80 Jahre Gleichschaltung

„Ein Volk, ein Reich, ein Führer“. Gottgleich sollte Hitler über ganz Deutschland herrschen. Das war das Ziel der sogenannten „Gleichschaltung“. Pompös und höchst wirkungsvoll sah die nationalsozialistische Aufmachung auch am Iserlohner Rathaus, der heutigen Stadtbücherei am Alten Rathausplatz aus. (Foto: Archiv Seltmann)

Iserlohn. (clau) Im Jahr 1933 – vor genau 80 Jahren – kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Nach den Neuwahlen am 20. März jenes Jahres folgte der Prozess der sogenannten „Gleichschaltung“. Auch in Iserlohn gelang es den Nazis, binnen kürzester Zeit alle Macht an sich zu reißen und allen Widerspruchsgeist zu vernichten.

Wie genau das in der Waldstadt von statten ging, hat der in Sümmern lebende Lokalhistoriker Wolf R. Seltmann kürzlich zusammengetragen. Er stellt dem wochenkurier seine Arbeit auszugsweise zur Verfügung.

Das Reich sollte nach dem Prinzip „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ umgestaltet werden. Gottgleich sollte Hilter über der Gemeinschaft thronen. Diesem Ziel näherte man sich mit einer Reihe von scheingesetzlichen Grundlagen. Die Gleichschaltung der Länder beendete den Bundesstaat. Das Ermächtigungsgesetz bedeutete das Ende des Parlamentarismus. Die Wiederherstellung des Berufsbeamtentum erlaubte es, unliebsame Beamte – Juden, Kommunisten oder Sozialdemokraten – aus dem Dienst zu jagen.

Nach dem 20. März 1933

Im ganzen Reich wurden damals rund 30.000 Beamte entlassen. In Iserlohn musste etwa der Arbeitsamtsdirektor Julius Bräucker, bis 1932 SPD-Abgeordneter im preußischen Landtag, seinen Hut nehmen. Weitere Entlassungen gab es im Amtsgericht.

Der langjährige Oberbürgermeister Richard Gertenbach, der sich schnell mit den neuen Machthabern arrangiert hatte, wurde am 27. April 1933 ohne Angabe von Gründen beurlaubt. Später versuchte man, ihm Dienstvergehen vorzuwerfen.

Dem schon pensionierten ersten Beigeordneten und Bürgermeister Dr. Reinhold Schulte warf man gar Bereicherung im Amt vor. Mitte Juni 1933 trieben ihn SS-Leute durch die Innenstadt: Um seinen Hals hing ein Schild mit der Aufschrift „Lump“.

31. März 1933

Nur elf Tage nach der Wahl, aus der die NSDAP zwar als stärkste Partei im Iserlohner Stadtrat aber ohne absolute Mehrheit hervorgegangen war, gab es eine polizeiliche Neuheit. Leute des Stahlhelms und der NSDAP wurden offiziell als Hilfspolizisten eingesetzt. Somit erhielten die Schlägertrupps der Partei den Schein von Legalität. Die Polizei unterstand damit der Partei, nach 1934 direkt der SS.

18. April 1933

Keine drei Wochen später wurde die Arbeitswelt gleichgeschaltet. Die Firma Kissing und Möllmann an der Oberen Mühle teilte mit, dass der Betriebsrat in Zukunft nur noch aus zwei Leuten bestünde, die nicht gewählt, sondern benannt worden seien. Der Vorgang sei mit dem Leiter der Nationalsozialistischen Betriebszelle abgesprochen. Das Betriebsrätegesetz von 1919 ist damit ausgehebelt und wurde im Januar 1934 ganz aufgehoben. An seine Stelle trat das „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“.

2. Mai 1933

Wieder nur zwei Wochen später wurden im ganzen Land die Gewerkschaften verboten. An ihre Stelle trat nun die „Deutsche Arbeitsfront“ (DFA). In Iserlohn wurde der Gewerkschaftssekretär Trauschold in „Schutzhaft“ genommen, das heißt: ins Konzentrationslager gebracht.

23. Mai 1933

Genau drei Wochen später wurde die Gleichschaltung des Iserlohner Konsumvereins gefordert, dessen Vorsitzender ebenfalls Gewerkschafter Trauschold war. Man müsse nach dem Rechten sehen und verhindern, dass das Volksvermögen nicht in unrechte Kanäle fließe, hieß es zur Begründung.

Auch die Presse hatte linientreu zu berichten – oder wurde mundtot gemacht. In Iserlohn konnten nur noch der IKZ und der „Generalanzeiger – Rote Erde“ den Ansprüchen der Partei genügen.

Der Feuerwehr erging es nicht besser: Demokratische Führungskräfte wurden durch parteitreue ersetzt. Jüdische Feuerwehrmänner wurden entlassen. Aus der Feuerwehr wurde die „Feuerlöschpolizei“. Ihre Leute trugen auch nicht mehr das traditionelle Uniformblau, sondern Polizeigrün. Sie unterstanden erst der Polizei, gegen Kriegsende dann der SS.

Vereinsleben

Das Vereinsleben wurde nationalsozialistisch durchsetzt. Jugendvereine wurden verboten oder der Hitlerjugend unterstellt. Arbeitersportvereine wurden noch im Frühjahr 1933 verboten.

In Vereinen aller Art wurde den Juden 1933 die Mitgliedschaft aberkannt. Schützenvereine konnten sich teilweise erst eine gewissen Selbstständigkeit bewahren. Beim heimischen IBSV war der Verwaltungsrat von mehreren NSDAP-Parteimitgliedern besetzt. Fritz Dahlberg, langjähriges Verwaltungsratsmitglied, musste allerdings auf Geheiß des Obersten sein Amt niederlegen, weil er seine arische Abstammung nicht eindeutig nachweisen konnte. Ab 1938 wurden alle Schützenvereine der SA unterstellt.

Sommer 1933: In nur sechs Monaten hatten es die Nationalsozialisten geschafft, die Opposition auszuschalten. Die Menschen standen Schlange, um Mitglied der NSDAP zu werden. Mit dem Parteibuch wollten sich die Massen eine Zukunft in der gleichgeschalteten Gesellschaft sichern.