Ein Gänsemeer zu Martins Ehr'

Noch schnattern sie vielerorts aufgeregt und lebhaft, doch die meisten Gänse erwartet in Bälde der Bräter. Das weiße Federvieh muss traditionell im November sein Leben lassen und zwar nicht nur wegen St. Martin... (Foto: Paula Eckhoff)

Iserlohn. (Red./clau) In den vergangenen 1600 Jahren der Verehrung des heiligen Martin sind im Volk verschiedene Bräuche entstanden. Dabei spielen vor allem die Gänse eine nicht unerhebliche Rolle.

Wichtige Tage im Jahr wurden am liturgischen Kalender festgemacht, so auch der Zahltag, der in vielen Regionen zweimal im Jahr stattfand. Am Martinstag im November musste dem Gutsherren der Zins gezahlt werden, der auch in Form von einer bestimmten Anzahl an Geflügel bestand.

Daraus erklärt sich die Spruchweisheit „Sankt Martin ist ein harter Mann für den, der nicht bezahlen kann“.

Unentbehrlich

Wer aber Geld und Gänse hatte, war fein raus. Die „Martinsgänse“ eigneten sich beispielsweise hervorragend, um mit solch fetter gefiederter Gabe bei Pfarrer und Lehrer „gut Wetter“ zu machen. Natürlich waren sie aber auch als Fett- und Federlieferanten auf dem eigenen heimischen Hof unentbehrlich.

In vielen Kalendern wurde dieser Schlachttermin des Federviehs mit dem Bild einer Gans eingezeichnet. Die Verbindung zum heiligen St. Martin liefern die Legenden, die erzählen, dass die Gänse den Mönch mit lautem Geschnatter verrieten, als der sich versteckt hielt, um nicht zum Bischof gewählt zu werden.

Laut gefeiert

Der Martinstag war auch ein Termin, an dem das Gesinde den Dienst wechseln durfte. Die Neu-Einstellung erfolgte dann erst wieder an Mariä Lichtmess, dem 2. Februar. Vielerorts wurde deshalb laut gefeiert mit Sauerkraut und Würsten.

„Auf Martin schlacht‘ man fette Schwein‘, auch wandelt sich der Most in Wein. Man isst dann auch gebratene Gans und trinkt den Most halb oder ganz“ – so ein volkstümlicher Spruch aus Norddeutschland.

Die an manchen Orten brennenden Martinsfeuer gehen vermutlich auf die Sitte zurück, den Sommer endgültig zu verabschieden, dessen längsten Tag man ja zuvor im Juni auch schon mit „Johannifeuern“ gefeiert hatte.

Fastenzeit

In manchen Gegenden ging es am Abend vorher schon mit fröhlichem Gelage ähnlich laut wie bei einem Jahreswechsel zu. Dies stand mit dem christlichen Brauch in Verbindung, der mit dem 11. November die vorweihnachtliche Fastenzeit einläutete. Bereits im 5. Jahrhundert ordneten verschiedene Bischöfe eine Fastenzeit von St. Martin bis Weihnachten und Epiphanias an. Da die Fastenzeit neben dem Essen auch Rechtsgeschäfte verbot, war hier der letzte Termin, den Zins zu zahlen. Vor allem wurde noch einmal ausgelassen getafelt und gefeiert. Daraus wiederum entstand die Tradition, am 11.11. den Karneval einzuläuten. Bis heute begrüßen an diesem Tag auf dem „Alten Markt“ in Köln Tausende Jecken mit einem Countdown und einem dreifachen „Kölle Alaaf“ den Karneval als fünfte Jahreszeit, deren Höhepunkt wiederum vor der österlichen Fastenzeit liegt.

Der 11. November ist aber eben auch einem der frühesten Heiligen der lateinischen Kirche gewidmet. Es ist der Begräbnistag des heiligen Martin von Tours, der 316 im heutigen Ungarn als Sohn eines römischen Tribuns geboren, am 8. November 397 als Bischof von Tours auf einer Missionsreise gestorben war.

Schutzpatron

Jedes Kind in Deutschland kennt die rührende Geschichte, wie der barmherzige Martin im strengen Winter vor dem Stadttor von Amiens mit einem frierenden Bettler seinen Offiziers-Mantel teilt. Damals war der spätere Heilige noch ganz jung: Mit 15 Jahren war er zum römischen Heer gekommen, mit nur 18 Jahren – kurz nach der Mantelteilung – trat er zum Christentum über. Er ließ sich taufen und verließ das Heer.

Er wurde Priester, lebte sieben Jahre lang als Eremit, später umgaben ihn Schüler. Im Jahre 361 gründete er das erste Kloster in Gallien, 371 wurde er zum Bischof von Tours gewählt. Er lebte als Missionar und Seelsorger. Er war der Nationalheilige des Frankenreiches und ist übrigens noch heute der Schutzpatron Frankreichs. Seine Lebensweise gilt vor allem für Mönche und Priester als christliches Ideal. Zahllose Kirchen – vor allem viele mittelalterliche – sind nach ihm benannt.

Mit brennenden, bunten Lichtern tragen die Christen noch heute in seinem Namen „das Licht des Glaubens unter die Völker“.

Finstere Zukunft…

Für die meisten armen Martins-Gänse dagegen sieht ihre persönliche Zukunft eher finster aus…