Aus „Dschermania“ wurde Heimat – Mariam Salloum gehörte zu den ersten Geflüchteten

Mariam Salloum
Im August 2015 kam Mariam Salloum mit ihren beiden kleinen Kindern nach Deutschland. Sie musste aus Syrien fliehen. Dem Wochenkurier erzählte sie, wie es ihr ergangen ist und warum es ihr so wichtig ist, mit einer Ausbildung Unabhängigkeit zu erreichen. (Foto: Andrea Schneider)

Iserlohn. Dreieinhalb Jahre ist es her, als täglich tausende Menschen aus Syrien flohen. Sie wollten Gewalt und Krieg hinter sich lassen. Zur Ruhe kommen. Einfach nur irgendwo eine sichere Bleibe finden. Zu den ersten, die nach Deutschland kamen, gehörte Mariam Salloum.

Gemeinsam mit dem Wochenkurier schaut sie zurück. Und sie wagt einen Blick in die Zukunft. Denn die junge Mutter hat sich viel vorgenommen. Sie möchte eine Ausbildung machen. Am liebsten etwas Handwerkliches. „Tischlerin oder Elektrikerin, das wäre was“, sagt sie in einem Deutsch, das verrät, dass sie die B2-Prüfung so gut wie gemeistert hat.

Und dann gibt es da noch den ganz großen Traum: „Sobald ich eine sichere Existenz habe, möchte ich Deutsche werden.“ Sie ist auch mit dem Herzen angekommen in dem Land, das ihr und ihren beiden Kindern Unterschlupf gewährt hat.

Damit steht Mariam Salloum nicht allein. Erst vor wenigen Tagen hatte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer in einem Gespräch mit der „Augsburger Allgemeinen“ betont, dass „die Integration von Flüchtlingen und Migranten in Deutschland deutlich besser als angenommen und erwartet“ verlaufe. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe mit ihrem Satz „Wir schaffen das“ Recht behalten. Wörtlich sagte er: „Mit dieser Annahme liegt Frau Merkel richtig. Und ja, wir schaffen das mit der Integration. Ich bin selbst überrascht, dass das so schnell geht.“

Er betont, dass von mehr als einer Million Menschen, die seit 2015 nach Deutschland gekommen seien, heute knapp 400.000 einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz haben. Eine Erfolgsgeschichte?

Einfach immer etwas tun

Für Mariam Salloum auf jeden Fall. Auch sie arbeitet. Sie macht Praktika, „weil ich es schrecklich finde, nichts zu tun und nur Geld vom Jobcenter zu bekommen“, sagt sie. Und sie übt sich in Nachbarschaftshilfe. Abfluss verstopft oder die Elektrik streikt? Kein Problem, Mariam Salloum weiß Rat. Die Küche könnte schöner aussehen? Die junge Frau lächelt. Sie schleift und schmirgelt, bohrt und schraubt, bis das alte Küchenschätzchen aussieht, als käme es aus einem Design­studio. Sie strickt – für ihre Kinder, für sich, für Freunde, Nachbarn und für den guten Zweck.

Zurzeit macht sie ein Praktikum bei der Flüchtlingshilfe in Iserlohn. Sie hilft, sie fasst an, sie, die Muslima, hat gemeinsam mit einer anderen Praktikantin das Weihnachtsfest für Kinder vorbereitet. Apropos Kinder: Ihre beiden Jungs sind stolz auf ihre Mutter.

Flucht mit Schlauchboot und zu Fuß

Doch von vorn: 28 Jahre alt war Mariam Salloum, als sie aus Damaskus fliehen musste. Ihr Ex-Mann war zuvor schon nach Europa ausgereist. Deshalb machte sich die junge Frau allein auf den Weg – mit ihren beiden damals vier- und sechsjährigen Kindern. Sie kam über den Libanon in die Türkei, setzte mit dem Schlauchboot über nach Griechenland. Weitgehend zu Fuß schleppte sie sich mit ihren Kindern über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich bis nach Deutschland. „Das sieht man meinen Füßen immer noch an“, sagt sie.

Sie hat nicht aufgegeben. In Schwerte fand sie ein vorläufiges Zuhause, schließlich in Iserlohn. Wie ist es ihr ergangen, hier, in der Fremde? „Es war nicht immer leicht“, sagt sie. Aber sie hat Freunde gefunden. Menschen, die ihr Mut gemacht haben, wenn das Leben schwer war. Dann muss sie kichern. „Deutschland, das Wort kannte ich gar nicht“, sagt sie. „Für mich war das immer Germania.“ Wenn sie es so weich und rund ausspricht, klingt „Dschermania“ wie ein Versprechen.

Kultur mit allen Sinnen aufsaugen

Eines, das für sie in Erfüllung gegangen ist. Ihre beiden Kinder besuchen die Schule, saugen die neue Kultur mit allen Sinnen auf. Sie sind angekommen in der neuen Heimat. Mariam Salloum mit ihnen. Sicherlich, manchmal kommen Erinnerungen hoch. „Mein ältester Sohn, er ist jetzt neun, träumt oft von Oma“, sagt sie. Und auch sie möchte ihre Mutter, ihre Familie gerne wiedersehen, sie in den Arm nehmen. Kontakt hat sie ausschließlich über das Handy. Mariam Salloum weiß, dass das Elternhaus abgebrannt ist, dass ihre Familie außerhalb von Damaskus untergeschlüpft ist. „Es geht ihnen jetzt gut“, sagt sie.

Der Herzenswunsch nach Unabhängigkeit

Sie hofft, ihre Lieben irgendwann besuchen zu können. Auch dafür möchte sie sich eine neue Existenz aufbauen. Sie möchte unabhängig sein, ihren Kindern eine gute Zukunft bieten können. Deshalb büffelt sie Deutsch. Sobald sie eine Ausbildungsstelle hat, möchte sie die sprachlichen Anforderungen in der Berufsschule schaffen. „Handwerk“, sagt sie, „ist schön.“

Ihre Freunde hingegen raten ihr zu einer kaufmännischen Ausbildung. Immerhin hatte sie einmal angefangen, Wirtschaft zu studieren. „Das ist aber schon so lange her“, sagt sie. „Das war vor der Geburt der Kinder.“ Danach durfte sie nicht weiter studieren. Das ist ein Grund, weshalb die junge Frau jetzt alles daran setzt, einen Beruf zu lernen und unabhängig zu sein.

Wer Mariam Salloum als Kandidatin für einen Ausbildungsplatz kennenlernen möchte, kann sich mit der Redaktion des Wochenkuriers unter der E-Mail-Adresse redaktion.iserlohn@wochenkurier.de in Verbindung setzen.