Zwischen Tradition und Moderne

Michael Eckhoff ist froh: beide „Jugendstil-Produkte“ liegen endlich vor. Den kleinen Architektur-Führer (r.), der die wichtigsten Hagener Bauten anhand von Rundgängen vor Augen führt, konnte er zusammen mit seinen Mitstreitern schon im Kulturhauptstadtjahr vorlegen. Dank zahlreicher Sponsoren erschien endlich auch das eigentliche „Jugendstil-Buch“ (l.), wobei es darin übrigens nicht allein um den Jugendstil geht, sondern um die Architekturspanne von etwa 1870 bis circa 1930. (Foto: Claudia Eckhoff)

Von Michael Eckhoff

Hagen. Es hat ein Weilchen gedauert, bis es fertiggestellt werden konnte. Aber jetzt ist es endlich da: das neue Buch „Zwischen Tradition und Moderne – Jugendstil und mehr in Hagen“. wochenkurier-Chefredakteur Michael Eckhoff, einer der Mit-Autoren, hat es am Samstag, 26. November 2011, 11 Uhr, im Thalia-Café, Elberfelder Straße, der Öffentlichkeit vorgestellt. Das neue Buch stellt – wenngleich etwas verspätet – gleichsam das „i-Tüpfelchen“ des Kulturhauptstadtjahres dar.

Vor weit über zwei Jahren kündigte sich mit großen Schritten das Kulturhauptstadtjahr „Ruhr 2010“ an. Auf Initiative des Direktors des Osthaus-Museums, Dr. Tayfun Belgin, und des Stadtmarketingvereins, Christian Isenbeck, wurde seinerzeit ein Arbeitskreis zum Thema „Jugendstil in Hagen“ ins Leben gerufen. Das Ziel: es sollten im Hinblick auf den Hagener Höhepunkt der Kulturhauptstadtjahres (im Juli 2010) einige Ideen entwickelt werden, wie die Baukunst rund um Karl Ernst Osthaus (Stichwort: „Hohenhof“) in den Mittelpunkt gerückt werden könnte.

Weiter Bogen

Schnell war man sich einig, den Bogen weiter zu spannen und nicht allein die Zeit zwischen 1900 und 1910 zu betrachten. Vielmehr sollte die städtebauliche und architektonische Entwicklung der Epoche von circa 1870 und 1930 in Hagen bearbeitet werden. Es galt demnach, Stadtteile wie Hohenlimburg, Haspe und das Gerichtsviertel ebenso ins Visier zu nehmen wie das altbekannte Stirnband („Hagener Impuls“), Altenhagen oder Wehringhausen. Überdies war man sich rasch einig, zwei „Produkte“ zu fabrizieren: einerseits sollte es einen kleinen Architektur-Führer geben, der die wichtigsten Hagener Bauten anhand von Rundgängen vor Augen führt. Und zum anderen wurde ein Buch geplant, das hauptsächlich mit zahlreichen Fotos glänzen sollte.

Den Führer legte die Arbeitsgruppe auch tatsächlich im Juli 2010 vor – dafür reichte das Geld aus dem Kulturhauptstadttopf aus. Doch das Buch blieb zunächst auf der Strecke. Die Stadt Hagen konnte die benötigte Summe nicht aufbringen. Erst als sich die Geschäftsführer der großen Hagener gemeinnützigen Baugesellschaften – ha.ge.we. EWG, Holibau, Wohnungsverein und GWG – der Sache annahmen, kam Bewegung in die Jugendstilbuch-Produktion. Die fünf Geschäftsführer – allen voran Harald Kaerger (ha.ge.we) – sorgten für Spenden und Sponsoren, so dass die begonnene Arbeit im November 2011 ihr glückliches Ende finden konnte. Kaerger: „Zahlreiche wichtige Bauten im Besitz unserer Gesellschaften gehören zum herausragenden architektonischen Erbe unserer Stadt, deshalb sahen wir es als unsere Aufgabe an, die Herausgabe dieses Buches zu ermöglichen.“ Erschienen ist jetzt ein – um mit dem Kulturdezernenten Dr. Herbert Bleicher – zu sprechen „ein Prachtband“, der viele überaus sehenswerte Fotos, darunter zahlreiche Detail-Aufnahmen, aufweist. Das Titel-Bild zeigt die von Henry van de Velde entworfenen Elemente einer Heizungsverkleidung aus dem Hohenhof.

