Wird künftig in Apotheken bayerisch gesprochen?

Abschied von den Räumen in der SIHK in Hagen: Schulleiterin Astrid Weitner und Dr. Klaus Fehske. (Foto: A. Schneider)

Hagen. Die Pharmazeutisch-Technische Lehranstalt der Stadt Hagen, Schule für PTA-Aspiranten aus Hagen, dem Märkischen Kreis und dem Ennepe-Ruhr-Kreis, wird geschlossen.

Nicht sofort. Aber im Sommer des nächsten Jahres. Dann, so hofft Schulleiterin Astrid Weitner, werden die 71 Schülerinnen und der einzige Mann in der Frauenrunde ihre Prüfungen bestanden haben und als PTA ihre Arbeitsstellen in Apotheken, Gesundheitsämtern, Versicherungen, Labors oder vielen anderen Einsatzgebieten aufnehmen können. Wer eine „Ehrenrunde“ drehen muss, hat weite Wege vor sich. In eine andere PTA-Schule in NRW – sollte es diese Schulen dann überhaupt noch geben – oder in ein anderes Bundesland. Denn ein wesentlicher Grund für die Schließung der Hagener Einrichtung und die existenzielle Bedrohung der anderen PTA-Schulen in Nordrhein-Westfalen ist: Das Land NRW hat die finanzielle Förderung der PTA-Schulen komplett gestrichen.

Dass die Hagener Schule als erste in Nordrhein-Westfalen nach diesem Landes-Beschluss aufgeben muss, hat freilich noch einen weiteren Grund. Die Lüftung in den Schul-Labor-Räumen im SIHK-Gebäude in der Hagener Innenstadt an der Bahnhofstraße ist desolat. Deshalb wurden – immer wenn es möglich war – seit geraumer Zeit die Labors der Gesamtschule in Eilpe genutzt. Die EDV-Arbeit war wiederum an eine andere Stelle ausgelagert. Die Schülerinnen und Schüler kurvten und kurven kreuz und quer durch die Stadt, um ihre Ausbildung gewährleisten zu können. Die PTA-Schule in Hagen suchte neue Räume – dringend. Der Entscheid der Landesregierung, die Förderung ab sofort komplett zu stoppen, hat nicht nur diesen Bemühungen, sondern der gesamten Schule den Todesstoß versetzt.

Viel Geld für die Ausbildung

Das Engagement der PTA-Anwärter ist enorm. Schon in der Vergangenheit mussten sie, obwohl Apotheker, Förderverein und zu einem Viertel auch das Land NRW Geld zugeschossen haben, in Hagen 200 Euro monatlich für ihre Ausbildung zahlen. In anderen Schulen wie zum Beispiel in der privaten Ausbildungseinrichtung in Dortmund waren mehr als 350 Euro monatlich fällig. Auch in den anderen – noch – 13 Schulen in NRW muss reichlich gezahlt werden um zu lernen.

„Ein Unding“, sagt Dr. Klaus Fehske, Leiter der internationalen Rathaus-Apotheke in Hagen und ehrenamtlicher Begleiter und Lehrer der Schule. Doch dieses Unding hat System: Anders als in anderen Bundesländern nämlich ist die PTA-Ausbildung in NRW ans Gesundheits-Ministerium angebunden und deshalb eine freiwillige und damit auch ausradierbare finanzielle Leistung des Landes. In Zeiten knapper Kassen streicht halt auch ein Land gern mal freiwillige Leistungen. In allen anderen Bundesländern, von Mecklenburg-Vorpommern bis Baden-Württemberg, gehört die PTA-Ausbildung ins Kultusministerium und deshalb verpflichtend zur Ausbildungsförderung. Der größte Unterschied: In allen anderen Bundesländern kostet die PTA-Ausbildung nichts. In NRW hingegen wurden schon in der Vergangenheit Schulkosten erhoben. Sollte irgendeine nordrhein-westfälische PTA-Schule die Streichung der Landesmittel überstehen, müssten Schüler künftig nicht wie in Hagen nur etwa 5.000 Euro für ihre Ausbildung zahlen, sondern mindestens das Doppelte. Denn auch bei den Apotheker-Verbänden, die die Schulen in NRW immer noch stützen mit Beträgen, die ohnehin schon weit über denen des Landes liegen, ist irgendwann die Kasse leer.

44 Jahre alt ist die PTA-Schule in Hagen. Von Klaus Fehskes Vater wurde sie einst mit ins Leben gerufen. Klaus Fehske selbst hat sich immer in ihr und mit ihr engagiert. „Ohne sein ständiges Bemühen und sein Engagement gäbe es die Schule wahrscheinlich schon gar nicht mehr“, sagt Dr. Claudia Sommer, Leiterin des Hagener Gesundheitsamts und damit Vertreterin der Stadt Hagen als Trägerin der Schule. Eine Trägerschaft, bei der die Stadt Hagen, die ohnehin finanziell komplett ausgeblutet ist, nichts zuschießen kann. Schon gar nicht eine Summe, die eine weitere Existenz der Schule gewährleisten könnte.

Wie wär‘s mit dem Lernen am Berufskolleg?

Die Ausbildung von pharmazeutisch-technischen Assistenten in Nordrhein-Westfalen ist bedroht. „Wir hoffen nach wie vor, eine Lösung zu finden“, sagt Dr. Klaus Fehske, Leiter der internationalen Rathausapotheke in Hagen. Was spräche beispielsweise dagegen, die Ausbildung zur und zum PTA an Berufskollegs zu ermöglichen, wie es in allen anderen deuschen Bundesländern bereits geschieht? Es wäre eigentlich nur ein Fingerstreich für die Landesregierung. Allerdings einer mit finanziellen Auswirkungen. Denn: Indem man die verpflichtende Trägerschaft für eine Ausbildung anerkennt, muss man auch dafür zahlen

„Die PTA-Ausbildung bietet vielen Menschen eine Chance, noch dazu eine Chance mit einer so gut wie 100-prozentigen Anstellungsgarantie nach der Schule“, sagt Dr. Klaus Fehske. Männer haben die Möglichkeit, in eine Frauendomäne vorzudringen. Migrantinnen können ihre türkischen, arabischen oder auch spanischen Sprachkenntnisse einbringen, um Menschen zu beraten. „Wenn sich in drei Monaten nichts tut“ in Düsseldorf und damit im Land NRW, will Dr. Klaus Fehske mit „72 stinkenden Laborkitteln“, also mit den 71 Schülerinnen und dem einen Schüler der Hagener PTA-Schule in deren Laborkleidung, zu Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ziehen, um ihr deutlich zu machen, worauf sie künftig verzichten will. Dann gäbe es in Nordrhein-Westfalen nämlich weder türkische, noch arabische oder spanische Beratung in den Apotheken. Wer dort Auskunft möchte, braucht womöglich ganz andere Sprachkenntnisse. Bayerisch vielleicht, weil nordrhein-westfälische Apotheker ihren PTA-Nachwuchs demnächst aus Bayern anwerben müssen.