommen, dass sie sofort losfeuern, wenn sich irgendwo etwas bewegt oder raschelt. So werden in jeder Jagdsaison immer wieder Menschen – häufig Jagdgenossen – versehentlich erschossen.

Der Camp-Eigentümer riet mir dringend, die Warnweste auch nach dem Ende der Elchjagd ständig zu tragen. Auf meine Frage „warum?“, antwortete er lediglich mit „Wilderer“ und warf mir dabei einen vielsagenden Blick zu. Ich weiß nicht genau, was er damit sagen wollte. Doch hatte ich ein mulmiges Gefühl, wenn ich in der Folgezeit unterwegs in der Wildnis einen Schuss hörte.

(wird fortgesetzt)