Denkmalpfleger würdigt „Schlieperblock“

Von Michael Eckhoff

Iserlohn. Der Schlieperblock galt bei rechtschaffenen Iserlohnern immer als Schandfleck. Doch inzwischen wird die Siedlung als bedeutendes Baudenkmal eingestuft; ihr Erhalt ist allerdings umstritten, aus guten Gründen vielleicht sogar unmöglich.

Mit welchen Augen die Architekturhistoriker den Schlieperblock betrachten, lässt sich in der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins „Denkmalpflege in Westfalen-Lippe“ nachlesen. Das aktuelle Heft, letzte Woche auf den Markt gekommen (der wk berichtete), widmet sich dem Schwerpunktthema „Bauten der 1920er Jahre“. Besonders breiten Raum nimmt dabei die Betrachtung der Iserlohner Siedlung an der Anker- und Kreuzstraße ein. Unter der Überschrift „Der sehr verrufene Schlieperblock“ setzt sich der im Westfälischen Amt für Denkmalpflege („Landeskonservator“) tätige Experte Hans H. Hanke mit der Bedeutung dieses Wohngebiets auseinander.

Der wk setzt hier seinen Bericht von letzter Woche fort:

Kaum Beispiele

Hanke weiß:  Notwohnungen  der 1920er Jahre sind nach jetzigem Kenntnisstand in Westfalen kaum überliefert. Das einzige vergleichbare Beispiel sind 1930 gebaute zweigeschossige Laubenganghäuser in Bochum-Wattenscheid.“ Die Iserlohner Bauten stammen von Theodor Hennemann (geboren 21. Januar 1901 in Darmstadt). Der Architekt war erst 1928 von Dortmund als Regierungsbaumeister nach Iserlohn gekommen. Studiert hatte er an der TH Darmstadt, wo er im Mai 1923 sein Diplom erhielt. Sodann beantragte er seine Zulassung als Regierungsbaurat. 1934 verließ er Iserlohn und wurde Leiter des Stadtbauamtes Minden.

Hanke ist überzeugt:  Der Architekt Hennemann war offensichtlich qualifiziert für seine Aufgaben in Iserlohn. So war es für ihn wohl auch kein Problem, dass dem ersten Bauabschnitt nicht der später verwirklichte Gesamtplan zugrunde lag. 1928 war wohl nur an einen  normalen neuen Straßenzug mit Reihenhäusern gedacht. Gebaut wurde damals für einen konkreten Bedarf, denn 42 Iserlohner Familien waren zur Räumung ihrer Wohnungen gerichtlich verurteilt worden. Sie mussten aber mangels Unterbringungsmöglichkeiten wieder in ihre alten Wohnungen eingewiesen werden, was erheblichen Unfrieden und Mietkosten für die Stadt mit sich gebracht haben wird. Anlass der Siedlungserweiterung wurde Ende 1928 der Abriss einer Reithalle an der Baarstraße für den Bau des Finanzamtes. Die Halle diente bis dahin als Notunterkunft, die Ausgewiesenen zogen dann in die ergänzten Neubauten an der Schlieperstraße. In diesem unerwartet notwendig werdenden zweiten Bauabschnitt der Notwohnungen entschied man sich für die erweiterbare Zeilenbauweise in aufgelockertem Siedlungsgrundriss, um für nicht vorhersehbaren neuen Bedarf Ergänzungsmöglichkeiten zu haben. Die Notwohnungen mussten gegen die Proteste von Anrainern als Ergänzung der bestehenden Häuser errichtet werden.“

Moderne erlebbar

Der Fassadengestaltung sehe man an, dass man sich im zweiten und dritten Bauabschnitt noch stärker um die Proportionen der Moderne bemühte, so Hanke. Am  Schlieperblock“ sei die allmähliche Durchdringung des Baugeschehens von Gedanken der Moderne ablesbar.

Auch als sozialpolitisches Beispiel einer modernen Architektur ist die Siedlung außergewöhnlich in Westfalen. Schreibt Hans Hanke. Sie gehöre zu den gut ablesbaren Ergebnissen der Suche nach neuen Formen des Bauens für ärmere Schichten. Die wesentliche Kosteneinsparung scheine in dem Verzicht auf einen Dachstuhl und aufwändige Schmuckformen zu liegen, vielleicht auch in der Wahl des Baumaterials und natürlich in der kargen, aber zweckmäßigen Ausstattung der Wohnungen.

Schlechtes Image

Hanke ergänzt:  Ein besonderes Problem der Siedlung ist ihr außerordentlich schlechtes Image in der Stadt. Die Siedlung war seit dem ersten Bezug 1928 durch Wohnungs- und Erwerbslose ein sozialer Brennpunkt, ein räumlicher Schwerpunkt der Sozialarbeit der Stadt Iserlohn und Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Das Baudenkmal hat sich als sozialer Brennpunkt mit unterschiedlichen Problemlagen und teilweise bestürzenden Ereignissen tief in das Bewusstsein der Iserlohner Bevölkerung eingeprägt und kann aufgrund seiner Sozialgeschichte von Vielen nicht mehr als baukulturelles Erbe wahrgenommen werden – obwohl gerade in der Sozialgeschichte ein  wichtiger Aspekt des Denkmalwertes der Anlage zu sehen ist.“

Allerdings habe sich 2010 eine Gruppe von Iserlohner Bürgern gefunden, die den seit 1982 mehrfach begründeten Denkmalswert erkannt und sich für eine Neunutzung eingesetzt habe.  Der nicht völlig grundlosen Distanz zu den Siedlungsbewohnern stehen bisher nicht gewürdigte und unerforschte sozialgeschichtliche Aspekte entgegen. Die Bausubstanz selbst ist weitgehend in Ordnung. Ob also ein Abriss wirklich zwingend notwendig, eine Imageänderung denkbar und eine andere Nutzung machbar ist, wird zur  Zeit konstruktiv in Workshops mit Architekten, Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen und einem Bürgerforum hinterfragt,“ resümiert Hanke. Man darf gespannt sein…