Der Staat als Mörder und Brandstifter

Iserlohn. (clau) „Ach wie weit sind wir gekommen. Und wie weit werden wir noch kommen? Der Herr erbarme sich unser.“ – Das schreibt Pfarrer Hermann Klugkist Hesse am Donnerstag, 10. November 1938, in Wuppertal-Elberfeld in sein Tagebuch. Die Nacht zuvor mit all ihrem Grauen, mit der der Vernichtungsfeldzug gegen die Juden begann, ist als „Reichspogromnacht“ in die Geschichte eingegangen. Der Tag jährt sich heute zum 75. Mal.

Die Tagebücher des Pfarrers Hesse – in zwölf kleinen Terminkalendern mit winziger Schrift notiert – erstrecken sich über die Jahre 1936 bis 1947. Sie befinden sich heute im Besitz seines Enkels Gottfried Abrath, Pfarrer der Erlöserkirchengemeinde im Wiesengrund in Iserlohn.

Der Enkel hat sich sein halbes Leben lang mit den Aufzeichnungen seines Großvaters beschäftigt, eine wissenschaftliche Abhandlung darüber geschrieben – und zuletzt vor einigen Jahren einen Roman unter dem Titel „Die Adoption. Roman einer Reise“.

An jenem 10. November notiert der Großvater, was er zunächst nur von anderen gehört hat: In Düsseldorf, wo er mit seiner Zündapp nur mit Mühe durch die Stadt voller aufgewühlter Menschen gekommen war, erfuhr er, dass „in Essen, in Düsseldorf, in Elberfeld, in Barmen die Synagogen brennen! Brennen! Jüdische Geschäfte sind eingeschlagen. In Düsseldorf wurde aller Hausrat aus jüdischen Häusern auf die Straße geschleudert. Alles aus Rache für den ermordeten Gesandtschaftsrat in Paris.“

Was war? Und was ist?

Gottfried Abrath ist nun selbst Pfarrer in langer Familientradition, väterlicherseits in der zweiten und mütterlicherseits in der 13. Generation. Er ist aber auch studierter Historiker. Gründlich hat er in drei Schritten die Geschichte des Judentums im 20. Jahrhundert erforscht – im Rheinland, der Wirkungsstätte seines Großvaters. „Zunächst habe ich untersucht, wie reichhaltig die Formen jüdischen Lebens zuvor dort waren“, berichtet er. „Dann habe ich das Ausmaß der Zerstörung erfasst und mich abschließend mit dem Thema Gedächtniskultur beschäftigt.“

Gottfried Abrath, Pfarrer der Erlöserkirchengemeinde im Wiesengrund, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Tagebüchern seines Großvaters, der Pfarrer in Elberfeld war, und mit dem Schicksal der Juden in Deutschland. (Foto: Claudia Eckhoff)
Gottfried Abrath, Pfarrer der Erlöserkirchengemeinde im Wiesengrund, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Tagebüchern seines Großvaters, der Pfarrer in Elberfeld war, und mit dem Schicksal der Juden in Deutschland. (Foto: Claudia Eckhoff)

Gewaltausmaße wie am 11. September

Den Ausdruck „Reichskristallnacht“ für jenen schicksalsschweren 9. November 1938 hört Pfarrer Abrath nicht gern: „Das ist im Grunde höhnisch: Mit dem ,Kristall‘ sind letztlich die Berge von Glasscherben gemeint gewesen, die sich überall in den Straßen auftürmten. Diese Pogromnacht war weitaus schlimmer als alle vorigen Pogrome, die sich seit dem Mittelalter immer wieder gegen die Juden richteten. Im ganzen Land wurden 1.000 Synagogen vernichtet und 1.200 Menschen ermordet. – Dieser öffentlich inszenierte Zerstörungsakt ging von der höchsten Staatsmacht aus. Er ist, was die Verheerung und die Zahl der Opfer angeht, durchaus dem Terrorakt am 11. September 2001 in New York vergleichbar.“

Ausverkauf: Tanken statt Beten

Vor jener Nacht gab es allein im Rheinland 219 Synagogen, 31 Bethäuser, sieben sonstige jüdische Kultstätten. Dazu zahlreiche jüdische Schulen, Altersheime, Kinderheime, Bäder, jüdische Metzgereien, Restaurants und eine Vielzahl von Vereinen. Insgesamt lebten im Rheinland 30.000 Juden.

In der Pogromnacht und danach wurden mindestens 153 rheinische Synagogen völlig zerstört, 61 demoliert, zweckentfremdet, widerrechtlich verkauft oder bis zur Abbruchreife sich selbst überlassen.

„Viele Synagogen sind erst nach dem Krieg abgerissen worden“, so Pfarrer Abrath. „Die Grundstücke – meist attraktive Innenstadtlagen – waren für Spottpreise zu haben. Auf vielen dieser zentralen Grundstücke entstanden dann Tankstellen oder Kfz-Werkstätten für die beginnende mobile Gesellschaft. So übrigens auch in Iserlohn an der Ecke Karnacksweg/Mendener Straße. Der dortige Gedenkstein steht gegenüber dem ehemaligen Synagogenstandort.“

Bürger in Schockstarre

Als die jüdischen Gotteshäuser brannten, hatten die Feuerwehrleute von höchster Stelle Befehl, auszurücken. Sie sollten aber nicht die Brände löschen, sondern verhindern, dass die Flammen auf Nachbarhäuser übersprangen. „Es war ein Spektakel, sicher. Aber die meisten Menschen waren einfach nur stumm und wie gelähmt“, vermutet Pfarrer Abrath. „Mein Großvater beobachtete, wie an den nächsten Tagen Jungen mit kostbaren handgeschriebenen jüdischen Thorarollen Fußball spielten. In der Gemeinde warnte man ihn aber, bloß öffentlich kein Wort über all das zu verlieren. Schweigen solle er zu dem, ,was aber alle bekümmert’. Die Leute ahnten, dass die Gewalt von der öffentlichen Hand ausging und von nun an jeder persönlich bedroht war.“

„Mein Deutschland hört 1933 auf“

War vor der Pogromnacht die Judenverfolgung noch geheim abgelaufen, so wurde sie nun öffentlich. In „Schutzhaft“ wurden die Juden genommen, um sie vor dem angeblichen „Volkszorn“ zu schützen. Von den Sammelstellen aus – in Iserlohn war dies ein Wohnhaus in der bahnhofsnahen Kluse – ging es per Zug gen Osten in die großen Vernichtungslager.

Wer überlebte, hatte oft alles verloren. Stellvertretend für viele spricht die Überlebende Edith Silber: „Meine Heimatgefühle für Deutschland sind in Auschwitz mit meinen Eltern ermordet worden. ( ) Mein Deutschland hört 1933 auf.“

Anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht finden in Iserlohn, Letmathe und Hemer etliche Gedenkveranstaltungen statt. Mehrere Meldungen dazu im Innenteil.