Wildnis-Trails in Kanadas rauem Nordosten

Hagen. (ME) Im letzten Herbst berichtete der wochenkurier über die „Kanada-Wildnis-Tour“ des Herdecker Historikers Dr. Gerhard E. Sollbach. Jetzt war er ein weiteres Mal in Kanada auf „einsamen Abenteuer-Pfaden“ unterwegs. Der wochenkurier hat ihn gebeten, erneut zu berichten – in einer dreiteiligen Serie. G.E. Sollbach erzählt über den schwierigen Start:

Nach dem Cape Breton Highlands National Park in der kanadischen Atlantik-Provinz Nova Scotia im vergangenen Herbst sollten es in diesem Jahr die Laurentides sein. Laurentides (engl. Laurentian Mountains) heißt der Teil des riesigen, 8 Millionen Quadratkilometer großen Kanadischen Schilds auf dem Gebiet der ostkanadischen Provinz Québec nördlich des St. Lorenz-Stroms. Nach geografischer Auskunft besteht die Region aus einem von Gletschern und Erosion geformten Hügelland aus vorwiegend Granit und Gneissen von durchschnittlich 400 bis 600 Meter Höhe mit einer dünnen Bodenkrume. Die Hügelkuppen sind häufig glatt geschliffener nackter Fels. Weite Strecken bedeckt aber ein dichter Wald von teils Laub-, teils Nadelbäumen, während auf den windumtobten Hochflächen eine Tundra- bzw. Taiga-Vegetation vorherrscht.

Tausende von Seen gibt es in dem Gebiet, das weitgehend menschenleer ist, aber mehrere große Wildnis-Naturparks besitzt. Eine solche Landschaft ist genau das Richtige für einen begeisterten Naturliebhaber und passionierten Wanderer wie mich. Hier wollte ich wieder einmal Wildnis hautnah erfahren, nämlich zu Fuß auf Wildnis-Trails mit Rucksack und Zelt.

Vier nördlich bzw. nordöstlich der Stadt Québec gelegene Nationalparks hatte ich dafür ausgewählt. Da die Laurentides jedoch nicht zu den gängigen Touristenzielen gehören, ließen sich aus den erreichbaren Reiseführern auch keine Detailinformationen für die Planung des Unternehmens entnehmen. Es blieb also nichts anderes übrig, als die Einzelheiten wie Route, Unterkunftsmöglichkeit usw. erst vor Ort zu erkunden und festzulegen.

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Beruhigende Wirkung

Das Abenteuer begann im Parc National de la Jacques Cartier. Dorthin gelangt man von der Stadt Québec aus auf der Route 175. Sie ist überhaupt auch die einzige Straße, die von hier aus nach Norden in und durch das riesige Wild-Reservat (Réserve faunique des Laurentides) führt. Wichtig ist aber, sich vorher zu verproviantieren, denn weder im Nationalpark noch auf den weiteren rund 200 km der Straße gibt es einen Lebensmittelladen. Für mich hieß das: ausreichend Brot, Hartkäse und Cornflakes (mit Früchten) sowie Rosinen (als Nachtisch) einkaufen.

Der Jacques-Cartier-Nationalpark heißt so nach dem Fluss, der den Park in einem gewaltigen Canyon mit zahlreichen Windungen durchfließt und schließlich im St. Lorenz-Strom mündet. Der Fluss wiederum ist nach dem französischen Seefahrer Jacques Cartier benannt, der 1535 als erster Europäer den St. Lorenz-Strom bis in die Gegend der heutigen Stadt Montréal befahren hat. Da schon die zweite Septemberhälfte angebrochen und somit die Saison längst vorüber war, konnte ich mir einen Lagerplatz aussuchen. Ich wählte einen herrlichen direkt im Wald, aber unmittelbar am Flussufer gelegenen. Sogar den Komfort einer Hütte mit Waschgelegenheit und einer Toilette gab es da in einiger Entfernung.

Ich war bei strahlendem Sonnenschein mitten in der Woche angekommen und beschloss, zur Einstimmung auf dem Trail entlang dem Fluss tiefer in den Canyon hinein zu wandern. Das gleichmäßige Plätschern des ruhig dahin fließenden Flusses, das mich auf der ganzen Strecke begleitete und sich nur an einigen Stellen, wo sich Stromschnellen befanden, zu einem sanften Rauschen steigerte, übte zusammen mit der ansonsten herrschenden völligen Stille eine unglaublich beruhigende Wirkung auf mich aus. Ich merkte deutlich, wie sich ein geradezu leicht-beschwingtes Gefühl einstellte. Auf der ganzen Strecke bin ich zudem keinem Menschen begegnet.

Begegnung

Aber eine Begegnung hatte ich doch. Auf dem Rückweg traf ich unvermittelt auf eine Elchkuh mit zwei Kälbern. Elchkühe und Elchbullen hatte ich bereits auf meinen Wanderungen auf Cape Breton im Vorjahr gesehen und auch dieses Mal bin ich später noch immer wieder Elchen begegnet. Doch es war das erste und blieb auch das einzige Mal, dass ich eine Elchkuh mit Jungtieren zu Gesicht bekam. Obwohl die Tiere nur etwa zehn Meter von mir entfernt waren und ich eifrig drauflos knipste, schienen sich weder die Elchkuh noch ihre Kälber durch meine Gegenwart gestört zu fühlen. Alle Drei fraßen weiter die noch grünen Blätter an den Bäumen ab, soweit sie diese erreichen konnten. Ständig fressend, zogen die Tiere schließlich an mir vorbei. Dabei erstaunte mich, dass das Alttier wie auch die Jungtiere unbekümmert durch kniehohes Dornengestrüpp drangen, das ihnen offenbar nichts anhaben konnte.

Über Stock und Stein

So schön der Tag war, so kalt war die sternenklare Nacht. Als ich am nächsten Morgen aus meinem Schlafsack kroch, zeigte das Thermometer gerade mal 3° C. (Ein paar Tage später waren es morgens nur noch +1° C). Als ich mich an diesem Morgen gegen 8.30 Uhr auf den Weg machte, hingen noch Nebelschwaden zwischen den Canyonwänden. Heute wollte ich mir den Les-Loups-Trail vornehmen. (Loup = franz. Wolf. Wölfe gibt es hier tatsächlich. Doch sie haben eine natürliche Scheu vor dem Menschen und gehen ihm aus dem Weg. Gesehen haben ich dann auch nie einen, genauso wenig wie einen der dort ebenfalls häufigen Schwarzbären.)

In der Trail-Broschüre war dieser Trail mit der dritthöchsten von insgesamt vier Schwierigkeitsgraden vermerkt. Was das in den Laurentides bedeutete, sollte ich noch recht schmerzhaft erfahren. Doch der Trail versprach großartige Ausblicke auf den Cartier-Canyon.

(Fortsetzung folgt)