Bedroht und misshandelt

Iserlohn. (clau) „Nehmen Sie sich das Recht auf ein Leben ohne Angst, Bedrohung und Gewalt.“ So steht es dick in Rot auf der Broschüre zum Gewaltschutzgesetz. Es gilt seit 2002. Es stellt häusliche Gewalt – ob in körperlicher, sexueller oder psychischer Form – deutlich als strafbar dar.

Den Tätern droht tagelanges Hausverbot. Die Broschüre wird vom Verein Frauenhauskoordinierung herausgegeben. Weiter heißt es darin: „Jede Frau hat das Recht auf ein gewaltfreies Leben, auch in ihrer eigenen Wohnung. Häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit, sondern ein Verstoß gegen das Recht jedes Menschen auf körperliche Unversehrtheit.“

Gestern konnte das von der Awo getragene Iserlohner Frauenhaus sein 25-jähriges Bestehen feiern. Vor 39 Jahren wurde das erste deutsche Frauenhaus überhaupt in Berlin eröffnet.
„Die Frauenhäuser haben einen feministischen Hintergrund und mussten mit viel Enthusiasmus erst gegen heftige Widerstände erkämpft werden“, sagt Anna Müller, Leiterin des Frauenhauses Iserlohn.

Im Iserlohner Frauenhaus gibt es acht Zimmer. Die meisten sind groß genug, um eine Frau mit bis zu fünf Kindern beherbergen zu können. Zwei Küchen und Waschküchen und ein großer Garten erlauben den Bewohnerinnen einen weitgehend selbstbestimmten Alltag.

Tag und Nacht immer erreichbar

Frauen in Not können sich selbst an das Frauenhaus wenden. Das Telefon unter der Nummer 02371/ 12585 ist Tag und Nacht besetzt. „Seit 25 Jahren macht Kornelia Bacay ab spätnachmittags, abends und am Wochenende für uns die Rufbereitschaft“, sagt Anna Müller. „Sie hat früher selbst mit ihren Kindern Zuflucht in einem Frauenhaus suchen müssen.“

Wurde erst die Polizei hinzugezogen, fragen die Beamten die Frau, ob sie ihre Daten an das Frauenhaus weitergeben dürfen. „Dann bieten wir zeitnah ein Gespräch an direkt bei der Frau oder an einem neutralen Ort“, erklärt Anne Müller.

Viele zögern viel zu lange

Viele Frauen zögern lange, bis sie sich gegen die Misshandlungen wehren. Aktuelle Zahlen liegen der Redaktion aus Großbritannien vor: Durchschnittlich 36 Misshandlungen hat eine Frau schon ertragen, bis sie endlich Hilfe holt. Bei der Polizei in England geht durchschnittlich jede Minute solch ein Hilferuf ein. Die Betroffenen kommen aus allen Altersgruppen und allen Gesellschaftsschichten.

„Zu uns kommen überwiegend misshandelte Mütter mit Kindern, aber auch junge Frauen, die zwangsverheiratet werden sollen oder von ihren Eltern bedroht werden“, berichtet Anna Müller. „Doch auch eine deutsche Frau über 70 hat schon bei uns Zuflucht gesucht. Wohnungslose und Suchtkranke können wir nicht aufnehmen.“

Praktische Anleitung zum Leben

Die meisten Frauen kommen zum ersten Mal und sind richtig am Ende. Etliche leiden unter Depressionen. Viele haben nichts gelernt, wissen nicht, wovon sie leben sollen, kennen ihre Rechte nicht und brauchen zum Teil ganz praktische Anleitung zu einem eigenständigen Leben.

Im Frauenhaus bekommen sie vielschichtige Hilfe, kommen wieder zu sich, erstarken und wissen meist nach vier Wochen, wie sie ihr Leben weiter führen wollen. „Ein Drittel geht zurück, ein Drittel sucht sich eine eigene Wohnung und ein Drittel geht zu Verwandten, Freunden oder in Mutter-Kind-Einrichtungen“, so Anna Müller.

Gegen die Gewaltspirale

Manche Frauen kommen bis zu acht Mal immer wieder ins Frauenhaus. Frauen fühlen sich verantwortlich für das Wohl der Familie, suchen die Schuld für die Misshandlung bei sich selbst oder glauben, den gewalttätigen Mann ändern zu können.

Langzeitstudien zeigen aber: Frauen, die mit Gewalt groß geworden sind, neigen wieder zu gewaltbereiten Partnern. Männer, die mit Gewalt groß geworden sind, suchen wiederum schwache Lebenspartnerinnen und machen sie oft zu neuen Opfern. Der Förderverein des Iserlohner Frauenhauses ermöglicht eine fundierte therapeutische Beratung, auch damit es so nicht kommen muss.