Zahl der „Ausgebrannten“ steigt rapide

Hagen. (anna) Es ist nicht die Menge der Arbeit, die bei immer mehr Arbeitnehmern zum Burn-out-Syndrom führt. Stattdessen sind es viele Faktoren – etwa ein enges Arbeitszeitkorsett, wenig Einfluss auf Arbeitsprozesse, niedriger Lohn und ein kränkender Führungsstil -, die diese Form der extremen Erschöpfung und gefühlsmäßigen Distanzierung von der Arbeit begünstigen.

Diskutierten jetzt in der Stadthalle über die Betriebliche Gesundheitsförderung in Westfalen-Lippe (v.l.): Helmut Schröder (Wissenschaftliches Institut der AOK), Dr. Dagmar Siebecke (TU Dortmund), Marlis Bredehorst (Gesundheits-Staatssekretärin NRW), Martin Litsch (AOK-Vorstand) und Emanuel Beerheide (LiGA NRW). (Foto: Kuschel/AOK)

„Um mit Feuer und Flamme bei der Arbeit sein zu können, ohne dabei zu verbrennen, bedarf es wertschätzender Arbeitsbeziehungen, bei denen Beschäftigte Handlungsfreiräume haben“, erläuterte jetzt Dr. Dagmar Siebecke von der TU Dortmund auf der AOK-Fachtagung in der Hagener Stadthalle. Und besonders bemerkenswert: Betroffen seien vom Burn out nicht die schwachen Menschen, sondern gerade eben auch die Leistungsträger eines Betriebes. Das hätten Forschungen zum Burn out ergeben. „Die Erkrankten fühlen sich wie Marionetten und verlieren jegliches Interesse an ihrer Arbeit, oft auch an ihrem Leben.“

Namhafte Experten aus Wissenschaft und Gesundheit informierten auf der Fachtagung mehr als 250 Geschäftsführer, Personalleiter und Betriebsräte aus ganz Westfalen-Lippe über neueste Herausforderungen in der Betrieblichen Gesundheitsförderung.

Psychische Erkrankungen

Die Fehlzeiten aufgrund von psychischen Erkrankungen haben im abgelaufenen Jahr 2010 weiter zugenommen, obschon der gesamte Krankenstand bei den rund 840.000 erwerbstätigen AOK-Mitgliedern in Westfalen-Lippe nur geringfügig von 5,26 auf 5,29 Prozent angestiegen ist.

Damit die Betriebe ihre Bemühungen um die Gesundheitsförderung verbessern können, bietet die AOK den Service „Gesunde Unternehmen“. „Dabei erstellt sie eine unternehmensspezifische Gesundheitsanalyse und hilft den Betrieben bei der Planung und Durchführung vorbeugender Maßnahmen“, erläutert Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender der AOK Nord-West.

Die meisten Ausfalltage entstanden im vergangenen Jahr aufgrund von Muskel- und Skeletterkrankungen (25,5 Prozent), Verletzungen (12,8 Prozent), Atemwegserkrankungen (12 Prozent) und psychischen Erkrankungen (9 Prozent). Die Zahl der Ausfalltage, die durch psychische Erkrankungen verursacht wurden, stiegen allerdings zwischen 2009 und 2010 um sechs Prozent an: Diese Erkrankungen dauerten in 2010 mit durchschnittlich 22,8 Kalendertagen je Fall doppelt so lange wie die durchschnittliche Krankheitsdauer (11,3 Tage).

Burn out (das sogenannte Ausgebranntsein) wird als Zustand physischer und psychischer Erschöpfung in der Diagnosegruppe „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ zunehmend dokumentiert. Um das Siebenfache sind die Krankheitstage zwischen 2004 und 2010 in dieser Diagnosegruppe angestiegen. „Zeitdruck und Stress, geringe Wertschätzung sowie Arbeitsverdichtungen nehmen offenbar weiter zu“, erklärt AOK-Chef Litsch. Dabei sei nicht die Quantität, also die Menge der Arbeit, Auslöser dieser Krankheit, sondern es seien qualitative Aspekte, die den Betroffenen lähmen.

Gesundheitsrisiken reduzieren

Nach dem aktuellen AOK-Gesundheitsbericht war im Jahr 2010 mehr als die Hälfte der Beschäftigten (57,5 Prozent aller AOK-Mitglieder) mindestens einmal krankgeschrieben. Bei 4,1 Prozent dieser Arbeitsunfähigkeiten handelte es sich um Langzeitfälle, die sich über mehr als sechs Wochen erstreckten.

„Mit unserem AOK-Service ’Gesunde Unternehmen’ ermöglichen wir den Firmen, krankheitsbedingte Fehlzeiten und Lohnnebenkosten zu reduzieren, die Gesundheit und Mitarbeiterzufriedenheit als Wettbewerbsvorteil zu nutzen und die Produktivität im Unternehmen zu erhöhen“, so Martin Litsch. „Im letzten Jahr nutzten 300 Betriebe diesen Service. Dadurch konnten viele Unternehmen nicht nur die Gesundheit ihrer Beschäftigten stärken, sondern gleichzeitig Arbeitsprozesse optimieren und somit Kosten senken.“

Zukunftsbranche „Pflege“ vor enormen Herausforderungen

Einer der Schwerpunkte der Fachtagung war die Zukunftsbranche „Pflege“. Der demografische Wandel stellt insbesondere diese Branche vor enorme Herausforderungen: Allein in NRW wird sich bis zum Jahr 2030 die Anzahl der Pflegebedürftigen um fast 50 Prozent erhöhen. Und damit wächst auch der Bedarf an qualifizierten Pflegekräften. „Angesichts des sich abzeichnenden Fachkräftemangels, hoher Krankenstände und einer abnehmenden Zahl von Berufsanfängern gewinnt die gesundheitsfördernde Gestaltung der Arbeitsbedingungen darum gerade in der ’Boom-Branche’ Pflege immer mehr an Bedeutung“, erklärte Helmut Schröder vom Wissenschaftlichen Institut der AOK. Vor allem die Doppelbelastung von Frauen, die Beruf und Familie unter einen Hut bringen müssen, verlange kreative Lösungen, so der Experte.

Marlis Bredehorst, Staatssekretärin im NRW-Gesundheitsministerium, meinte dazu: „Gerade in der Pflegebranche, in der überwiegend Frauen tätig sind, muss es eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen geben. Vor allem in Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wichtig ist aber auch, dass die Beschäftigten sich in ihrer Tätigkeit gewürdigt fühlen. Das heißt auch, dass man das Image der Pflegeberufe erhöhen und für eine entsprechende Bezahlung Sorge tragen muss.“

Mehr Infos zu den Angeboten zur betrieblichen Gesundheitsförderung gibt es unter www.aok-business.de/nw im Internet.