Das Leben einfach anpacken

Iserlohn. (clau) Ihre Freude über das neue Zuhause wollen sie teilen mit einem großen Einweihungsfest. Das Haus Mühlentor 13 in Iserlohn hat sich in einen echten Wohn-Traum für acht junge Menschen mit Handicap verwandelt. Die stolzen Bewohner, ihre Betreuer vom Netzwerk Diakonie und der Verein „Wohnprojekt 170 Grad“ laden alle ein, sich am Freitag, 16. September 2016, ab 14 Uhr selbst ein Bild davon zu machen.

„Der Knallenbrink wird gesperrt. Draußen bauen wir Pavillons auf. Es wird ein richtiges kleines Straßenfest. Wir rechnen mit bis zu 300 Gästen“, verrät Reinhard Kruckas, erster Vorsitzender des Vereins. Seine Tochter Carolin gehört zu denen, die nun am Mühlentor 13 ein neues, eigenes und doch auch betreutes Zuhause gefunden haben.

Wohnprojekt am Mühlentor 13

Wie kann man Menschen mit Handicap ein weitgehend unbeschwertes und selbstbestimmtes Leben ermöglichen? Die 2014 gegründete Elterninitiative „Wohnprojekt 170 Grad“ hat sich diese Frage gestellt – und überzeugende Antworten gefunden. „Wir hatten die richtigen Mitstreiter und konnten so viel bewegen“, dafür ist Reinhard Kruckas dankbar. Nach einer Wohnung in Letmathe und einer am Tannenweg ist das große Haus am Mühlentor nun das dritte Projekt des Vereins, der rund 25 Mitglieder zählt. Mit viel Eigenleistung der Eltern, viel Unterstützung von außen und großem Einsatz der IGW ist es gelungen, dem Haus aus dem 18. Jahrhundert völlig neues frisches Leben einzuhauchen.

Vom Freudenhaus zum fröhlichen Haus

„Hier ist aus einem ehemaligen Freudenhaus ein fröhliches Haus geworden“, nennt es Torsten Severing, der im Haus das achtköpfige Betreuerteam aus Fachleuten des Netzwerks Diakonie leitet. Die ehemalige „Knöpfchen-Disko“ verfügte im Obergeschoss über separate Räume, die stundenweise gemietet werden konnten. Hier ging es früher einmal heiß her. Zuletzt aber war das historische Gebäude in einem erbarmungswürdigen Zustand.

Und heute? – Das großzügige Wohnhaus verfügt im Erdgeschoss über barrierefreie Gemeinschaftsräume und zwei rolli-gerechte große Zimmer mit je eigenem Bad. In den oberen Stockwerken gibt es nun mehrere Wohnungen, die jeweils zwei junge Menschen sich teilen. Jeder verfügt darin über sein eigenes Schlafzimmer und Wohnzimmer. Ein Gang durch das Haus offenbart eine bunte, geschmackvoll, liebevoll und höchst individuell gestaltete, junge Wohn-Welt mit grandioser Aussicht auf Iserlohns Altstadt-Dächer und ins Grüne.

Selbstbestimmt und doch gut betreut

Ein kleines Büro und Apartment im Haus haben auch die Betreuer, die immer dann da sind, wenn die Bewohner zu Hause sind, also nachts, vor und nach der Arbeit, an Urlaubstagen und in Krankheitsfällen.

Tagsüber gehen die Hausbewohner Sally, Carolin, Sarah, Kathi, Karoline, Vivian, Lars und Christopher ihrer Arbeit nach. Sie alle sind bei den Iserlohner Werkstätten beschäftigt, Carolin arbeitet im Letmather Bahnhof in der Caput-Redaktion. Sie ist auserkoren, am nächsten Freitag beim Fest die Rede zu halten – und davor ist ihr gar nicht bange.

Gegen 16.30 Uhr kommen sie täglich nach Hause. Sofort wird es laut und fröhlich. Es ist im besten Sinne des Wortes richtig Leben in der Bude. Sie alle kennen sich schon seit vielen Jahren aus der Frühförderung, aus der Schule. Es ist wie Familie. Und nun haben sie eben alle das „Hotel Mama“ verlassen und gehen ihr eigenes Leben an.

Grillen, Fitness und Entspannung

„Wir verbringen viel Zeit in Gemeinschaft. Täglich üben wir Dinge wie Kochen, Putzen, Gänge zur Bank, zum Bäcker oder zum Optiker“, erzählt Betreuer Torsten Severing. „Wir machen Ausflüge, besuchen die Disco oder Konzerte.“

Er konnte die Verwandlung des Hauses mitgestalten. „Meine Bedingung waren: Erstens ein Thermomix, weil die jungen Bewohner damit einfach Kochen lernen können, und zweitens ein vernünftiger Grill.“

Unten wird nun oft gegrillt, während ganz oben unterm großen Dach anderes ansteht: Fitnessgeräte, ein Entspannungsbereich und ein Malatelier bieten exzellente Entwicklungsmöglichkeiten.

Am Mühlentor 13 wurde ein Traum wahr. Wie das zuging, davon zeugt das Haus-Motto, das im Gemeinschaftsraum die Wand ziert. Ganz bunt steht dort zu lesen: „Alle sagten, das geht nicht. Aber dann kamen welche, die wussten das nicht und haben es einfach gemacht.“