Amis, Plünderungen, Flüchtlinge & Hunger

Hemer. (clau) Die US-Truppen besetzten Hemer am 14. April 1945. Der heute 80-jährige Ernst Alberts erinnert sich noch genau an diese Zeit, die er als 12-jähriger Sohn des Sundwiger Müllers erlebte.

Wenige Wochen vor der deutschen Kapitulation kamen die ersten großen Trecks aus Ostpreußen in der Felsenmeerstadt an. Vor allem Säuglinge und ältere Menschen überlebten die Strapazen der Flucht meist nicht. (Foto: privat)

Schon einige Tage zuvor hatte man das Artilleriefeuer der näher kommenden Front deutlich gehört. Auf dem Hof der Mühle platzierte sich ein deutscher Panzerspähwagen mit aufmontiertem Flakgeschütz und schoss in Richtung Südosten. Der Hof und seine Umgebung gerieten unter Beschuss. Als die Amerikaner aber dann ankamen, hatte sich der Panzerspähwagen verzogen und die Familie Alberts im Keller Schutz gesucht.

Die „Amis“ kommen

Ernst Alberts erinnert sich: „Weil die deutsche Propaganda viel über die angeblichen Gräueltaten der feindlichen Soldaten berichtet hatte, sah ich der Ankunft der Amerikaner mit Angst entgegen.“

Einige der „Amis“ durchsuchten dann lustlos die Gebäude und fanden Waffen und Munition, von denen die Alberts gar nichts wussten. „Bei uns einquartierte deutsche Soldaten hatten die Sachen offensichtlich los werden wollen, um sich unbewaffnet ergeben zu können“, sagt Ernst Alberts. „Sie hatten sie heimlich unter unseren Kohlen, dem Stroh und dem Heu versteckt. – Die Amerikaner nahmen das gelassen hin, ohne uns dafür verantwortlich zu machen.“

Noch mehr aber staunten die Hemeraner über die für sie unvorstellbaren Massen an Fahrzeugen, Panzern und sonstigem Gerät, womit die amerikanische Armee vorbeizog.

Plündernde Russen

In den ersten Tagen nach dem Einmarsch der Amerikaner blieben die Tore des STALAG offen. Die dort eingepferchten ausgehungerten 19.000 russischen Kriegsgefangenen plünderten drei Tage lang in Hemer.

„Mehrere hundert Russen demolierten unsere Mühle“, erinnert sich Ernst Alberts. „Sie schlitzten Getreide- und Mehlsäcke auf und leerten sogar die Mahlgänge, um sich an dem puren Mehl und Korn satt zu essen.“

Stachu, der schon lange bei den Alberts lebende polnische Gehilfe, setzte sich bei den Russen für die Müllersfamilie ein. Durch sein gutes Zureden wurde das Wohnhaus der Alberts verschont.

„Viele der Russen sind kurz nach der Befreiung gestorben“, weiß Ernst Alberts. „Sie hatten zu viel oder das Falsche in sich hineingestopft. Einige waren etwa in die Drogerie Klaus eingedrungen und hatten dort Getreide gefunden und gegessen, das als Rattengift zubereitet war.“

In Hemer gab es in jenen Tagen für die Bevölkerung nur sogenanntes „Spelzenbrot“ zu essen. Da in der Sundwiger Mühle alle Getreidesäcke aufgeschlitzt waren, lagen Roggen und Hafer gut durchmischt auf dem Fußboden und die Maschine, die das Getreide hätte sieben können, war beschädigt worden.

Flüchtlinge

Die ersten Flüchtlinge kamen in Hemer aus Richtung Westen an. Sie waren entweder vor den heranrückenden Amerikanern geflüchtet oder von der deutschen Verwaltung noch zwangsweise evakuiert worden. Auf dem Mühlenhof der Alberts etwa wurde eine vielköpfige Familie aus Düren einquartiert.

Wenige Wochen vor der deutschen Kapitulation kamen aber die ersten großen Trecks aus Ostpreußen in der Felsenmeerstadt an. Sie waren nur der Beginn eines nicht enden wollenden Stromes von Flüchtlingen aus dem gesamten ostdeutschen Raum. Da die deutschen Städte schon zerbombt waren, verteilte man die Flüchtlinge auf die noch intakten ländlichen Gebiete.

„Alle mussten zusammenrücken“, erzählt Ernst Alberts. „Allein in unserem Haus wohnten damals fünf oder sechs Familien.“

„Hamsterfahrten“

Die Wohnungsnot war das eine. Das andere war der Hunger. Die Versorgung mit Lebensmitteln war mit Kriegsende nahezu völlig zusammengebrochen.

Da die meisten deutschen Männer im Alter zwischen 16 und 60 entweder gefallen waren oder sich noch in Kriegsgefangenschaft befanden, mussten die Frauen den täglichen Kampf ums Überleben auf sich nehmen.

„Es waren überwiegend Frauen, die zu Fuß, auf Fahrrädern oder in völlig überfüllten Zügen aufs Land kamen, um bei den Bauern zu ,hamstern‘“, so hat es auch Ernst Alberts erlebt. Das Geld war wertlos geworden. Die Frauen tauschten für sich und ihre Kinder Wertsachen gegen Lebensmittel ein. Der Kampf gegen den Hunger verschlang so viel Zeit und Kraft, dass für die Erziehung und Beaufsichtigung der Kinder nur noch wenig übrig blieb. Das wiederum hatte für die Kinder selbst durchaus seinen Reiz, wie Ernst Alberts in der nächsten Folge weitererzählen wird.

Kontakt zu Ernst Alberts gibt es über die wochenkurier-Redaktion unter Telefon 02371 / 2647-86 oder per E-Mail: redaktion.iserlohn@wochenkurier.de.

Ernst Alberts erinnert sich: Alle elf Teile der Serie im Überblick

  1. Kindheit unterm Hakenkreuz
  2. „I-Männchen“ redet die Familie in Gefahr
  3. Für‘s Leben lernen? Hitlergruß und Heimatfront
  4. Lebensmittelkarten und Fliegeralarm
  5. Kinder-Staunen am Lagerzaun
  6. Krieg nähert sich Schule und Alltag
  7. Die „Pimpfe“ folgen treu ihrem Vorbild
  8. Letzte Kriegstage: Kinder an Waffen
  9. Amis, Plünderungen, Flüchtlinge & Hunger
  10. Hochexplosives Jungen-Spielzeug
  11. Zurück in der Schule