An den Buch waren nicht nur sieben Autoren beteiligt, sondern überdies zahlreiche Fotografen, allen voran Stefan Fuhrmann.

Petra Holtmann (Ardenkuverlag) hat das Werk engagiert und liebevoll verlegerisch betreut.

Das Buch kostet 29,80 Euro und ist ab sofort im Buchhandel erhältlich.

Das Titelbild zeigt die von Henry van de Velde entworfenen Elemente einer Heizungsverkleidung aus dem Hohenhof. (Titel-Entwurf: Ardenkuverlag)

Hagens städtebauliche und architektonische Entwicklung

Der wochenkurier möchte die Herausgabe dieses Buches nutzen und noch einmal wichtige Aspekte der hiesigen städtebaulichen und architektonischen Entwicklung vor Augen führen.

Hagen, gelegen an der Nahtstelle zwischen Ruhrgebiet und Sauerland, wird bekanntlich von den Tälern der Volme, Ennepe, Lenne und Ruhr beherrscht. Während die Ruhr ungefähr die nördliche Stadtgrenze bildet und damit für die eigentliche Stadtentwicklung nur eine nachgeordnete Bedeutung besitzt, waren die drei anderen Flüsse mit ihren Nebenläufen jahrhundertelang von großer Wichtigkeit – vor allem auch aufgrund der Möglichkeit, ihre Wasserkraft umfangreich nutzen zu können.

Die Lage Hagens macht eine eindeutige Zuordnung schwierig. Ordnet man die Stadt eher Südwestfalen zu, bleibt festzuhalten: das Oberzentrum Hagen ist mit knapp 190.000 Einwohnern die eindeutig größte Kommune der Region, erst weit dahinter folgen Siegen und Iserlohn. Natürlich ist die heutige Größe auch das Ergebnis von Eingemeindungen: Ursprünglich reichte Hagen lediglich vom heutigen Graf-von-Galen-Ring bis etwa Oberhagen. Eine erste Eingemeindung erfolgte 1876 (Eilpe, Wehringhausen), die zweite 1901 (Delstern, Eckesey, Eppenhausen), die dritte 1929 (Haspe, Vorhalle, Boele, Fley, Halden, Herbeck, Holthausen) und die vorerst letzte im Jahr 1975 (Hohenlimburg mit Elsey, Berchum, Garenfeld sowie Dahl mit Rummenohl).

Eisenbahn als „Motor“

Ein wesentlicher Faktor für die städtebauliche Entwicklung Hagens war vor allem die Eisenbahn. Durch die Lage im Schnittpunkt mehrerer Täler und Gewerberegionen war Hagen hervorragend geeignet, Eisenbahnknotenpunkt zu werden. Mit der Errichtung eines recht weit vom historischen Ortskern um die Johanniskirche entfernt liegenden Bahnhofs 1848 wurde zudem die Weiche gestellt für die Entwicklung unterschiedlicher Dreh- und Angelpunkte.

Schauen wir uns ein Stadtbild von etwa 1850 an, dann sehen wir Folgendes: Entlang der Volme reiht sich Industrie, zwischen alter Johanniskirche und neuem Bahnhof erstreckt sich eine zunächst noch bäuerlich genutzte Fläche, die wiederum begrenzt wird durch die beiden Poststraßen nach Elberfeld bzw. Dortmund, heute Elberfelder Straße und Körnerstraße. Bald nach 1850 verschwinden Äcker und Wiesen immer mehr und werden für Gewerbe und Wohnbebauung genutzt. Zentrale Erschließungsachse ist die Bahnhofstraße – sie beginnt zwar am Bahnhof, führt aber keinesfalls bis in den alten Kern, sondern endet vor Kopf einer im Zweiten Weltkrieg zerstörten Fabrikanten-Villa.

An zahlreichen hiesigen Hausfassaden aus der Epoche zwischen 1870 und 1930 können die Hagener sehenswerte Details entdecken. Unser Foto zeigt Beispiele aus Haspe. (Foto: Stefan Fuhrmann)

Ausgangslage

In dieser städtebaulichen Ausgangslage offenbart sich ein wichtiges Wesensmerkmal der innenstädtischen Gestaltung: der Bahnhof und das alte Viertel an der historischen Johanniskirche liegen relativ weit voneinander entfernt. Diese Situation miteinander konkurrierender Zentren wird später nicht etwa aufgehoben, sondern verfestigt. Hinzu kommt, dass sich die alte Poststraße nach Elberfeld einerseits und andererseits der Bereich um das Rathaus ebenfalls zu wichtigen Quartieren entwickelten.

