Zeppelin und Wünschelrute

Hagen. (ME) Was stand bei den Hagenern vor 100 Jahren – also am Vorabend des Ersten Weltkriegs – im Mittelpunkt des Interesses? Wir setzen unsere Serie „Hagen 1914“ zum dritten Mal mit einem Blick in den April fort.

Autor dieses Beitrags ist abermals Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach. Er schreibt:

Im April 1914 versetzten verschiedene Vorgänge auf bzw. unter der Erde und am Himmel über der Stadt die Hagener in Erstaunen. Wie die „Hagener Zeitung“ in ihrer Samstagausgabe am 18. April berichtete, hatte jetzt auch die Stadt Hagen einen Wünschelrutengänger. Er hieß Hans Dannert und war in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika – das ist das heutige Namibia – geboren. Jüngst hatte er sein Können auf dem Gelände des Buchhändlers Emil Rath am Südhang des Goldbergs unter Beweis gestellt. Beim Gang mit der Wünschelrute stellte Dannert dort eine Stelle fest, an der er in 7 bis 8 m Tiefe eine Wasserader vermutete. Ein Bohrversuch bestätigte die Richtigkeit seiner Vermutung. In 7 m Tiefe schoss plötzlich das Wasser 3 bis 4 m hoch aus dem Boden heraus. Bei verschiedenen anwesenden Personen, denen die Wünschelrute zum Versuch in die Hand gegeben wurde, reagierte diese aber überhaupt nicht.

Sensationelle Luftereignisse

Staunen rief aber auch das hervor, was am Donnerstag, dem 16. April, am Himmel über Hagen auftauchte. Am Morgen dieses Tages erschien gegen 8:30 Uhr von Westen kommend ein Zeppelin-Luftschiff über der Stadt. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um den Militär-Luftkreuzer Z 2. Er war am Morgen gegen sieben Uhr in Köln aufgestiegen. Für Hagen war es der erste Zeppelin-Besuch des Jahres. Das riesige, 132 m lange Luftschiff, unternahm in einem großen Bogen einen Rundflug über der Stadt, der bis zur Ruhr führte. Dann kehrte es zur Stadtmitte zurück und vollführte über dem Rathaus mehrere Flugmanöver, indem es bald steil aufstieg und sich dann wieder steil nach unten senkte. Gegen 9:15 Uhr verließ die „fliegende Zigarre“ wieder den Luftraum über der Stadt, verfolgt von Tausenden von Zuschauern auf den Straßen und den jubelnden Zeppelin-Zurufen der Schulkinder.

Eine andere Luftfahrt über Hagen verlief jedoch weniger glücklich. Am Sonntag, 5. April, nachmittags gegen zwei Uhr, flog ein von einem starken Westwind getriebener Fesselballon, aus dem eifrig Ballast abgeworfen wurde, beängstigend niedrig über den Stadtteil Altenhagen. Als sich der Ballon ungefähr über der Volme befand, wurde er von einer Fallbö so tief herabgedrückt, dass er sich in dem Geäst der Bäume an der Weinbergstraße verfing. Der Sturm riss den Ballon aber wieder los und trieb ihn noch etwa eine Viertelstunde in nur 15 m Höhe über dem Boden zur Hagener Heide auf dem Ischeland, wo der Korb zuerst gegen ein Gebäude und dann gegen das dortige Pflegehaus stieß. Der Aufprall war so heftig, dass zwei der drei Ballonfahrer Arm- und Beinbrüche erlitten. Der Ballon trieb anschließend noch ein Stück weiter, bis er sich sein Ring oben in den Haken eines Telegrafenmastes verfing. Herbeigeeilte hilfsbereite Personen befreiten schließlich mit der Hilfe von Leitern die Korbinsassen aus ihrer misslichen Lage. Die beiden Verletzten kamen zur Behandlung ins Krankenhaus. Inzwischen hatte sich aber eine mehrere Tausend Personen zählende Menschenmenge angesammelt, die neugierig das Geschehen beobachtete und eifrig diskutierte. Der Ballon war, wie sich herausstellte, am Morgen in Köln als Teilnehmer einer Zielfahrt des Kölner Klubs für Luftfahrt aufgestiegen, deren Ziel eine Stelle bei Neuenrade sein sollte.

Sonnige Ostertage

Die Ostertage 1914 am 12. und 13. April wurden von herrlichem Frühlingswetter verschönt. Nach den Regentagen in der Karwoche brach am Ostermorgen endlich die Sonne durch und bot Gelegenheit, den traditionellen Osterspaziergang zu unternehmen.

Die Abteilung Hagen des SGV veranstaltete am Ostersonntag und am Ostermontag je eine Tageswanderung im Sauerland über 20 bzw. 25 km. Da das schöne und warme Frühlingswetter auch am Ostermontag anhielt, waren die Hagener an beiden Tagen in Scharen unterwegs und die Ausflugslokale hatten ihren ersten „goldenen Sonntag“.

Für diejenigen, die nicht hinauswandern und stattdessen in der Stadt bleiben wollten, wurde aber auch reichlich Unterhaltung geboten. An beiden Ostertagen gab z.B. das Städtische Orchester jeweils nachmittags ab vier Uhr im Parkhaus ein Konzert. Ein Frühschoppen-Konzert fand ebenfalls an den beiden Ostertagen aus Anlass der Wiedereröffnung des Ratskellers dort vormittags ab 11:30 Uhr statt. Konzert und außerdem Tanzmöglichkeit gab es im Restaurant „Friedrichslust“ in Eppenhausen am Ostermontag ab vier Uhr nachmittags. In der am Ostersamstag in der „Hagener Zeitung“ hierzu veröffentlichten Anzeige wies der Besitzer, Friedrich von der Höh, daher nicht nur auf den Ausschank des „guten Lenzmann Bieres“, sondern auch auf den neuen Parkettboden in seinem Lokal hin. Konzertunterhaltung und Tanzvergnügen bot in seinen Räumlichkeiten am Ostermontag ab nachmittags vier Uhr auch der „Kaisergarten“ in Eckesey an.

Diebereien

Am Karsamstag drang spätabends ein Dieb in einen Hühnerstall in der Feldstraße in Boele ein und verschaffte sich einen billigen Osterbraten, indem er vier der fettesten Eierleger mitgehen ließ. In der Nacht zum Ostersonntag suchte dann ein Einbrecher ein Lederwarengeschäft in der Hochstraße heim. Ihm fielen Waren, Reisetaschen, Damenhandtaschen, Geldbörsen usw. im Wert von stattlichen 300 Mark – damals viel Geld – in die Hände. Er konnte mit seiner Beute unerkannt entkommen.

Weniger Glück hatte ein offenbar unverbesserlicher Hühnerdieb. Nachdem der Mann erst wenige Tage zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden war, wo er drei Monate wegen Rückfalldiebstahls eingesessen hatte, stahl er ebenfalls am Karsamstag in der Fleyer Straße mehrere Hühner. Bei dem Versuch, seine „Ware“ bei einem Händler in der Kampstraße zu versilbern, wurde er jedoch erwischt und musste die Ostertage wieder im Gefängnis verbringen.

→ Alle bisher erschienenen Teile der Serie.