Winke winke

Um fit zu bleiben, ging Barbara regelmäßig zu Fuß zur Arbeit. Nach ein paar Tagen sah sie auf der Straße gegenüber Kollege Leo, aus der Filiale in der Nachbarstadt, vorbeifahren. Anfangs schaute er noch etwas zögerlich drein, als Barbara ihm zuwinkte. Doch nach und nach grüßte der Kollege immer lebhafter. Manchmal hupte er sogar.

Ein bisschen wunderte sich Barbara über diese Ausgelassenheit. Im Dienst war Leo eher ein Muffelkopp. Über ihre Begegnungen hatte er überhaupt noch nie ein Wort verloren. Als habe es die fröhlichen Handzeichen nie gegeben.
Eines Abends war Barbara mit ihrer Freundin unterwegs zum Kino. Da hupte es – und tatsächlich: der Kollege düste grinsend und winkend vorbei.
„Woher kennst du den denn?“ fragte die Freundin. „Das ist mein Kollege Leo“, antwortete Barbara. Die Freundin schüttelte energisch den Kopf. „Nee, das kann nicht sein. Das ist Bernd, den kenne ich seit Jahren aus der Sauna. Der hat eine eigene Firma. Na, ja, und der flirtet äußerst gerne!“
Diese Eröffnung trieb Barbara Schweißperlen auf die Stirn. Nicht Leo? Wie peinlich! Was hatte dieser Bernd wohl von ihr denken müssen, dass sie so offensichtlich Kontakt zu ihm gesucht hatte? Nun erklärte sich auch, warum der Kollege nie etwas zu ihren Winkereien gesagt hatte – er war ja an der ganzen Aktion überhaupt nicht beteiligt gewesen.
Während sich ihre Freundin kaputtlachte, beschloss Barbara mit schamesrotem Gesicht, ab sofort ihren Dienstweg zu ändern. Was der „falsche Leo“ wohl dachte, als er von heut‘ auf morgen seine fröhliche Morgenfee aus den Augen verlor, ist nicht überliefert. Und so peinlich Barbara die Geschichte auch war, vermisste sie doch ein klitzekleines bisschen das morgendliche Begrüßungsritual ihres vermeintlichen Kollegen.
Mittlerweile denkt sie nur noch selten an die Verwechslungskomödie, denn sie ist umgezogen und wandelt morgens auf anderen Pfaden. Und höchstwahrscheinlich wird sich ihre Optik-Panne auch nicht noch mal wiederholen: Sie trägt nämlich seit neuestem eine Brille.Schönen Sonntag.