Bundeswehr als Chance

IS-Hennen. (as) Mit 17, so heißt es gemeinhin, hat man noch Träume. Auch Lars Dittmann träumte. Vom Campen, vom draußen Schlafen und männlicher Kameradschaft. Während sich seine Freunde zu Hause in Hennen Gedanken machten, wie und wo sie ihren Zivildienst leisten können, stand für den 16-, 17-jährigen Lars Dittmann bereits fest: „Ich will zur Bundeswehr.“

Auch wenn er heute selbst über seine eingangs reichlich naiven Vorstellungen von der Bundeswehr grinsen muss. Den Entschluss, sich für zunächst vier, dann acht Jahre zu verpflichten, hat der heute 31-Jährige nie bereut. Hat er ihm doch drei Jahre Arbeit im europäischen NATO-Militärhauptquartier „S.H.A.P.E“ im belgischen Mons eingebracht. Gut ein Zehntel seines Lebens verbrachte der junge Mann aus Hennen mit der Umgangssprache Englisch an der Seite von Briten, US-Amerikanern, Dänen, Polen und woher seine Kollegen auch immer kamen. „Eine tolle Erfahrung“, sagt Lars Dittmann. „Eine, auf die ich nicht verzichten möchte.“

Doch von vorn: Schon in ganz jungen Jahren entdeckte Lars Dittmann eine sehr zielorientierte Seite an sich. Er wollte zur Bundeswehr. Doch mit einem Hauptschulabschluss allein wäre dieser Traum nicht in Erfüllung gegangen. Eine Ausbildung musste her. Er wurde Siebdrucker. In seinem Hennener Ausbildungsbetrieb kniete sich der junge Lars Dittmann mit der gleichen Begeisterung in seine Lehrer, mit der er sein großes Ziel verfolgte.

Ausbildung zum Ausbilder

Kaum hatte er seinen Gesellenbrief in der Tasche, schon bastelte er weiter an seiner Zukunft in Tarnfarben. Für vier Jahre wollte er sich verpflichten. Im September 2000 war es soweit. Er hatte Glück und musste nicht weit weg. Stationiert war er in Hemer.

Für eine Ausbildung zum Panzer-Kommandanten war er vorgesehen. Doch bei seiner Fehlsichtigkeit war das nicht möglich. Also folgte eine „Ausbildung zum Ausbilder“, wie er es flapsig formuliert. Es folgten Unteroffizierslehrgänge. Dann durfte er, gerade mal 21 Jahre alt, junge Soldaten ausbilden. „In den ersten Monaten hab ich ganz schön viel Lehrgeld gezahlt“, sagt er selbstkritisch. Es hat gedauert, bis er den richtigen Ton gefunden hatte. Ein Typ, der brüllt, wollte er nie sein.

Die Welt war für Lars Dittmann in Ordnung. Bis es zu einer Auseinandersetzung kam, die ihm das Leben in Hemer schwierig gemacht hätte. Er sprach bei seinem Vorgesetzten vor. „Gibt‘s eine Aufgabe für mich im Ausland?“ Die gab‘s tatsächlich. Aber nicht für einen, der bereits mehr als zwei seiner vier Bundeswehrjahre abgeleistet hatte. Also verlängerte der junge Mann aus Hennen auf acht Jahre. Einen halben Tag später stand fest: Es geht nach Mons, in den wallonischen Teil Belgiens, ganz nah an der französischen Grenze.

Im Auftrag der NATO

Es folgte eine Sprachenschule in Köln, um das Englisch zu perfektionieren. Lars Dittmann machte einen Lkw-Führerschein. Dann hieß es: Klamotten packen und auf nach Belgien. Mehr als drei Jahre war der junge Mann aus Hennen in Europa unterwegs. Als Kurierfahrer transportierte er NATO-Post, die nicht mit der herkömmlichen Post befördert werden durfte. Er überbrachte diplomatische Schriftstücke und Waren, die für keine anderen Augen bestimmt waren. Die Fahrten gingen nach London, Paris, Murnau, Den Haag oder auch mal nach Italien.