Diese Situation hat wiederholt heftige Debatten verursacht – so in den 1920er Jahren. Nach 1945 hätte dann die Chance bestanden, die alte Struktur aufzulösen, aber die Stadtväter hielten in der Innenstadt am historischen Straßensystem fest.

Im Verlauf des 19. sowie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchs die Bedeutung der Eisen-/Stahl-Branche erheblich an. Walzwerke bestimmten fortan das Bild der heimischen Täler ebenso wie zahlreiche (Gesenk-)Schmieden, Gießereien und Fabriken für allerlei Kleineisenteile. Von besonders großer Bedeutung war lange Zeit die Fülle jener Firmen, die zu den Eisenbahn- und später zu den Auto-Zulieferern zählten.

Noch in den 1950er Jahren arbeitete fast jeder zweite heimische Arbeitnehmer in der Eisen- und Metallerzeugung/-verarbeitung. Doch in den 70er Jahren kam für viele Firmen das Aus. Allein im Bereich Eisen und Stahl gingen damals in der Region in kurzer Zeit um die 20.000 Arbeitsplätze verloren. Heute zählen wir nicht einmal mehr jeden dritten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Eisen-/Metall-Sparte. Längst sind – wie anderswo auch – wesentlich mehr Menschen im Bereich „Dienstleistungen“ tätig.

Hagens Architektur bis zum Zweiten Weltkrieg

In die Zeit vor 1200 weisen nur wenige Hagener Bauten zurück, so die Johanniskirche am Markt, in deren Fundament ein hochmittelalterlicher Vorgängerbau archäologisch nachgewiesen werden konnte. (Spät-)Mittelalterlich sind jeweils im Kern die evangelische Kirche in Dahl, das Schloss Hohenlimburg, das Wasserschloss Werdringen, das Haus Busch, das Haus Dahl und das Stift/Kloster Elsey samt zugehöriger Kirche.

Aus den Epochen Barock und Rokoko haben sich unter anderem Elseyer Stiftsbauten sowie mehrere qualitätsvolle Bauern- und Bürgerhäuser erhalten, darunter als bedeutendstes Beispiel eines bergisch-märkischen Bürgerhauses dieser Epoche überhaupt und somit ein Bauwerk von nationaler Bedeutung: das Haus Harkorten von 1756.

Verschiedene herausragende Adels- und Bürgerbauten des 18. Jahrhunderts fußten bereits auf einer zweigeschossigen Grundform mit fünf Fensterachsen – diese Grundform scheint dann zwischen 1790 und 1870 in unserer Region zum „absoluten Dauerbrenner“ geworden zu sein. Jedenfalls lassen sich in Hagen Dutzende von bemerkenswerten Beispielen zweigeschossiger, fünfachsiger Häuser finden. Ob in Fachwerk oder in Stein, ob verschiefert oder verputzt, ob mit historistischem Dekor oder klassizistisch schlicht, ob mit Freitreppe oder Dreiecksgiebel über der Mittelachse – fast alle denkbaren Varianten kommen vor.

Frauenköpfe, exotische Pflanzen oder auch Fabelwesen gehören zum typischen Fassadenschmuck der „Ära 1900“. Diese Drachen treiben an der Lange Straße ihr Unwesen. (Foto: Stefan Fuhrmann)

Stil-Imitation

Ansonsten brachte das 19. Jh. bekanntlich die Stil-Imitation mit sich – anfangs den Klassizismus, später den schon mehrfach im wochenkurier vorgestellten Historismus in seinen diversen Erscheinungsformen. In diesen beiden Stil-Arten kann Hagen auf beachtliche Exemplare verweisen, vorrangig in Wehringhausen und Haspe. Bei der Erschließung neuer Wohnviertel wurde um 1900 meist die Errichtung vier- oder fünfgeschossiger Mietshausbauten bevorzugt, oft in Karrees angeordnet. Typische Arbeitersiedlungen wie im Ruhrgebiet gibt es hingegen nur sporadisch und sind ohne größere Bedeutung.

Was hingegen in Hagen umso bedeutsamer wurde: das Wirken der Genossenschaften. In den 1890er Jahren veränderte der Staat diverse Rahmenbedingungen, so dass die Tätigkeit gemeinnütziger Wohnungsbauvereine leichter finanzierbar wurde. Fortan bauten nicht mehr allein private Erschließungsgesellschaften die neuen Siedlungen, sondern ebenso z.B. „Bau- und Sparvereine“ und „Beamtenwohnungsvereine“. Die älteste Genossenschaft in Hagen ist der Eisenbahner-Bauverein, gegründet 1892.

