Sigrid Möller ist verzweifelt. Wären ihre Freundinnen nicht, sie würde, wie sie sagt, in der Wohnung verrotten. Ihre Wohnung kann sie nämlich nach einer Hüft-Op kaum noch verlassen.(Foto: Andrea Schneider)

Iserlohn. (as) Sie ist verzweifelt. Fünf Wochen, so hatte man Sigrid Möller gesagt, dauert es, bis sie nach einer Hüft-Operation wieder auf die Beine kommt. Also ließ sie sich darauf ein. Ein neues Hüftgelenk. Das war im Februar 2017. Aus den fünf Wochen wurden sechs Monate. Dann wurde die Iserlohnerin nach diversen Operationen und Aufenthalten in mehreren Rehakliniken nach Hause entlassen.

Immer noch kann sie sich nur schwer bewegen. Treppensteigen ist gar nicht drin. Sie schiebt ihren Rollator mühevoll durch ihre Wohnung. Die hat sie seit August so gut wie nicht verlassen. Wären ihre Freundinnen nicht, die ab und zu für sie mitkochen, ihr die Mahlzeiten vorbeibringen und ihr die Zeitungen in ihre Wohnung legen, Sigrid Möller hätte ihren Lebensmut verloren. „Wen interessiert es schon, ob ich hier in meiner Wohnung verrotte?“, fragt sie sich manchmal zynisch. Dabei hat sie nur einen Wunsch. Sie möchte wieder so weit fit werden, dass sie ihre Wohnung verlassen kann. Sie möchte wieder in der Lage sein, ihren Mann, der an Demenz erkrankt ist und in einem Heim leben muss, zu besuchen. Sie möchte leben.

Doch von vorn: Neun Jahre ist es her, als das Schicksal bei der ehemaligen Betriebsratssekretärin der Firma Bakelite unheilschwanger anklopfte. Bei ihrem Mann wurde eine Demenz diagnostiziert. Das Paar trug das Schicksal mit Fassung. Sigrid Möller pflegte ihren Mann, auch als später noch eine Krebserkrankung hinzukam, die eine intensive Betreuung nötig machte. Vor drei Jahren jedoch ging es nicht mehr weiter. Ihr Mann veränderte sich mit zunehmender Demenz, wurde aggressiv. „Ein Heimplatz war die einzige Lösung“, sagt sie. „Ich konnte nicht mehr.“ Doch natürlich kümmerte sie sich weiter um den Mann, mit dem sie ihr Leben geteilt hatte.

Auf Hilfsgeräte angewiesen

Dann nahmen ihre eigenen Hüftbeschwerden zu. Eine neue Hüfte sollte her. Sigrid Möller erkundigte sich, ließ sich beruhigen. So ein Eingriff sei heutzutage kein Drama mehr. Doch genau solch ein Drama sollte sie erleben. Im Februar 2017 wurde sie operiert. Schnell stellte sich heraus: Die neue Hüfte hält nicht. Eine weitere Operation wurde fällig. Dann die erste Reha in Schwerte. Wieder ein Rückschlag: Bei Sigrid Möller wurde in der Operationswunde Krankenhauskeime festgestellt. Es folgte eine weitere Operation in einem Bochumer Krankenhaus. Anschließend weitere Klinikaufenthalte. Doch die Operationen hatten sie so stark angegriffen, dass eine Rehabilitation nur sehr, sehr langsam vor sich geht.

Als sie im August 2017 aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen wurde, konnte sie sich nur mühevoll bewegen. Daran hat sich nicht viel geändert. Treppensteigen beispielsweise ist immer noch nicht drin. Will sie das Haus, in dem sie wohnt, verlassen – sie ist auf Hilfsgeräte angewiesen, die sie die Stufen hinuntertragen. Doch das kostet.

Und plötzlich kamen die Forderungen

Apropos Kosten: „Mein Portmonee liegt immer griffbereit“, sagt Sigrid Möller mit einer gehörigen Portion Galgenhumor. Denn: Zeit, sich um sich selbst zu kümmern, hat die Iserlohnerin seit ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus nicht gefunden. Kaum war sie wieder zu Hause, flatterten die ersten Forderungen auf den Tisch. Für den Heimaufenthalt ihres Mannes muss sie nun ein paar hundert Euro pro Monat zahlen und eine satte Nachzahlung für die Zeit ihrer Abwesenheit wurde auch gefordert. Sie selbst muss ihr Leben natürlich auch neu ausrichten. Sie braucht Hilfen – im Haushalt, zum Einkaufen, für fast jeden Handgriff.

Den treuen Freund verloren

Zu den traurigen Ereignissen kam noch der Verlust ihres Hundes hinzu. Den hatte sie einst im Februar für geplante fünf Wochen in Pflege gegeben. Als sie ihren vierbeinigen Freund schließlich nach mehr als sechs Monaten wieder abholen konnte, musste sie feststellen, dass der treue Hund verwahrlost und todkrank war. Zwei Kissen auf ihrem Sofa erinnern die Iserlohnerin immer noch an einstige lange Spaziergänge mit dem Hund.

Nein, Sigrid Möller möchte nicht aufgeben. Und lautes Jammern ist nicht ihr Ding. Doch jetzt, nach so vielen Monaten des Eingesperrtseins in ihrer Wohnung, fragt sie sich: Wo ist sie, die viel beschworene Solidargemeinschaft? Wieso hilft niemand in der Not? „Solange ich zahlen kann, funktioniere ich“, sagt Sigrid Möller und klingt verbittert. Wird ihr erst weiter geholfen, wenn das nicht mehr möglich ist?

Sigrid Möller gibt nicht auf. Sie möchte wieder die Treppe hinunter steigen können. Sie möchte wieder für sich und ihren Mann da sein können. Sie möchte wieder leben.