Aufrecht weiter gehen

Iserlohn. (as) Der Satz aus dem Mund von Norbert Höhne klingt zunächst überraschend. „Eigentlich“, sagt er, „dürfte es uns gar nicht geben.“ Eigentlich. Doch weil die Hartz-IV-Gesetzgebung ist, wie sie ist, und weil die Teams in den Jobcentern agieren, wie sie agieren, gibt es sie eben doch – sie, die Aktiven des Vereins Aufrecht in Iserlohn. Menschen wie Aufrecht-Vorsitzender Norbert Höhne, die verzweifelte Frauen und Männer bei Behördengängen begleiten und ihnen damit oft helfen zu leben und zu überleben.

„Aufrecht, der Name ist durchaus symbolisch gemeint“, sagt Aufrecht-Kassierer Ulrich Wockelmann. „Manche kommen niedergedrückt und gebeugt zu unseren Beratungen. Wir versuchen dafür zu sorgen, dass sie uns aufrecht wieder verlassen.“

„Fordern und fördern“ wollte der Staat mit der Einführung des Arbeitslosengeldes 2 (ALG II). Menschen schneller oder überhaupt wieder zurück ins Berufsleben bringen. Mehr Transparenz und mehr Gerechtigkeit sollten geschaffen werden. Jobcenter agieren durchaus erfolgreich. Doch nicht immer. In ihren Beratungsstunden (dienstags und donnerstags von 16 bis 18 Uhr im Sozialzentrum Lichtblick, Am Bilstein 10-12) versuchen die Mitglieder von Aufrecht auszubügeln, was unter anderem im Jobcenter vermurkst wurde.

„Wir sind die Qualitätskontrolle des Jobcenters“, sagt Ulrich Wockelmann und grinst. Doch oft ist dem Streiter für soziale Rechte gar nicht zum Grinsen oder Lachen zumute. Traurig, schrecklich, anrührend – mit solchen Worten fasst er all das zusammen, was er erlebt. Es sind Schicksale, die das Herz einen Schlag aussetzen lassen. Wie das von der Frau, die sich über alle Maßen schämte, zum Jobcenter oder Sozialamt zu gehen und dort Hilfen einzufordern. Irgendwann aber war auch der letzte Euro Ersparnis verbraucht. „Wenn ich warmes Wasser getrunken habe, war das Hungergefühl weg“, soll sie im Beratungsgespräch gesagt haben. Eine Krankenversicherung hatte sie längst nicht mehr. – Der Verein konnte helfen. Die Frau bekommt jetzt das Geld, das sie braucht um zu leben, um sich gesundheitlich zu stabilisieren und womöglich wieder eine Zukunft planen zu können.

Bedrückend die Geschichte von Mann und Frau, beide jenseits der 80, beide nicht mehr gut zu Fuß. Das Sozialamt forderte einen Umzug in eine billigere Bleibe. Die zwei sollten raus aus der Wohnung, die sie einst mit eigenem Geld barrierefrei hatten umbauen lassen. Aufrecht vermittelte. Die beiden durften bleiben.

Jobcenter als Bermudadreieck

„Oft kommen die Menschen erst, wenn alle Ampeln auf Rot sind“, sagt Norbert Höhne. „Wenn die Miete nicht bezahlt wurde und auch noch eine Stromsperre droht.“

Er erzählt vom „Bermudadreieck Jobcenter“. Von Anträgen und eingereichten Unterlagen, die einfach nicht mehr aufzufinden sind. Eine Frau habe 13, in Worten: dreizehn, Anträge auf Zuschüsse fürs Kind aus dem Bildungspaket gestellt. Alle Anträge waren nicht mehr aufzufinden. Das Ergebnis: Keine finanzielle Hilfeleistung für Klassenfahrt oder Sportverein. Tragisch.

Geradezu Existenz bedrohend aber gestaltet es sich, wenn von Jobcenter-Mitarbeitern dringend eingeforderte Bescheinigungen oder Unterlagen zwar abgegeben werden, aber dann spurlos verschwinden. Die so genannten „Kunden“ erfahren oft erst davon, wenn das Arbeitslosengeld 2 stark gekürzt oder sogar eingestellt wird. Und dann? „In ihrer Not und auch in ihrer Unwissenheit zahlen manche ihre Miete nicht. Oder die Stromzahlungen bleiben auf der Strecke“, sagt Norbert Höhne. „Manche Leute sind so stark belastet, dass sie gar nicht mehr reagieren können und nur noch den Kopf in den Sand stecken.“

Der Weg zur Aufrecht-Beratung erfolgt oft erst kurz vor einer Wohnungsräumung oder der Stromsperre. Doch meist kann der Verein auch hier noch helfen. Vermitteln, beschwichtigen oder einfach auf das Recht der Jobcenter-Kunden pochen. Wenn eingereichte und sogar quittierte Unterlagen im Bermudadreieck verloren gehen, dürfen Hilfesuchende nicht darunter leiden. Die allermeisten Klagen, die Lars Schulte-Bräucker, zweiter Vorsitzender von Aufrecht und gleichzeitig versierter Sozialrechtler, gegen das Jobcenter führt, werden gewonnen.

Kurs geschwänzt, Geld gekürzt

Es gibt eine Vielzahl von Schicksalen und Geschichten. Die von dem Mann, der nach zehn Jahren Arbeitslosigkeit und in einem Alter jenseits der 60 nun zum siebten Mal zum Bewerbungs-Training geschickt wurde, den Unterricht schwänzte und nun eine Kürzung des Arbeitslosengelds 2 hinnehmen musste. Oder die von der gestandenen Sekretärin, die in ihrer „Eingliederungsvereinbarung“ zugestimmt hat, an dem Kurs „Computer für Einsteiger“ teilzunehmen. Unterschrieben hatte sie, weil sie niemals auf die Idee gekommen wäre, dass man so etwas ernsthaft von ihr verlangen würde. Wie ernst solche „Eingliederungsvereinbarungen“ jedoch gemeint sind, kann sie am eigenen Geldbeutel erfahren. Besucht sie den Anfängerkurs nicht, wird das Geld gekürzt. „So kann sich doch kein Mensch ernst genommen fühlen“, sagt Norbert Höhne.

Doch genau darum geht es: Ums Ernstnehmen, ums gegenseitige Wertschätzen vor und hinter den Schreibtischen in den Jobcentern. „Wir fordern Beratung“, sagt Ulrich Wockelmann. „Aber wir müssen leider oft erkennen, dass sich die Gesetzgebung schneller ändert, als Jobcenter-Bedienstete geschult werden können und dass die Belastung auch in den Jobcentern riesig ist.“ Leider!

Wer Rat sucht, kann sich an die Beratungsstunden von Aufrecht wenden. Wann? Dienstags und donnerstags von 16 bis 18 Uhr im Sozialzentrum Lichtblick, Am Bilstein 10-12, in Iserlohn.