Glanzlichter

Der Historismus klang um 1900 keinesfalls ab, sondern behauptete sich im Nachklang bis in die 1920er Jahre und somit noch neben Heimatstil, Jugendstil und aufkommender Moderne. Vor allem der Jugendstil und die sich daraus ergebenden Anfänge der Moderne haben in Hagen einige auch im internationalen Vergleich bedeutende Glanzlichter hinterlassen – etwa Bauten von Künstlern wie Henry van de Velde, Peter Behrens und J.L.M. Lauweriks („Hagener Impuls“).

Darüber hinaus zählt die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg zu den spannendsten Phasen der Hagener Geschichte. Angeleitet von einem visionären Oberbürgermeister, Willy Cuno, und von einem der Moderne zugewandten Stadtbaurat, Ewald Figge, wagte sich Hagen auf vielen Feldern weit vor, gründete kurz hintereinander ein kommunales Orchester (1907), ein Theater (1911), baute eine Stadthalle, etliche moderne Schulen (darunter 1912 mit den Hallenschulen einen völlig neuen Typus), Sportanlagen, will Gartenstädte aus der Taufe heben und inthronisiert sogar mit Milly Steger eine Bildhauerin zur Verschönerung des Stadtbilds, was insofern bemerkenswert ist, weil es damals – also vor 1914 – in Deutschland nichts Vergleichbares gab.

Der Erste Weltkrieg stellte zwar in vielfältigster Weise eine Zäsur dar, doch versuchten Cuno und Figge in den 1920er Jahren ein weiteres Mal neue Wege zu gehen. Diesmal galt ihr Haupt-Augenmerk der Schaffung neuer Siedlungen, teils auch mit Hilfe neugegründeter Genossenschaften. Und wiederum gelang Richtungsweisendes, so etwa mit dem „Cunohof“ auf dem Kuhlerkamp. Auch darüber hinaus haben die Zwanziger Jahre manch bemerkenswertes Bauwerk hervorgebracht, so etwa die am Bauhaus orientierten Werke von Günter Oberste-Berghaus in Haspe.

Zu den Straßen mit schier ausuferndem Fassadenschmuck gehört die Lange Straße in Wehringhausen, wo auch dieser Hase „hoppelt“. (Foto: Stefan Fuhrmann)

Beim Siedlungsbau standen sich zwei Konzepte gegenüber – auf der einen Seite orientierten sich Baumeister an Wiener Vorbildern („Karl-Marx-Hof“), indem sie versuchten, „Wohnhöfe“ zu schaffen (Cunohof, Steinbrinkhof als hiesige Beispiele), auf der anderen Seite stand das Bemühen im Vordergrund, Siedlungen in Zeilenbauweise zu errichten oder in Anlehnung an die Gartenstadt-Idee. Natürlich schlug sich in Hagen auch bei den Siedlungsbauten die stilistische Vielfalt der Zwanziger Jahre nieder – mit Exemplaren in Anklang an den Funktionalismus ebenso wie mit welchen, die eher Einflüsse des Expressionismus oder Art Deco verraten.

Nur noch wenig

Die Zeit nach 1933 ist eine Phase, in der nur sehr wenig gebaut worden ist, darunter mehrere kaum nennenswerte Siedlungen. Ab 1939 war auch diese Tätigkeit beendet – nun schuf man eigentlich nur noch Stollenanlagen und Bunker. Als der Krieg vorüber war, lagen große Teile der Stadt in Trümmern. Die Innenstadt erreichte gar einen Zerstörungsgrad von nahezu hundert Prozent.

Schnell machten sich die neuen Stadtväter unter Oberbürgermeister Fritz Steinhoff daran, den Wiederaufbau zu planen – und bald wurde Hagen weithin gerühmt als die Stadt im rheinisch-westfälischen Industriebezirk, die als erste ihren Wideraufbauplan vorlegen konnte. Die ersten Fertigstellungen (etwa im Markt-Viertel nahe der Johanniskirche) können in ästhetischer Hinsicht heute sicherlich nicht befriedigen, aber um Ästhetik ging es damals den Menschen zunächst auch nicht, sondern eher darum, schnell ein „Dach über dem Kopf“ zu bekommen. Aber das ist ein anderes Thema …