Zwei Kinder verkauft

Hans und sein Sohn Björn de Myn verfügen über einen Schatz, wie er in ähnlicher Weise kaum ein zweites Mal in einem Hagener Privathaus vorhanden sein dürfte. Ihr wertvoller Urkundenbesitz reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Hinter ihnen hängt ein Dokument, das 1764 vom großen Preußenkönig Friedrich höchstpersönlich unterschrieben worden ist. (Foto: Michael Eckhoff)

Vorhalle. (ME) Hans de Myn verfügt über einen Schatz, wie er in ähnlicher Weise kaum ein zweites Mal in einem Hagener Privathaus vorhanden sein dürfte: Der Geschäftsführer des Vorhaller Fliesenhandels ZVV besitzt einen Riesenstapel an wertvollen Dokumenten, die bis ins 14. Jahrhundert  zurückreichen. Jetzt zeigt er einen Teil von ihnen öffentlich in seinem Geschäft, Weststraße 2.

Darunter ist manche kulturhistorische Perle. Etwa eine Kaufurkunde von 1347. Oder diverse Lehnsurkunden auf Pergament wie auch auf Papier. Eine besondere Rarität ist ein Vertrag von 1470, worin es um den Verkauf zweier leibeigener Kinder geht. Dies ist besonders interessant, weil das der einzige urkundlich dokumentierte Fall eines Kindesverkaufes aus dieser Zeit in unserer Region ist. Auch ein vom großen Preußenkönig Friedrich II. unterschriebenes und mit einem dicken Siegel versehenes Schriftstück gehört zu Hans de Myns Schätzen. Verfasst wurden all diese Dokumente im Zusammenhang mit de Myns Vorfahren auf „Gut Hausen“ an der Herdecker Straße.

Spätestens im 14. Jahrhundert

Früher lag das „Gut Hausen“ idyllisch im Ruhrtal, heute führt die stark befahrene B54 von Hagen nach Herdecke fast an der Haustür vorbei. Allerdings ist das altehrwürdige, 1860/61 errichtete Ruhrsandstein-Bauwerk – geschützt durch ein paar Büsche und Bäume – von der Straße aus kaum zu sehen. Das beeindruckende Ex-Gutshaus mit seinen angefügten großen Stallgebäuden steht an einer Stelle, an der sich schon im 14. Jahrhundert ein vermutlich „befestigtes Haus“ befunden hat. Alten Berichten zufolge war es „anno dazumal“ ein von den Herren von Volmarstein vergebenes Lehen. Obendrein war Gut Hausen gegenüber dem Stift Herdecke abgabepflichtig.

Als Volmarsteiner Lehnsträger erscheinen im 14. Jahrhundert Arnoldus te Husen und Albert Haveren. Später wechseln die Besitzer mehrfach, was an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden muss. Für die Hagener Lokalgeschichte wird es im 18. Jahrhundert erneut richtig spannend. Ein Sprössling aus einer der historisch wichtigsten Hagener Familien, Bernhard Funcke von Funckenhausen (1725 bis 1790), heiratet Anna Elisabeth Hausemann und bekommt mit dieser Heirat das Gut Hausen. 1862 erbt Friederike Henriette Funcke das Anwesen. Sie ist verheiratet mit dem für die Vorhaller Geschichte bedeutsamen Kaufmann und Ziegeleibesitzer Wilhelm Escher, in dessen Zeit zahlreiche Unternehmungen in Angriff genommen werden, so beteiligt er sich sogar an Eisensteingruben in Nassau.

Große Nachfrage

Seine Nichte war Luise Möllenhoff. Nach ihrer Heirat mit dem Düsseldorfer Ingenieur August de Myn verzeichnete Gut Hausen einen weiteren Aufschwung – so verbesserte er den von Escher errichteten Ziegelei-Ringofen, was insofern überaus erfolgsträchtig war, weil seinerzeit eine enorme Nachfrage nach Ziegeln im Großraum Hagen bestand. Dieser Ziegeleibetrieb erstreckte sich ungefähr dort, wo heute die Hallen von Toys’R’us stehen.

Im Eigentum der Familie de Myn befindet sich das altehrwürdige Gut bis heute. Zwar verfügt es nach wie vor über einen umfangreichen Waldbesitz, aber längst nicht mehr über die riesigen Landwirtschaftsflächen so wie früher. Der Bau der Eisenbahnen, der Autobahn, die Verbreiterung der Ruhr, die Verlegung der B54, die Herrichtung eines Spülfeldes für Sedimente aus dem Harkortsee… – all dies hat reichlich Platz benötigt. Damit war die Landwirtschaft auf Gut Hausen nicht mehr durchführbar. Das 1861er Gutshaus zeigt sich äußerlich noch im spätklassizistischen Gewand, innerlich ist es mittlerweile geteilt in mehrere Wohnungen. Die Ökonomiegebäude werden teilweise von einem Landschaftsbauunternehmen genutzt.

Gut Hausen zeigt sich äußerlich noch im spätklassizistischen Gewand, innerlich ist es mittlerweile geteilt in mehrere Wohnungen. Die Ökonomiegebäude werden teilweise von einem Landschaftsbauunternehmen genutzt. (Foto: Michael Eckhoff)

60 Dokumente in der Ausstellung

Hans de Myn zeigt die von ihm gehüteten wertvollen Dokumente und Urkunden gern – natürlich nur als Kopien – der Öffentlichkeit. Bereits  1996 – als die Stadt Hagen ihren 250-jährigen Geburtstag feierte – stellte er einige von ihnen in den ZVV-Ausstellungsräumen aus. Jetzt hat Hans de Myn erneut 60 Schriftstücke hervorgeholt, sie kopiert und laminiert, um sie allen geschichtsinteressierten Hagenern an der Weststraße zu präsentieren. Anlass für die aktuelle Schau ist die „Local-Hero-Woche“ im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010.

„Ich möchte“, betont Hans de Myn, „einen Einblick in das Leben der Zeit ab 1347 geben. Interessant ist zum Beispiel, dass Erbpachtverträge bereits im Jahre 1593 üblich waren. Schriftstücke unterschiedlicher Themen wie Brautbriefe, Trauerbriefe und Studentenbriefe bereichern das Thema. Aus Steuerlisten geht hervor, dass 1648 tatsächlich nur der ’Zehnt’ an Steuern gezahlt wurde. Eheverträge waren in der damaligen Zeit gang und gäbe. Die heute üblichen Geschäftspapiere wie Mahnungen, Quittungen, Wechsel und Hypothekenscheine waren auch vor 1746 bereits üblich. Das schönste Schriftstück ist eine von Friedrich dem Großen selbst unterschriebene Konzession, die die Erlaubnis zur Herstellung von Tüchern enthält und gleichzeitig die Berechtigten von der Wehrpflicht entbindet.“

Die zugehörigen Übersetzungen/Erläuterungen stammen übrigens von einem früher recht prominenten Heimatforscher – von Eberhard Winkhaus. Die geschichtsträchtige Ausstellung kann bis zum 7. August während der ZVV-Geschäftsöffnungszeiten besichtigt werden.