Wo Ausbildung auf Sehnsüchte trifft

Hohenlimburg. (as) „Also, wir sind hier ein richtiges Team“, sagt Jordanis Karapiperi, der von allen nur Janni genannt wird. „Wir wachsen hier immer mehr zusammen, das macht richtig Spaß“, plappert er weiter. Es folgt ein kleines Augenzwinkern: „Und das sagt man nicht immer von der Schule.“
Henrik Hitzemann verdreht die Augen. Er ist „die Schule“. Genauer gesagt: Er ist Leiter des Projekts „Blues Mobil“, das er gemeinsam mit Lehrerkollegin Milevka Palibrk für einige Schüler der Klasse 9 der Berufseinstiegsbegleitung der Hauptschule Hohenlimburg konzipiert hat.

Handwerklich und künstlerisch

Janni gehört zu den Schülern, aber auch Bathuhan Tutkun, Dimitrios Moschou, Melike, Charleen und Gül. Die Mädels im Team wollen nur ihren Vornamen in der Zeitung gedruckt sehen. Das Sextett von der Hohenlimburger Hauptschule hat sich darauf eingelassen, ein altes Auto in ein feuriges Blues-Mobil zu verwandeln. Neues wollten sie lernen. Sich ausprobieren. Handwerklich und künstlerisch aktiv sein. Aus Sicht der Lehrer klingt das freilich anders: „Neben der notwendigen Aktivierung der Jugendlichen werden für die Erreichung der Ausbildungsreife erforderliche Schlüsselkompetenzen wie Teamfähigkeit, Ausdauer, das Einhalten von Sicherheitsvorschriften und Regeln, die Selbstorganisationsfährigkeiten und Eigenverantwortung sowie die Kreativität gefördert“, betont Henrik Hitzemann. Das klingt spröde. Doch jetzt ist es an Henrik Hitzemann zu zwinkern. „Die Schüler sind mit Begeisterung dabei. Sie wachsen über sich hinaus“, sagt er.
Das Thema Blues-Mobil kommt nicht von ungefähr. Henrik Hitzemann ist ein eingefleischter Blues-Brothers-Fan. Als er kürzlich den Film wieder sah und sich das Auto der Gebrüder Blues genauer anschaute, machte es klick. Er wollte mit Schülern ein Blues-Mobil bauen. Nicht im Stil der Highway Petrol, sondern eines, das die Sehnsüchte und Wünsche der heutigen Zeit widerspiegelt. Den „Blues“ der Heranwachsenden, sozusagen.
Zur Einstimmung auf das Projekt schauten sich die Schüler zunächst die Blues Brothers im Film an. Zugegeben, allzu hingebungsvolle Fans konnte Henrik Hitzemann nicht finden. Jedenfalls nicht unbedingt für den Film aus dem Jahr 1980. Kein Rap, kein Rave – nein, auch den Musikgeschmack werden die Blues Brothers nicht verändern. Und dennoch waren die Teenager begeistert. Die Idee, ein Auto auseinander zu nehmen und wieder zusammenzubauen, es nach eigenen Wünschen zu gestalten und künstlerisch zu verändern, reizte viele.

Schrauben und sprühen am Opel Omega

Also machte Henrik Hitzemann ernst. In Gevelsberg entdeckte er auf einem privaten Grundstück einen nicht mehr fahrtüchtigen Opel Omega. Von der Feuerwehr bekam er die Zusage, für die Arbeiten am und mit dem Auto eine Halle der Feuer- und Rettungswache Ost zu nutzen. Er ließ den Wagen nach Hohenlimburg transportieren. Seit Anfang April schrauben und sprühen die sechs Schülerinnen und Schüler einmal pro Woche an dem Wagen herum. Geschraubt wird unter den Blicken eines Kfz-Mechatroniker-Meisters, gesprüht mit Tipps von einem Air-Brush-Künstler.
Die Jungs und Mädels verwandeln ihren Omega in ihr ganz persönliches Blues-Mobil – mit griechischer Flagge, mit einer Hommage an Basketball-Star Michael Jordan, mit flammendem Herzen und einem Traum- und Wunschbaum. Mit Sponge Bob, der zu Ehren der Blues-Brüder eine schwarze Sonnenbrille tragen soll.
Doch die Arbeiten verliefen alles andere als reibungslos. Die Probleme saßen allerdings nicht im Team, sondern sie kamen von außen. Die ersten Zeichnungen am Blues-Mobil
wurden über Nacht von Unbekannten entfernt. „Eine Frechheit“, murrt Dimitrios. Irgendwann verschwand Arbeitsmaterial. „Wer macht denn so etwas?“, fragt sich Janni. Seither steht der Wagen Tag und Nacht in der Feuerwehr-Halle – in der Hoffnung, dass sich Unbefugte hier keinen Zutritt verschaffen können.

Neuer Halter für Blues-Mobil gesucht

Ein Ziel haben Henrik Hitzemann und Milevka Palibrk auf jeden Fall erreicht. Die sechs jungen Leute sind zu einem begeisterungsfähigem Team zusammen gewachsen. So wie Batuhan den Mädchen zeigt, wie sie am besten und gefahrlosesten mit dem Messer die komplizierten Schablonen für ihren Traumbaum ausschneiden oder wie gemeinsam die Konturen der wehenden griechischen Flagge abgeklebt werden, damit Jordanis das Blau und Weiß anschließend akkurat auftragen kann – besser lässt sich Teamwork nicht beschreiben.
Und was wird anschließend aus dem Blues-Mobil? Henrik Hitzemann zuckt mit den Schultern. „Wir werden das Blues-Mobil am 6. Juli bei einem großen Fest in unserer Schule präsentieren“, sagt Henrik Hitzemann. Aber – aus versicherungstechnischen Gründen – kann der Wagen nicht an der Schule bleiben. Deshalb möchte das Blues-Mobil-Team den Wagen versteigern. An einen Menschen oder einen Betrieb, der den veränderten Wagen aller Welt zeigt. Der Wagen wird ein echter Hingucker – und er ist schon jetzt ein gutes Beispiel für junge Leute, die sich ausprobieren, ihre Ärmel hochkrempeln und ihre Zukunft erobern wollen.