Bundesweiter Vorlesetag

Iserlohn. (Clau/ Red.) Lesen schadet der Dummheit – heißt es. Vorlesen erst recht, denn es zieht nicht nur ganze Generationen von neuen Lesern heran, sondern sorgt auch für menschliche Wärme, gibt Nähe und Zuwendung. Für Silke Budde, die zusammen mit Rahel Horschak seit anderthalb Jahren die Kinderabteilung der Stadtbücherei Iserlohn am Alten Rathausplatz leitet, ist Lesen und Vorlesen Leidenschaft und Beruf zugleich. Die gelernte Bibliothekarin wuchs selbst in einem Haushalt auf, in dem Bücher eine große Rolle spielten. Ihren eigenen Kindern hat die vierfache Mutter viel und oft vorgelesen. „Ob Pettersson und Findus oder der Michel aus Lönneberga – wir haben immer vorgelesen, oft tagsüber, aber ganz sicher abends. Für meine Kinder war es ein festes Abend- und Zubettgeh-Ritual“, sagt sie. „Bücher eröffnen den Kindern die Welt, regen ihre Kreativität und ihre Fantasie an. Das Vorlesen hat den Nebeneffekt, dass man ins Gespräch kommt und so Wissenshorizonte erweitert und den sprachlichen Ausdruck schult.“

Lesen und Vorlesen sind ihre Leidenschaft und ihr Beruf. Silke Budde gehört zum Leitungsteam der Kinderabteilung in der Iserlohner Stadtbücherei. Sie freut sich auf den Vorlesetag am 20. November. (Foto: Claudia Eckhoff)
Lesen und Vorlesen sind ihre Leidenschaft und ihr Beruf. Silke Budde gehört zum Leitungsteam der Kinderabteilung in der Iserlohner Stadtbücherei. Sie freut sich auf den Vorlesetag am 20. November. (Foto: Claudia Eckhoff)

Wie wär’s mit „Kamishibai“?

Wer sich nicht ausdrücken und nicht lesen kann, bleibt auf der Strecke. Dumm. Abgehängt. Chancenlos. Da setzt Leseförderung ein. Die Stadtbücherei Iserlohn zeigt sich kreativ: Ob Kinderführungen in den Bücherei-Räumlichkeiten am Alten Rathausplatz, die Ausflüge von Bibliotheks-Maskottchen „Kessy“ in die Schulen oder AGs in der OGS – immer geht es ums Lesen und gern wird dabei vorgelesen.

Fernsehen ohne Strom – das können die Kinder mit dem japanischen Erzähltheater „Kamishibai“: Bildkarten werden dabei in einem Holztheaterkasten in TV-Format gezeigt. Die Geschichte, wie etwa Emma und Paul die Jahreszeiten erleben, wird dabei eher erzählt als vorgelesen. Solche Theaterboxen stehen schon in etlichen Kindergärten. Die Bildkarten dazu verleiht die Stadtbücherei. Silke Budde macht gute Erfahrungen damit: „Man stellt Fragen und kommt so ins Gespräch, statt die Kinder nur zuzuschwallen. Erst so bemerkt man, dass sie manche Begriffe oder etwa ein Tier, von dem die Rede ist, gar nicht kennen.“  Beliebt sind auch die Erzählkoffer. Sie enthalten neben dem eigentlichen Buch auch Figuren, mit denen die Geschichte nachgespielt werden kann, und eine Mappe mit Tipps für die Vorleser.

Lesen ist fast wie Medizin

„Liest du mir mal wieder was vor?“ – diese Frage stellen Kinder ihren Eltern spätestens, wenn sie krank im Bett liegen. Dann wird das Vorlesen fast zur Medizin. Es sorgt für Gemütlichkeit, für ein vertrautes Miteinander und macht gesund.

Mit den „Drei Meilensteinen für das Lesen“ will das Bundesministerium für Bildung und Forschung durch Kinderärzte, Kindergärten und Grundschulen mittels mehrsprachiger Broschüren und Bücherei-Gutscheine auch bildungsferne Familien zum Lesen und Vorlesen bewegen.

Am Freitag, 20. November 2015, wird der 12. bundesweite Vorlesetag durchgeführt. Er wurde 2004 von der Stiftung Lesen und der Zeitung „Die Zeit“ ins Leben gerufen. Partner sind die Stiftung Deutsche Bahn, der Deutsche Städte- und Gemeindebund und die AOK.

Höhner-Sänger wirbt fürs Vorlesen

Auch Prominente trommeln für den Vorlesetag. Beispielsweise Henning Krautmacher, Sänger der Kölner Band „Höhner“. Bei der jüngsten Tagung des Bundesverbands Deutscher Anzeigenblätter (BVDA) warb er dafür, sich noch stärker fürs Lesen und die Leseförderung einzusetzen. „Jedem dritten Kind wird zu Hause nicht mehr vorgelesen“, sagte er. „Diese Erkenntnis aus aktuellen Studien macht mich traurig und betroffen zugleich. Wenn Kindern nicht mehr vorgelesen wird, wenn Lesekompetenz verloren geht, dann verschlechtern sich nachweislich die Bildungschancen dieser Kinder. Wer seinen Kindern nicht vorliest, gefährdet deren Zukunft. Das dürfen wir nicht tatenlos hinnehmen.“

In etlichen Kindergärten, Schulen und Büchereien wird am 20. November Kindern vorgelesen. Die Vorleser sind oft selbst noch Schüler oder Ehrenamtliche, Buchhändler, Bibliothekare oder sogar Lokalpolitiker. Bei Silke Budde in der Iserlohner Stadtbücherei werden zwei Klassen der Burgschule zu Gast sein. „Es wird intergalaktisch“ sagt sie schmunzelnd.

Vorlesetag? – Das kann auch zu Hause sein. Und ganz gemütlich. Also: Nur zu! Schaden kann es ja, wie gesagt, höchstens der Dummheit.