Bloß kein Opfer werden

Oestrich. (as) „Guten Tag, Herr Meier, ich hätte gerne 500 Euro.“ Die alte Dame schiebt dem Mann am Schalter der Bank ihre Bankkarte zu. Postwendend erhält sie die gewünschte Summe. Nur um auf Nummer sicher zu gehen, dreht sie sich zur Seite und zählt noch einmal nach, bevor sie das Geld im Portemonnaie und schließlich in der Handtasche verschwinden lässt.

„Ist Ihnen etwas aufgefallen?“, fragt Frank Enser. Er beantwortet die Frage selbst: „Jeder in der Schalterhalle, auf jeden Fall jeder in der Schlange hinter Ihnen hat nun genau gesehen, wieviel Geld Sie abgehoben haben und wo Sie Ihr Portemonnaie hingesteckt haben.“ Eine Einladung für Ganoven. Mehr als 50 Damen im Zuschauerraum schnappen nach Luft.

Frank Enser ist Kriminalhauptkommissar und war am Mittwoch, 26. August 2015, bei der Frauenhilfe in Oestrich zu Gast. Seine Aufgabe: Kriminalprävention. Genauer: Er hilft Seniorinnen und Senioren, aber natürlich auch jungen Menschen, nicht zum Opfer zu werden. Zum Opfer eines Diebstahls oder Raubüberfalls beispielsweise.

Was heißt das in dem konkreten Fall der alten Dame in der Bank? „Ganz einfach“, sagt Frank Enser. „Nie zur Seite drehen und damit allen anderen in der Bank den Blick aufs Geld, aufs Portemonnaie und den Aufbewahrungsort des Portmonnees gewähren.“ Und noch einen Tipp hatte er zu diesem Thema bereit: „Wenn Sie mal eine größere Summe abheben wollen, lassen Sie sich das Geld einfach in einem Nebenraum auszahlen. Diesen Service bietet jede Bank an.“ Kollektives Nicken im Zuhörerinnenraum.

„Es sind nicht alle schlecht“

Viele Tipps hatte der Mann von der Kreispolizeibehörde parat. „Beobachten Sie Ihr Umfeld im Spiegel, wenn Sie an einem Bankautomaten stehen“, sagt er. „Die Spiegel sind nämlich nicht dazu da, den Lidstrich nachzuziehen.“ Mehr als 50 Damen kichern. „Wenn sich jemand nähert, einfach die Abbruchtaste drücken.“ Was tun aber, wenn der Automat die Karte behält und auch sonst keine Reaktion mehr von sich gibt? „Nehmen Sie Ihr Handy und rufen Sie die Polizei an“, sagt Frank Enser.

Er guckt in die Runde. „Und wenn Sie kein Handy dabeihaben, bleiben Sie am Automaten stehen und warten, bis jemand mit Mobiltelefon kommt.“ Warum? „Es ist möglich, dass der Automat so manipuliert ist, dass ein Ganove die Karte rausziehen kann und womöglich hat er Ihre Pin auch gleich mit ausspioniert.“ – „Wie können alle so schlecht sein?“, fragt eine Dame. Die Antwort kommt spontan: „Es sind nicht alle schlecht, aber die, die es sind, können gut davon leben.“

Vom Supermarkt-Trick beispielsweise: „Im Supermarkt fragt Sie jemand, wo dieses oder jenes Produkt steht“, sagt Frank Enser. „Es steht natürlich immer hinter Ihnen“, ergänzt er. „Und während Sie sich umdrehen, um hilfsbereit das Produkt zu zeigen, kommt ein zweiter Gauner und klaut Ihnen das zuvor ausgespähte Portemonnaie. Das geht so schnell, Sie merken nichts davon.“ Später, an der Kasse, sei es sogar möglich, dass sich die eben bestohlene Seniorin frage, ob sie ihre Geldbörse überhaupt eingesteckt habe.

Den Ehering vom Finger geklaut

Eine Dame im Publikum mischt sich ein. „Stimmt“, sagt sie. So ein Diebstahl sei manchmal gar nicht zu merken. Sie erzählt von einer Freundin, der in der Pariser Metro sogar der Ehering vom Finger geklaut worden sei. „Und sie hat nichts gemerkt.“ Kollektive Empörung.

Es ging beim Besuch von Frank Enser auch um andere Bedrohungslagen. Beispielsweise: „Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im leeren Zug und es steigt eine Reihe pöbelnder Jugendlicher ein“, sagt er. „Die jungen Leute schimpfen, kommen Ihnen näher, vielleicht drückt sogar einer eine Zigarette neben Ihrem Bein aus.“ Was tun? „Achten Sie schon vorher darauf, wo Sie sitzen“, sagt Frank Enser. „Am besten direkt unter einer Notbremse oder neben dem Notfallknopf.“ Beides sei schnell bedient. Und beides sorge dafür, dass sofort ein Zugbegleiter oder sogar der Zugführer kommt und nachschaut.

Den Ganoven ins Gesicht gucken

Noch ein Tipp: „Viele Frauen haben abends Angst, wenn hinter ihnen Schritte auftauchen. Oft senken sie den Blick und gehen schneller“, sagt Frank Enser und ergänzt: „Das ist falsch.“ Richtig sei, stehen zu bleiben und sich umzudrehen, um den Menschen, der die Schritte erzeugt, genau zu sehen. Die Damen schnappen wieder nach Luft. „Keine Angst“, sagt er. „Vielleicht ist es ja nur der Nachbar auf dem Heimweg.“ Und wenn es wirklch ein Ganove ist, weiß er, dass sein potenzielles Opfer ihn wiedererkennen würde und nimmt Reißaus. Frank Enser beschwichtigt: In Deutschland geschehen „nur“ 800 Morde pro Jahr. In den USA verzeichne man allein 22.000 Tote durch Schusswaffen pro Jahr.

Dennoch: Wer auf Nummer sicher gehen wolle, solle zuerst den Verfolger angucken und dann irgendwo hingehen, wo Menschen seien. „In die nächste Kneipe und sei sie noch so schäbig“, schlägt er vor. Oder in den nächsten Hauseingang und auf alle Klingelknöpfe drücken, die man erreichen könne. „Irgendjemand guckt aus dem Fenster und sieht den Verfolger.“ Er ist überzeugt: Spätestens jetzt haut der Gauner ab.

Immer zwei Meter Abstand halten

Die Damen schauen sich an. Sie wissen jetzt, dass sie immer mindestens zwei Meter von einem Auto entfernt bleiben sollen, wenn sie vom Fahrer oder Beifahrer nach dem Weg gefragt werden. „Sonst schnappt sich jemand Ihre Tasche, gibt einfach Gas und ist weg.“

Der Applaus für Kriminalhauptkommisar Frank Enser spricht Bände. Wetten, dass er bald wieder zu Gast ist bei den Damen. Schließlich wollen sie auch nicht zum Opfer werden, wenn Trickdiebe vor der eigenen Haustür stehen.

Das Kommissariat Kriminalprävention und Opferschutz für den Märkischen Kreis sitzt in Menden. Frank Enser, unter anderem zuständig für die Verhaltensprävention zum Schutz vor Straftaten gegen Senioren, hat die Telefonnummer 02373/ 9099-5513. Ach so: „Wenn ich nicht da bin, läuft der Anrufbeantworter“, sagt Frank Enser. „Sie müssen keine Romane erzählen, aber auch nicht wieder auflegen. Nennen Sie einfach den Namen und Ihre Telefonnummer. Dann kann ich Sie zurückrufen und Ihnen helfen.“