Die Droge als Heiler?

Erstmals präsentierten Anfang dieser Woche die Anonyme Drogenberatung e.V. Iserlohn (DROBS) und die Suchtberatung der Caritas gemeinsam ihre Jahresberichte. (Foto: Claudia Eckhoff)

Iserlohn. (clau) Marcell ist erst dreizehn – und säuft sich regelmäßig fast um den Verstand. Fahren seine hilflosen Eltern den Schulverweigerer höchstpersönlich zur Schule, springt ihr Sprössling, kaum sind sie weg, aus dem Klassenzimmerfenster und macht sich „vom Acker“. Stubenarrest ist Freiheitsberaubung, weiß er nur zu genau. Dagegen schützt ihn das Gesetz, das ihn umgekehrt erst für seine Missetaten belangen kann, wenn er mindestens 14 wird. Er aber ist dreizehn und macht „sein Ding“.

Kinder wie Marcell gibt es immer mehr. Den Eltern bleibt oft genug der Atem weg. Da fährt eine 8. Klasse auf Klassenfahrt nach Berlin. Am Bahnhof decken sich zwei der Jungens noch schnell fast wie im Vorbeigehen beim Dealer mit Cannabis ein. Wodka haben sie sowieso dabei. Der lässt sich prima mit unverdächtigem Eistee mischen. Am Ende landen die beiden ober-coolen Achtklässler sturzbesoffen in einem Berliner Krankenhaus

Erstmals gemeinsamer Jahresbericht

Als Anfang dieser Woche Vertreter der Caritas-Suchtberatung und der Anonymen Drogenberatung Iserlohn (DROBS) nach längerer erfolgreicher Zusammenarbeit erstmals gemeinsam ihre Jahreszahlen vorstellten, drehte sich zuletzt das Gespräch in der Expertenrunde immer enger um das Thema „junge Menschen und Sucht“.

Die Cariats-Suchtberatung betreut vor Ort in Iserlohn Menschen, die Probleme mit legalen Drogen wie Alkohol, Medikamente oder Glücksspiel haben. Die anonyme Drogenberatung dagegen ist kreisweit zuständig für Menschen, die illegalen Drogen verfallen sind. Insgesamt 800 Ratsuchende haben die beiden Iserlohner Beratungsstellen im vergangenen Jahr betreut.

Neue Formen der Sucht

Thomas Kreklau, Therapeut bei der Caritas-Suchtberatung, und seine Kollegin Uta von Holten berichten: „Immer mehr junge Menschen und verunsicherte Eltern suchten unsere Beratungsstelle auf. Es ging dabei größtenteils um Rauschtrinken und mehr und mehr auch um Medien- oder Internetsucht.“

Die meisten Heranwachsenden sind noch nicht abhängig im medizinischen Sinne wie etwa ein klassischer Alkoholiker. Die ganz jungen Menschen verabreichen sich meist absolut bedenkenlos einen munteren Mix aus Alkohol, Cannabis, Kokain, Speed, Ecstasy, Amphetaminen oder einer der vielen künstlichen Modedrogen. Für allzu viele sei das „Einwerfen“ solcher Mixturen der pure Party-Gag, berichten die versammelten Experten beider Institutionen.

Meist fallen die Jugendlichen zunächst durch Schulverweigerung, Straftaten oder im Straßenverkehr auf. Ihr zunächst unfreiwilliger Weg zur Suchtberatung wird ihnen vielfach vom Jugendrichter verordnet. Hier, so erleben es die Suchtexperten, tut sich eine gewisse Versorgungslücke auf. Gern würden sie dem Bedarf entsprechend eine spezielle Jugendberatung einrichten, die intensiver auf einzelne gefährdete Jugendliche eingehen könnte.

Selbst-Heilung durch Drogen

„Sucht hat immer eine Geschichte. Eine Lebensgeschichte“, weiß Matthias Nowak, der als DROBS-Präventionskraft regelmäßig in Iserlohner Kindergärten, Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen arbeitet. Es gäbe Risikofaktoren wie beispielsweise suchtkranke Eltern oder ein insgesamt ungünstiges soziales Klima. Vernachlässigung, emotionale Kälte, Missachtung, Desinteresse, Gewalt, Vereinsamung – all das wirke verletzend und krankmachend auf Heranwachsene.

Suchtmittel seien dann nicht nur einfach „cool“, sondern vermeintlich Heilmittel, die den Schmerz der inneren Leere oder Verletzung lindern und die vermissten Glücksgefühle freisetzen. In Zeiten großen gesellschaftlichen Umbruchs – Stichwort „Patchwork-Familien“, hohe Scheidungsrate – werde die unheilvolle Selbstbehandlung der Jugendlichen mit Drogen leicht zu einem Massenphänomen, das das natürliche, jugendliche Suchen nach Grenzerlebnissen und Gefahren bei Weitem übersteige.

Sucht braucht Zukunft

„Sucht hat auch immer eine Zukunft aus Angst oder Ausweglosigkeit“, erläutert Sozialarbeiter Heinrich Isken, der als Mitarbeiter der DROBS auch in der Iserlohner Jugendhaftanstalt in Drüpplingsen tätig ist. Viele seiner Klienten seien völlig am Boden. „Sie sind total entwurzelt und brauchen zunächst wieder feste Strukturen, ein gutes Selbstwertgefühl und eine Zukunftsperspektive.“

Auf gutem Wege

Insgesamt erleben sich die Drogenfachleute beider Beratungsstellen auf einem guten Weg. Die Angebote greifen ineinander, die Drähte sind kurz und das Netzwerk so fest geknüpft und dauerhaft verlässlich, dass kaum jemand durch die Maschen fallen kann. Therapeuten und Berater arbeiten auf dem oft langwierigen Weg kleinster Schritte an der Grenze des Möglichen: Auf freie Gesprächstermine müssen Ratsuchende oft zwei bis drei Wochen warten. Allerdings sei man mit der offenen Sprechstunde am Montag immer in der Lage, „im Notfall schnell den Druck rauszunehmen“ und erste Hilfe zu leisten – oder wohlmöglich sofort eine Entgiftung einzuleiten. Auch das erfolgreich arbeitende Projekt CHAMÄLEON für Kinder suchtkranker Eltern kann nach Ablauf der dreijährigen Anschubfinanzierung dank verschiedener Geldgeber weiter finanziert werden.

Caritas-Geschäftsführer Klaus Ebbing und DROBS-Geschäftsführer Stefan Tertel sind sich sicher, dass ihr ohne Konkurrrenzdenken geknüpftes Netzwerk lebenspraktisch und im Sinne der ratsuchenden Klienten sinnvoll greift.

Kontakt gibt es hier:

DROBS
Am Dicken Turm 9
Telefon 0 23 71 / 2 28 51

Caritas-Suchtberatung
Karlstraße 15
Telefon 0 23 71 / 81 86-19 oder -20