Der Rohrstock regierte im Grünertal

Iserlohn. (clau) Schon zweimal hat Heinrich Bäcker, der in den 50er Jahren im Obergrüner Tal aufwuchs, zur Freude vieler Leser in seinen Erinnerungen an eine glückliche Kindheit geschwelgt. Heute folgt nun der dritte Teil seiner autobiografischen Erzählungen. Dieses Mal geht es um die Anfänge seiner Schulzeit.

In der Obergrüne gab es zwei Schulgebäude, ein größeres am Leckeweg, ein kleineres an der Grüner Talstraße oberhalb der Brauerei. Die Turnhalle befand sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Gebäude der Feuerwehr. Der Einzugsbereich dieser erst evangelisch und katholischen, später allgemeinen Volksschule begann bei Stock in der Bräke und zog sich bis zur Düsingstraße.

Respekteinflößend

Der kleine Heinrich Bäcker, dem bisher die natur- und bachnahe Umgebung seines Elternhauses keinen Kindergarten hatte vermissen lassen, wurde am 1. April 1953 zunächst in der unteren Schule eingeschult. Später besuchte er bis zum Ende der 8. Klasse die obere Schule am Leckeweg.

„Zu unserer Zeit wurden die Kinder nicht mit dem Auto zur Schule kutschiert“, lacht Heinrich Bäcker. „Bei Wind und Wetter war ein Fußmarsch angesagt. Die Kinder, die weiter entfernt wohnten, kamen bei Regen schon klatschnass und im Winter völlig durchgefroren in der Schule an.“

Das eingezäunte dunkle Schulgebäude mit seiner schweren Eichentür und der Klingel flößte dem Erstklässler Heinrich mächtig Respekt ein.

Kohlen, Wachs und Späne

Beheizt wurden die Klassenzimmer durch große, schwarze Kanonenöfen, die mit Kohlen befeuert wurden. Mutter Bäcker war für die Sauberkeit der Räume zuständig. Ihre beiden Söhne halfen ihr oft bei der Arbeit. „In den Ferien wurden die Fenster geputzt, die Fußböden gefegt, gewischt und anschließend mit grünen Sägespänen mit Wachs bestreut und dann nach ein paar Tagen wieder abgefegt“, erinnert sich Heinrich Bäcker.

„Im Herbst kam der Kohlenhändler und brachte Kohlen und Briketts für die Öfen. Zusammen mit meinem Vater haben wir Jungs dann alles durch die Kellerfenster ins Untergeschoss geschaufelt.“

Süßes für alte Nägel

Vater Bäcker war ein Ordnungsfanatiker, der nicht eher ruhte, bis alle Briketts säuberlich gestapelt waren und seine Söhne unter seiner Aufsicht reichlich Anmachholz klein gehackt hatten. „Wir mussten sogar ständig verbogene rostige Nägel mit dem Hammer gerade kloppen“, stöhnt Heinrich Bäcker noch heute. „Allerdings haben mein Bruder und ich die später mit anderen Metallen beim Schrotthändler zu Geld gemacht und mit dem Erlös Süßigkeiten gekauft, die wir uns sonst nicht hätten leisten können.“

Der Rohrstock

Der Unterricht begann fast immer um 8 Uhr. Nach dem Klingeln stellten die Kinder sich geordnet nach Klassen auf und zogen geschlossen in ihre Klassenräume hinein. Wenn der Lehrer den Raum betrat, standen die Kinder unaufgefordert auf und begrüßten den Erwachsenen mit einem kräftigen „Guten Morgen, Herr Lehrer!“

Obwohl die Eltern morgens schon zuhause die ordentliche Kleidung und Frisur kontrollierten, kam es schon mal vor, dass die Fingernägel noch dunkle Spuren vom Vortag hatten. „Oh weh! Bei nichtbestandener Fingerkontrolle gab es schmerzhafte Begegnungen mit dem Rohrstock“, erinnert sich Heinrich Bäcker ungern. „Meine Generation hatte es da schon gut. Wir bekamen die Schläge ,nur‘ in die Handinnenfläche. Die Generation meiner Eltern hat sie noch außen auf die Finger bekommen, was noch viel schmerzhafter war.“

Zwei Klassen gleichzeitig

In der Dorfschule im Grüner Tal lief manches anders, als es heutige Schüler gewohnt sind. „Bei uns wurden zwei Klassen gleichzeitig unterrichtet“, sagt Heinrich Bäcker. „Aber das war gar nicht zu unserem Nachteil! Vielleicht sogar im Gegenteil, denn wenn man sich im Unterricht der unteren Stufe unterfordert fühlte, konnte man einfach bei den Großen mithören. Und wem in der oberen Stufe Grundlagen fehlten, konnte die Ohren in Richtung der Kleineren spitzen und da noch mal was nachholen.“

Wie es dann im Unterricht zuging und was man wie zu lernen bekam, wird Heinrich Bäcker in einer kommenden Folge seiner Erinnerungen erzählen. Kontakt zu ihm gibt es in der Zwischenzeit unter Telefon 02372/ 75971 oder über die wochenkurier-Redaktion unter Telefon 02371 / 264-786.