Brückenfest Iserlohn: Mit Sicherheit sicher?

Zu Land und zu Wasser, selbst in der Luft greift das verschärfte Sicherheitskonzept der Landesregierung. (Foto: Rainer Großberndt)

Iserlohn. (clau) Es ist das Jahr Eins nach Duisburg. Die Katastrophe bei der „Love Parade“ kostete im letzten Sommer viele Menschen das Leben und wühlte die Nation auf. Wer war verantwortlich für das Desaster? Wie konnte es so weit kommen? Wo haben Ordnungskräfte oder Veranstalter versagt?

Duisburg hat Folgen für alle Großveranstaltungen im ganzen Lande. Rainer Großberndt, seit vielen Jahren Organisator fast sämtlicher Feste und Festlichkeiten auf Letmather Boden, hat es zu spüren bekommen.

Ein Riesen-Aufwand

„Jetzt ist alles vorbei – bis auf den Weihnachtsmarkt“, Rainer Großberndt lehnt sich ein Stück zurück. Die größten Veranstaltungs-Schlachten des Jahres 2011 hat er sicher hinter sich gebracht, allerdings mit deutlich mehr Planungsaufwand als in den Vorjahren.

Als die Letmather im September ihr 975-jähriges Jubiläum als kleineres Bürgerfest nur im Park vom Haus Letmathe feierten, umfasste das einzureichende Sicherheitskonzept schon vier Seiten.

Mit einigen, wenigen Seiten kam Rainer Großberndt bis zum Jahr 2010 auch beim Brückenfest aus. „Dieses Jahr waren stattdessen geschlagene 41 Seiten abzuarbeiten“, sagt er und lässt anschaulich seinen dicken Packen eng beschriebenes Papier auf den Schreibtisch knallen.

Seit der Katastrophe von Duisburg wurden landesweit die Sicherheitsbestimmungen für Großveranstaltungen verschärft: Das hatte erstmals auch Auswirkungen auf Letmathes größtes Fest, das Brückenfest, mit einer Besucherdichte von 1,2 Personen pro Quadratmeter. (Foto: Rainer Großberndt)

Besucherdichte von 1,2 Personen pro Quadratmeter

Das Brückenfest ist eine Landmarke, ein Leuchtturm in der Region. Westfalens größtes Brückenfest erstreckt sich über die gesamte Innenstadt und den Lennedamm. Mehr als 200 Aussteller, Fahrgeschäfte, Kirmesbuden, Helikopter, Trödelmarkt, Autosalon, Bühnenprogramm, Kinderparadies, Bauernmarkt und Gastronomiestände ziehen sich über zwei Kilometer weit. Verteilt über drei Tage kommen etwa 150.000 Besucher, um sich zu amüsieren.

Bei einer Veranstaltungsfläche von 22.000 Quadratmetern ergibt sich bei 28 Stunden Öffnungszeit und einem durchschnittlichen Aufenthalt von zwei Stunden eine sogenannte ,Besucherdichte‘ von 1,2 Personen je Quadratmeter.

Das ist eng. Was, wenn hier ein Unglück geschieht, wenn es zu Panik kommt, wenn Rettungszufahrten versperrt sein sollten?

Papier, Papier, Papier

„Ich habe das alles im Kopf vom Anfang bis zum Ende. Ich gehe das alles immer wieder und wieder durch und frage mich, ob noch irgendwo eine unentdeckte Gefahrenquelle steckt“, sagt der Pensionär Rainer Großberndt, der auch im Vorstand des Verkehrsvereins und der Werbegemeinschaft aktiv mitwirkt. Rund anderthalb Monate hat er in Vollzeit gebraucht, um ehrenamtlich das Sicherheitskonzept für das Brückenfest abzuarbeiten.

Das dicke Papier umfasst die Bereiche Verkehr, Katastrophenschutz, Gewerbe- und Baurecht, Immissionsschutz, Arbeitsschutz, Wasserschutz, Helikopter und vieles mehr. Der Bau eines Pontons auf der Lenne und alle Aktionen in und ums Wasser bedürfen einer Extragenehmigung. Ganz zu schweigen vom Feuerwerk!

Fest-Organisator Rainer Großberndt.(Foto: Claudia Eckhoff)

Allein die Sparte „Erreichbarkeit“ ist seitenlang: Hier werden für den Ernstfall die Telefonnummern aufgeführt vom Sanitätsdienst, dem DRK, der Feuerwehr, den Krankenhäusern, der Polizei und des Ordnungsamtes, des Festzeltbetreibers, des ÖPNV, des THW, des DLRG, des Stromversorgers und des Helikopterbetreibers.

Für den Ernstfall

Tausend Fragen sind zu beantworten und noch einmal unzählige Einzelheiten aufzuführen: Wieviele Fahrgeschäfte gibt es? Wie groß sind sie? Gibt es Zelte? Es wird unterschieden zwischen Feuerwerk mit und Feuerwerk ohne Knallkörper. Einsatzpläne gilt es auszufüllen, Lagepläne zu zeichnen. „Hier müssen seit der Katastrophe von Duisburg nun zusätzliche ,Bedarfsflächen‘ und Bereitschaftsräume für eine eventuelle ,Schadenslage‘ mit mehr als sechs Schwerverletzten vorgesehen sein einschließlich Parkplätzen mit freier An- und Abfahrt für Rettungsfahrzeuge“, erläutert der pensionierte Werksleiter Großberndt.

Toiletten sind anzugeben, Plakate nur an genehmigten Stellen im öffentlichen Verkehrsraum anzubringen. Busumleitungsbedarf ist auszuweisen, Ausstellerverzeichnisse sind einzureichen und so weiter und so fort.

Zum in die Luft gehen

Zwei Wochen vor der Veranstaltung muss das Konzept spätestens bei der Verwaltung vorliegen. Dann wird geprüft, nachgefragt, nachgehakt, hinterhergerannt und nachgereicht. Zuletzt folgt noch eine Ortsbegehung. Dann spätestens geht Rainer Großberndt in die Luft, denn auch den ersten Probeflug im Helikopter muss der ehemalige Werksleiter selbst vollziehen. „Man kann ja nie wissen “, schmunzelt er. „Die Zusammenarbeit mit der Verwaltung war bei dieser Verschärfung der Sicherheitsauflagen einfach erstklassig“, sagt er. „Es hat alles reibungslos funktioniert.“