Expertenrat zu Drachentier & Co.

Iserlohn/Schwerte. (clau) Die Drachensaison hat begonnen! Etliche kleine Knirpse wollen es nun aber wissen, ob sie solch ein buntes Getier am hohen Herbsthimmel zum Fliegen kriegen, ob er steigt, ob er oben bleibt und ob sie ihn halten können. Auf geht’s zum Kampf mit den Elementen auf dem Stoppelfeld

Aber ach. Manch ein Kleiner und auch Großer wird bald enttäuscht feststellen, dass das mit dem Drachenfliegen gar nicht so einfach ist, wie es aussieht.

Ein Drachenkenner

Fritz Sondermann verkauft nicht nur seit vielen Jahren Drachen, sondern hat selbst reichlich Erfahrung mit den fliegenden Untieren. (Foto: Claudia Eckhoff)

Der wochenkurier hat zum Saisonauftakt einen Fachmann zu Rate gezogen. Der Iserlohner Geschäftsmann Fritz Sondermann hat Ahnung von Spiel und Spaß, denn er führt seit vielen Jahren eine Spielwarenhandlung nahe dem Marktplatz. Er hat Ahnung von Kindern, denn er hat gleich vier großgezogen, und er hat auch Ahnung von Drachen, denn die waren einmal seine Leidenschaft. Er verkauft sie noch immer gern und mit Sachverstand.

„Drachen sind immer gefragt“, sagt er. „Am Samstag gab es im Laden einen wahren Ansturm auf Kinderdrachen. Da hat wahrscheinlich ein Kindergarten ein Drachenfest veranstaltet. Wir waren mittags plötzlich fast ausverkauft.“

Der oder der?

Der Fachmann empfiehlt im Herbst, immer ein „Karlchen“ dabei zu haben. Das ist ein kleiner Hosentaschendrachen nach dem einfachen Prinzip einer aufgeklappten Plastiktüte und lässt sich bei jeder sich spontan bietenden Fluggelegenheit hervorzaubern. Auf die klassische Drachenform, „Eddy“ genannt, schwört Fritz Sondermann: „Das sind mit ihrer Trapezform echte Wolkenstürmer. Aber wir hier im Sauerland haben ja meist gar nicht so wirklich gute Windverhältnisse. Da kommt es auf große Segelflächen an. Ich empfehle deshalb auch die dreieckigen Deltadrachen.“

Wo und wie?

Klar, ohne Wind geht es nicht. Und er sollte schon ein bisschen kräftiger blasen und die größeren Äste der Bäume tanzen lassen. Böiger Wind aber taugt nichts. Dann fällt der Drache genauso schnell wieder, wie er gestiegen ist.

Zum Drachenfliegen eignen sich freie Flächen wie Wiesen oder Stoppelfelder fern ab von Flugplätzen, Bäumen oder Elektroleitungen. Fritz Sondermann rät: „Es sollte möglichst kein Wald in der Nähe sein, denn der schluckt den Wind. Man braucht Wind in Bodennähe, sonst kommt der Drache nicht hoch. Also: Je höher die Wiese liegt und je freier, umso besser.“

Aus Segelfläche und Windstärke, aus Gewicht und Größe, aus der Frage nach Schwanz oder nicht Schwanz ließe sich leicht eine Wissenschaft machen. „Man sollte schon auf das auf der Packung empfohlene Alter achten“, so Fritz Sondermann. „Sonst hat man nachher einen Drachen gekauft, den das Kind gar nicht halten kann und den es dann im Ernstfall vor Schreck los lässt.“

Die Startphase

Hat man das richtige Modell am richtigen Ort und der Wind bläst auch noch ideal, kann es losgehen. Fritz Sondermann erklärt: „Eine Person hält den Drachen gegen den Wind hoch, die zweite Person gibt etwa 15 Meter Schnur. Manchmal braucht der Drache etwas Starthilfe, dann muss der Schnurhalter ein paar Schritte in den Wind rennen.“

Oh ja, am Waagepunkt, an der Gradzahl der Windstärke, am falschen Anstellwinkel oder an den falschen Materialeigenschaften kann es immer gelegen haben, wenn er wieder einmal nicht fliegen will. Aber wie herrlich, wie wunderbar, wenn er es endlich tut!

Wenn er denn fliegt

Die Saison hat begonnen. Viele Kinder haben ihre Drachen startklar und warten nur noch auf den idealen Wind. (Claudia Eckhoff)

„Es gibt Leute, die machen sich einen Spaß daraus und wickeln hundert Meter Schnur ab“, lacht Fritz Sondermann. „Aber dann braucht man schon ein gutes Fernglas, um ihn überhaupt noch zu sehen – und verboten ist es übrigens auch.“

Einen idiotensicheren Drachen mit verbriefter Fluggarantie – nein, das gibt es nicht zu kaufen. Aber echte Drachenfreunde greifen ja auch zu Transparentpapier, Müllsäcken, reißfestem Stoff, Kleber oder Nähmaschine und machen sich selbst ans Werk.

So oder so: Mehr als 10 bis 15 Euro muss der Drachen nicht kosten und bringt doch unbezahlbare Freude. Wenn er denn fliegt

„Bitte nachher keine Verpackungen oder Schnüre einfach liegen lassen! Wenn später die Kühe so etwas fressen, muss oft der Tierarzt anreisen,“ gibt Fritz Sondermann zu bedenken.

Die Lenkdrachen-Zeit

Er denkt gerne an die Zeit vor etwa 15 Jahren zurück, als die sportlichen Lenkdrachen groß in Mode waren. Er selbst zog damals oft mit einer Kiste mit gleich fünf Drachen los. „Solch ein Lenkdrachen entwickelt einen unglaublichen Zug. Den kann ein Erwachsener mitunter kaum halten. Ich bin da oft abends von Kopf bis Fuß verschlammt nach Hause gekommen, weil es mich quer über den Acker geschleift hat“, erzählt er grinsend. „Das ist im Prinzip eine Art von Kampfsport.“

Richtig große Drachenfeste mit über hundert Leuten etwa draußen in Drüpplingsen auf den Ruhrwiesen Richtung Schwerte bei der Kornbrennerei Bimberg gab es da noch. „Da waren echte Fanatiker dabei und ganz ulkige Leute. Aber das ist leider vorbei…,“ bedauert Fritz Sondermann.