Bis endlich Blut fließt…

Borderliner schneiden sich ins eigene Fleisch oder verletzen sich auf andere Weise, um die unerträgliche innere Spannung zu lösen und sich selbst wieder spüren zu können. (Foto: Claudia Eckhoff)

Iserlohn. (clau) Die fünfzehnjährige Jasmin schneidet sich. Ihr Bauch und ihre Unterarme sind von frischen und vernarbten Schnitten übersät. Sie macht das, seit sie zwölf ist, sagt sie. Lange hat sie es heimlich getan und die Schnitte unter langen Ärmeln verborgen. Aber in letzter Zeit schneidet sie sich so häufig und so tief, dass sie oft Hilfe braucht. Nachts weckt sie ihre Mutter und die beiden fahren ins Krankenhaus – zum Nähen.

Jasmin leidet am sogenannten Borderline-Syndrom. Dr. med Thomas Jacoby, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, führt nach etlichen Jahren an der Hans-Prinzhorn-Klinik in Hemer nun eine Praxis an der Wermingser Straße in der Iserlohner City. Er und seine Berufskollegen, die sich zu einem Netzwerk Borderline zusammengeschlossen haben, kennen viele Fälle, wie den von Jasmin. Und es werden immer mehr.

Nur aus Neugier?

„Nicht jedes bewusste Sich-ins-eigene-Fleisch-Schneiden ist gleich ein Fall für die Psychiatrie“, so der Experte. „Viele junge Menschen haben irgendwo davon gehört oder kennen Betroffene. Da liegt es nahe, daraus eine Mutprobe zu machen, es auch einmal auszuprobieren. Aber wer sich nur aus Neugierde mal schneidet, lässt es auch ganz schnell wieder sein.“

Neugierde ist es nicht, was die Borderliner zum Messer oder zur Rasierklinge greifen lässt oder sie veranlasst, ihre Handflächen selbst auf der heißen Herdplatte zu verbrennen.

Gefühlter Maximal-Stress

Dr. Jacoby: „Die Borderliner leiden unter einer extrem hohen Spannung, die sie in akuten Momenten anders nicht loswerden können. Die Selbstverletzung etwa durch Schneiden ist für sie ein sehr wirkungsvolles Mittel, um diese innere Spannung zu lösen.“

Mit „Spannung“ ist hier viel mehr gemeint, als das, was jeder Mensch im normalen Alltag darunter versteht. „Borderliner leiden unter Maximal-Stress. Stress bis zum Anschlag. So etwas kann sich ein normaler Mensch gar nicht vorstellen“, erläutert Dr. Jacoby. „Durch diesen Extrem-Stress schaltet das Nervensystem sich runter. Es schaltet etwa die Oberflächensensibilität einfach aus. Das heißt, die Betroffenen spüren sich nicht mehr selbst: Sie fühlen ihre Haut nicht, sogar vielleicht ihre Füße nicht, ihre Hände nicht. Dann kommt Panik, sie verlieren die Kontrolle und sie verletzten sich – wie im Affekt – selbst, um die Schmerzgrenze zu reichen und sich wieder zu spüren.“

Veranlagung

Sie sind nicht immer nur herrlich unbeschwert, hoffnungsvoll und vielversprechend: Die Jugendjahre erleben viele junge Menschen äußerst schmerzhaft und gefahrvoll. (Foto: wk)

Das hilft ihnen, zu sich zu kommen, wieder ruhig zu werden. Was Borderliner von „Normalos“ unterscheidet, ist zunächst eine ins Leben mitgebrachte physiologische Neigung zum extremen Stressgefühl. Es kommt aber zu dieser Veranlagung noch etwas anderes hinzu.

Der Stress, der die Attacken verursacht, ist reiner Beziehungsstress. „Borderliner haben meist extreme Angst vor dem Verlassen-Werden“, so Dr. Jacoby.

Früh traumatisiert

Geschätzte 60 Prozent der Betroffenen sind in ihren frühen Jahren über lange Zeit traumatisiert worden. „Das muss kein ’Knall-Effekt’ gewesen sein wie Missbrauch oder Misshandlung. Das kann eine lange andauernde Beziehungsschieflage gewesen sein.“

Dauernd streitende Eltern, Trennung, Verlust eines Elternteils, Missachtung, Lieblosigkeit… – die Liste der Dinge, die Kinder verletzen, ist lang. Jacoby: „Die Borderliner sind innerlich verletzte Menschen mit einem Selbst- und Weltbild, das massiv zum Minuspol verschoben ist. Obwohl sie meist sogar zu den guten Schülern gehören, haben sie ein völlig negatives Selbstbild und vertragen überhaupt kein Lob, weil es nicht zu dem passt, wie sie sich und ihre Leistungen selbst sehen.“

Drehtür-Patienten

Die Sache ist ernst. „Borderliner führen ein Leben auf der Überholspur. Sie sind sogenannte Drehtür-Patienten: Kaum haben sie das Krankenhaus verlassen, sind sie auch schon wieder da“, weiß Dr. Jacoby aus langer Erfahrung. „Nicht alle schneiden sich. Es gibt auch Drogen- oder Sexualexzesse. Manche suchen den Geschwindigkeitsrausch.“

Das Borderline-Syndrom bricht meist mit 12 Jahren aus, vom 16. bis zum etwa 25. Lebensjahr liegt eine ganz schwierige Phase.

Meist im Knast

„Fast ausschließlich weibliche Patienten begeben sich in Behandlung“, sagt Dr. Jacoby. „Die männlichen Borderliner findet man nicht bei den Therapeuten, sondern ganz woanders: Sie sitzen häufig im Knast.“ Geschätzte 82 Prozent der jungen männlichen Strafgefangenen haben ein Borderline-Syndrom. Dr. Jacoby: „Die Gewaltbereitschaft richtet sich eben bei Frauen auf sich selbst, bei Männern stattdessen meist nach außen.“

Man schätzt, dass fünf Prozent aller Menschen unter dem Borderline-Syndrom leiden. Sie machen aber nur etwa drei Prozent der psychiatrischen Patienten aus, deren langwierige Behandlung allerdings bis zu 30 Prozent der Kosten im gesamten Gesundheitssystem verursacht: einen zweistelligen Milliardenbetrag.

Im Internet gibt es unter www.rotelinien.de eine Selbsthilfe-Plattform von und für Borderliner und Menschen, die ihnen nahe stehen.

Informationen zu Behandlungsformen bietet die Internetseite www.dachverband-dbt.de.