Lars Dittmann (Foto: as)

„Eine wirklich tolle Zeit“, erinnert er sich. Vor allem der Umgang mit all den Kollegen aus den unterschiedlichsten Ländern. „Man lernt, sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen“, sagt er. Und: „Typisch deutsch gibt es eigentlich gar nicht“, sagt er. „Man merkte ganz schnell, dass wir alle – egal, woher wir kamen – die gleichen Probleme und Sorgen hatten.“

Trotz aller Begeisterung für seine Auslandserfahrungen. Noch einmal bei der Bundeswehr verlängern wollte Lars Dittmann nicht. Beim Berufsförderungsdienst der Bundeswehr erkundigte er sich, was für Möglichkeiten ihm die Bundeswehr für ein späteres ziviles Leben bieten konnte. Er nutzte eine sehr exotische, eine, die ihm auch später im zivilen Dasein eine Zukunft in der Ferne ermöglicht hätte. Das war 2007: Er machte eine Umschulung zum Brunnenbauer bei einer Firma in Bestwig.

Ein Unfall und die Folgen

„Ganz schöne Knochenarbeit“, sagt Lars Dittmann. Aber wieder kniete er sich rein. Er überzeugte, machte seine Abschlussprüfungen, wurde übernommen. Doch dann, an seinem zweiten Arbeitstag als Brunnenbauer – die Wende. Mit einer Hand geriet der Sportler, der immer noch für den SC Hennen kickt, zwischen zwei Stahlplatten. „Die Hand war platt“, sagt er. Im Klartext: Es war alles gebrochen, was brechen konnte. Ein Finger war fast abgetrennt, konnte gerade noch gerettet werden. Neun Monate fiel Lars Dittmann aus.

Wieder genesen, arbeitete Lars Dittmann erneut als Brunnenbauer. Doch er begann, sich neu zu orientieren. Und er ergriff eine neue Chance. Seit knapp zwei Monaten ist der jetzt 31-jährige Mann aus Hennen bei der Iserlohner Privatbrauerei beschäftigt. „Handel und Vertrieb“ steht auf seiner Visitenkarte. Wie einst bei der NATO ist Lars Dittmann viel im Auto unterwegs – diesmal zu den Partnern der Brauerei. Wieder hat der Sportler viel Kontakt mit Menschen. „Ein Traumjob“, sagt er.

Immer noch denkt Lars Dittmann gern an seine Zeit bei der Bundeswehr zurück. „Ich würde es wieder machen“, sagt er. Nur eines würde er anders machen. „Ich war ganz schön naiv, als ich mit erstmals beworben hatte“, erinnert er sich. „Man sollte sich intensiv Gedanken machen, ob man jemals Gebrauch von einer Waffe machen könnte.“

„Was wäre, wenn ich schießen müsste?“

Er selbst hatte sich diese Frage erstmals gestellt, als er bereits eine Waffe hatte. „Ich fand‘s ganz schön mulmig, in der Kaserne mit Waffe herumzurennen“, sagt er. „Selbst wenn es nur darum ging, die Liegenschaft zu schützen.“ Immer wieder tauchte die Frage auf. Was wäre, wenn…? Mehr noch: „Was wäre, wenn ich schießen müsste? Wenn andere schießen? Wie geht man damit um? Kann man damit umgehen? Was macht das mit mir?“

Abschließend musste er die Frage für sich nicht beantworten. Aber er hat in seiner Aussbilderzeit in Hemer andere junge Menschen ausgebildet, die später nach Afghanistan gegangen sind.Lars Dittmann muss schlucken. Das sind die Momente, in denen der fröhliche, aufgeschlossene Mann eine sehr mitfühlende, nachdenkliche Seite zeigt.

Die Bundeswehr war für den Mann aus Hennen eine Chance. „Die Möglichkeit, mich weiter zu entwickeln“, sagt er. „Aber man sollte sich viele Gedanken machen, bevor man dorthin geht. Das darf nie eine Kurzschlusshandlung sein.“

Waffen – und im Zweifelsfall auch deren Gebrauch – gehören dazu. Einsätze in Krisengebieten sind möglich – in Afghanistan, vielleicht bald in Libyen. Können solche Einsätze Länder befrieden? Lars Dittmann ist überzeugt: „Wenn wir als Deutsche aus unserer Geschichte etwas gelernt haben, dann, dass eine militärische Besetzung auch erfolgreich sein kann.“ Dem ist eigentlich kaum etwas hinzuzufügen.