Zauberhafte Zwergenwelt

Priorei. (anna) Egal, ob man sie hasst oder liebt, sie sind ein toller Blickfang: die kleinen, bärtigen Zwerge mit den roten Zipfelmützen. Mal mit Spaten, Harke oder Schubkarre ausgestattet, schmücken und bewachen sie in ganz Deutschland die Gärten. Obwohl im Moment ein bisschen aus der Mode gekommen, behaupten sich die Zwerge in dem Prioreier Vorgarten bei Inge Neuhaus seit Jahrzehnten.
„Früher waren es mal über 100 Zwerge, die den Garten meines Schwiegervaters bevölkerten“, erinnert sich Inge Neuhaus, die jetzt – im August 2014 – mit Tochter Bianca Werner sowie den fünf- und achtjährigen Enkeltöchtern in der Zwergen- und Märchenidylle lebt. „Mittlerweile sind es keine 50 mehr. Obwohl die närrischen Gesellen im Winter trocken eingelagert werden, ist der Schwund unter den Zwergen groß. Die Witterungsverhältnisse hinterlassen ihre Spuren.“ Dennoch: Die größten Gesellen haben über 30 Jahre auf dem Buckel.
Immer wieder bleiben Spaziergänger vor dem Haus stehen und betrachten die bunte Welt im Miniformat. Schneewittchen und Rotkäppchen inklusive. Obwohl kein Zaun den Vorgarten von der Straße trennt, hat noch keiner die Zwergenidylle zerstört. Nur einmal, vor etlichen Jahren, verschwand ein Steinesel aus dem Garten.
Zwergengeschichte
Zwerge sind in der germanischen, der griechischen Mythologie und in Sagen zu finden, ebenso in etlichen Märchen der Brüder Grimm. Schon im Altertum umgaben sich Herrscher zur Unterhaltung gerne mit kleinwüchsigen oder missgebildeten Menschen, sogenannten Hofzwergen. Um Launen und Langeweile zu vertreiben, wurden sie in der Renaissance wieder häufig an Fürstenhöfen angestellt.
Klassische Gartenzwerge, wie wir sie kennen, sind ab der Mitte des 19. Jahrhunderts oft Gärtnern oder mittelalterlichen Bergleuten nachempfunden. Sie haben eine Lederschürze und eine Schaufel, Spitzhacke, Laterne oder Schubkarre und tragen in der Regel eine rote Zipfelmütze, die der Kopfbedeckung des Weihnachtsmannes ähnelt.
Spieß und Kitsch?
Gartenzwerge wurden, teils mit ironisch-kritischem Unterton, als Inbegriff des Spießbürgertums, als Zeichen des schlechten Geschmacks und gutes Beispiel für Kitsch angesehen, mit einem Tiefpunkt des Ansehens Ende der 1960er Jahre. Auch werden Gartenzwerge als ironisierende Darstellung des Deutschen Michels verstanden. Aufgrund modernerer Zwerge und einer verwandelten Einstellung zum Kitsch hat sich dieses Bild teilweise gewandelt.
Rettung
Im Jahr 1981 wurde eine Internationale Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge mit Sitz in Basel gegründet, deren Anliegen die Verbreitung der „Zwergenkunde“ (Nanologie) und die Produktion historisch „korrekter“ Gartenwichtel ist. Sie hat definiert, was ein „artiger“ – also echter – Gartenzwerg ist: Er ist maximal 69 Zentimeter groß, hat eine Zipfelmütze, einen Bart und ist männlich.
Wohl gegen Ende der 1990er Jahre entstand die Front zur Befreiung der Gartenzwerge in Frankreich, deren Anhänger die Figuren aus Vorgärten „befreiten“ und oft in Wäldern, ihrem „natürlichen Lebensraum“, aussetzten.
„Bei uns leben die Zwerge ja fast im Wald“, lacht Inge Neuhaus, die weiß, dass ihre Wichtel gerne bei ihr sind. „Meine Zwerge haben alle einen anderen Charakter und eigene Wesenszüge. Das sieht man in ihren Gesichtern“, ist sie überzeugt. Und manchmal kommt zum Geburtstag ein neuer Wichtel hinzu.