Bauer ging mit Mistgabel auf Jäger los

Vom Verwalter des adligen Hauses Letmathe niedergeschriebenes Verhörprotokoll über den tätlichen Angriff am 21. Mai 1701 auf den Jäger des Hauses im Oestricher Markwald, erste Seite. (Original: Stadtarchiv Iserlohn, Bestand Haus Letmathe I C 2e)

Von Gerhard. E. Sollbach

 Letmathe. Mit einer Mistgabel versuchte ein Bauer auf einen Jäger einzustechen. Dieser aktenkundig gewordene Vorfall ereignete sich allerdings bereits im Jahr 1701. Ort des Geschehens war die Oestricher Mark. Solche Marken gab es früher überall in Deutschland. Sie waren gemeinschaftlich genutzte und überwiegend mit Hochwald bestandene Flächen. Aus ihnen besorgten sich die in der Mark berechtigten so genannten Markgenossen ihr Feuer- und Bauholz. Im Herbst wurden die Schweine zur Eicheln- und Bucheckernmast eingetrieben und die übrige Jahreszeit diente die Mark als Viehweide. Besitzer der Oestricher Mark waren die Herren von Haus Letmathe. Das war damals die Familie von Brabeck, von der auch der Jäger angestellt wurde. Anlass des gewalttätigen Vorfalls am 21. Mai 1701, einem Samstag, war die Wegnahme von Ziegen des Bauern Grürmann in der Oestricher Mark durch den Brabeck‘schen Jäger und den Holzknecht Johann Schumacher. Das Weiden von Ziegen in der Mark war nach der Markenordnung nämlich strikt verboten, da Ziegen dort große Schäden anrichteten, und die Pfändung der dort angetroffenen Ziegen war Vorschrift. Deshalb handelten der Jäger und der von der Markgenossenschaft bestellte und mit der Aufsicht über die Mark beauftragte Holzknecht rechtmäßig, als sie die Ziegen des Grürmann einfingen und als Pfand wegführten.

Ziegen führten zur Vernehmung

Von diesem Vorgang muss der Bauer, der auf dem Feld Mist streute, aber Wind bekommen haben. Er eilte daraufhin zu dem Jäger und dem Holzknecht und versuchte, diesen die Ziegen gewaltsam wieder zu entreißen. Das gelang ihm auch bei zwei Tieren. Um die Wegnahme der als Pfand und als Beweismittel dienenden Ziegen zu verhindern, sah der Jäger schließlich keine andere Möglichkeit, als die beiden Tiere zu erschießen. Das aber brachte den Bauern Grürmann in Rage. Immerhin war der Verlust von zwei Ziegen für die Bauern, die damals meistens nur über wenig landwirtschaftliche Fläche verfügten und daher auch nur wenige Tiere halten konnten, ein schwerer wirtschaftlicher Schlag. Wutentbrannt ergriff Grürmann daraufhin die Mistgabel, die er mitgebracht hatte, hielt sie vor sich und lief damit auf den Jäger zu, in der nach Meinung des Jägers offenkundigen Absicht, ihn damit zu erstechen. Den Angriff konnte der Jäger nur dadurch abwehren, dass er die Flinte quer vor sich hielt und den Grürmann damit von sich stieß. Der Holzknecht Schumacher versetzte dem Grürmann mit der Flinte zudem noch einen Schlag auf den Kopf, was den Angreifer zu Boden brachte.

Klage wegen Körperverletzung

Doch muss sich Grürmann am nächsten Tag schon wieder soweit erholt haben, dass er sich zum Haus Letmathe begab und bei dem dortigen Verwalter Klage gegen den Jäger wegen körperlicher Misshandlung erhob. Dabei drehte er den Spieß aber um und stellte sich als den Angegriffenen dar. Der ganze Vorfall ist für die Nachwelt auch nur durch das damals niedergeschriebene Protokoll des Verhörs der beteiligten drei Parteien überliefert, das heute in dem Bestand des Hauses Letmathe im Stadtarchiv Iserlohn aufbewahrt wird. Entgegen der oben gegebenen und sicherlich den Tatsachen entsprechenden Darstellung des Jägers und des Holzknechts behauptete Grürmann, seine Mistgabel immer auf der Schulter gehabt zu haben und auch überhaupt keine Tätlichkeit begangen zu haben. Weder sei der Jäger von ihm angegriffen worden, noch habe er überhaupt eine solche Angriffs- oder gar Tötungsabsicht gehabt. In der Auseinandersetzung wegen der gepfändeten Ziegen seien nur Worte gewechselt worden. Dazu muss aber festgestellt werden, dass Widersetzlichkeiten, und zwar durchaus recht gewalttätige, seitens der bei Übertretung der Markenordnung Ertappten gegen die Wegnahme von Pfändern durchaus üblich und nicht selten sogar erfolgreich waren.

Bauern waren nicht zimperlich

Die erhaltenen Akten der Oestricher Mark im Stadtarchiv Iserlohn enthalten eine Vielzahl solcher Fälle. Überhaupt wurden Streitigkeiten seinerzeit weniger verbal, sondern bevorzugt handgreiflich geführt, wobei die Bauern nicht gerade zimperlich vorgingen. Wie die Sache in diesem Fall aber schließlich ausgegangen ist, lässt sich nicht mehr feststellen, da weitere Akten hierzu fehlen. Doch dürfte Bauer Grürmann angesichts der übereinstimmenden (Zeugen-)Aussage des Jägers und des Holzknechts und überhaupt auf Grund der Beweislage mit seiner Klage letztlich wohl erfolglos geblieben sein.