Wildschweine: Pudelwohl im Kleingarten

Hagen. (as) Trotz drastisch gestiegener Abschusszahlen nimmt die Schwarzwild-Menge in und um Hagen zu. Werden Wildschweine in Hagen zur Plage? Martin Holl, Förster beim Wirtschaftsbetrieb Hagen, antwortet mit einem „Jein“. „Für Gartenbesitzer, deren Gärten zwei-, dreimal im Jahr umgedreht werden, ist das Schwarzwild natürlich eine Plage“, sagt er. Doch von Berliner Verhältnissen, in denen Wildschweine die Stadt erobert haben, seien wir noch weit entfernt.
Die Gründe, weshalb sich die Wildschweine in und um Hagen so wohl fühlen, sind vielschichtig. „Wir hatten seit Jahren keinen richtigen Winter“, sagt Martin Holl. Bei den milden Wintern sinkt die Frischlingssterblichkeit – die jungen Wildschweine werden zudem früher geschlechtsreif.
„Vermehrte Vollmasten“ machen es Wildschweinen leicht, sich eine dicke Fettschicht für den Winter anzufressen. „Früher“, sagt Martin Holl, „hatten wir etwa alle zehn Jahre eine Vollmast.“ Jetzt produzieren Buchen und Eichen ihre Früchte viel häufiger im Überfluss.
Fürs Wildschwein-Wohlfühlklima sorgen zudem der vermehrte Mais- und Rapsanbau. Auch Orkan Kyrill hat ideale Schwarzwild-Bedingungen geschaffen. „Die Orte, die nicht wieder aufgeforstet wurden, bieten beste Rückzugsbedingungen für Wildschweine“, sagt Martin Holl.
Jagdzeiten nicht zeitgemäß
Ein großes Problem, die Wildschweinpopulation in den Griff zu bekommen, liege in den Jagdzeiten. Obwohl sich Schwarzwild immer stärker vermehre, wurden die Jagdzeiten in Nordrhein-Westfalen stark eingeschränkt.
Die Jagdzeit endet bereits am 15. Januar. Nur Frischlinge dürfen noch ganzjährig gejagt werden. „Das ist nicht zeitgemäß“, sagt Martin Holl. Damit spricht er Förstern und Jägern aus dem Herzen. Und wahrscheinlich auch all denen, die in Waldnähe wohnen und deren Gärten bereits mindestens einmal von einer Rotte Wildschweine umgedreht wurden.
„Schwarzwild erschließt sich auch in Hagen neue Lebensräume“, sagt Martin Holl. Kleingartenanlagen wie beispielsweise die am Goldberg sind längst zum Eldorado für die Rotten geworden. Verlassene Gärten wurden und werden von den Schweinen und ihrem Nachwuchs annektiert. „Die liegen tagsüber in den Büschen oder sogar in den Lauben“, sagt der Förster. „In den gepflegten Nachbargärten muss man nicht zwangsläufig etwas von den Bewohnern nebenan mitbekommen.“, ergänzt er. „Die Tiere schlafen tagsüber und sind nachtaktiv.“
Ruhig bleiben, keine Fotos machen
Was kann man unternehmen, wenn trotzdem plötzlich ein Wildschwein im Schrebergarten oder in einer Wohngegend vor einem steht? „Nicht in Panik geraten“, sagt Martin Holl. „Stehen bleiben, ruhig bleiben und langsam zurückziehen“, rät er. „Bloß keinen Lärm und auch keine Handyfotos machen.“ Das könnte das Schwarz­wild erschrecken.
Ansonsten gilt: Wildschweine ergreifen vor den Menschen normalerweise die Flucht und sind nur dann aggressiv, wenn sie bedrängt werden oder wenn sie ihre Frischlinge in Gefahr sehen. Auch einen noch so süßen Frischling darf man nicht anfassen.
Sollten Wildschweine nicht flüchten, oder ein Wildschwein Scheinangriffe durchführen, hilft nur der zügige Rückzug, um die Tiere wieder zu beruhigen.
Seinen Hund sollte man zurückhalten, weil er den Umgang mit Wildschweinen nicht kennt und leicht verletzt werden könnte.
Drückjagden auf Schwarzwild
„Wir sprechen bei den Wildschweinen von einer Vermehrungsrate von 200 bis 300 Prozent“, sagt Martin Holl. Verständlich, dass sich die ständig wachsende Menge immer neue Räume sucht. Verständlich aber auch, dass man in der Stadt versucht, die Zahl der Wildschweine in den Griff zu bekommen.
„Drückjagden mit Hunden und Treibern machen Sinn“, sagt Martin Holl. „Allerdings sollten die Jagden revierübergreifend ausgeführt werden.“ Sonst könnte das Schwarzwild einfach ins nächste Revier wechseln und wären sicher. Merke: Schweine sind schlau.
Nur mit solchen Drückjagden könne der wachsenden Wildschweinpopulation vielleicht entgegengewirkt werden, sagt der Förster. „Ein Einzelabschuss vom Ansitz bringt gar nichts.“
Einig sind sich alle Verantwortlichen in Forst und Jagd, dass etwas gegen die Wildschwein-Vermehrung unternommen werden muss. „Sonst werden wir nicht nur in Berlin, sondern auch bei uns häufiger mal von Wildschweinen in der Fußgängerzone hören.“