Fidele Rentner machen Musik: Die Telstars sind seit über 55 Jahren auf der Bühne

Iserlohn/Hagen. (as) Wer an langlebige Bands denkt, hat meist die Rolling Stones vor Augen. Keine andere Formation hat es geschafft, all die Höhen und Tiefen und den Wandel des Musikgeschmacks so lange zu überstehen. Keine? Von wegen. Als sich Mick Jagger und Keith Richards Ende 1961 erstmals auf einem Bahnsteig in der Grafschaft Kent begegnet sind, waren ein paar Jungs aus Hagen und Iserlohn bereits mit Schlagzeug und Gitarre aktiv. Die „Telstars“ füllten die Säle. Zu ihrer Musik wurde getanzt – damals, 1961, aber auch heute noch. Aus der Schlagerband von einst ist nunmehr eine Oldieband geworden. Sie ist mit ihren Fans gewachsen – die Jungs von einst und Rentner von heute spielen zum Oldie-Frühstück im Hagener Sparkassen-Karree auf, sie begeistern in der Kulturscheune in Bad Sassendorf, aber auch in vielen Seniorenwohnanlagen und Altenheimen in Iserlohn und Hagen.
Doch von vorn. Gegründet wurden die Telstars, als der Iserlohner Stadtjugendpfleger Eckhard Stuckenschmidt einen Bandwettbewerb ausgeschrieben hatte. Das war 1960 – im Jahr darauf traten die Bands gegeneinander an. „Hans-Dieter von Westphalen wurde mit seinem Schlagzeug von seiner Mutter einfach angemeldet“, erinnert sich Lothar Schmidt.
Drittes Gründungsmitglied war Holger Nickel. Der aber musste bald zum Bund und wurde von Karl-Heinz Urban ersetzt. Vierter im Bunde wurde Rüdiger Barsekow.
Mikro am Lampenschirm
„Wir waren in jedem großen Saal in Iserlohn, Nord­rhein-Westfalen und auch darüber hinaus zu Hause“, sagt Hans-Dieter von Westphalen. Und das, obwohl am Anfang ganz schön improvisiert wurde: „Unser Mikro hatten wir oben an einem alten Lampenständer befestigt“, sagt Lothar Schmidt. „Und unsere Lautsprecher waren ohnehin selbst gebaut.“
Mit eigenem Fahrzeug, einem VW-Bus samt Telstar-Beschriftung, zog die Truppe durch die Lande und brachte ihr Publikum zum Mitsingen und vor allem Tanzen.
Große Säle und Karneval
„Das war die große Zeit der großen Säle“, erinnert sich Lothar Schmidt. Jedes Wochenende gab es in all diesen Sälen Musik. Jeder pilgerte dorthin.
Später dann, als die Säle immer weniger wurden, hatten sich die Telstars mit der Kabarett- und Gesangstruppe „Die bunte Palette“ zusammengetan, um ihr Publikum zu begeistern. Auch im Karneval hatten sich die Telstars etabliert. Bei den Sitzungen des Hohenlimburger Karnevalsvereins durften sie Karnevalisten von Rang und Namen untersstützen. „Nur die Mainzer Hofsänger brauchten keine Begleitung“, sagt Lothar Schmidt. 25 Jahre lang waren sie eine feste Größe bei den Karnevalssitzungen in der „Wartburg“ im Hagener Klosterviertel.
Doch alles hat mal ein Ende. Die Telstars lösten sich auf, als die Musiker beruflich stärker gefordert wurden. „Der Kontakt aber ist immer geblieben“, sagt Lothar Schmidt. „Wir haben uns nie völlig aus den Augen verloren.“
Oldies und Evergreens
Mit dem Ruhestand wuchs die Unruhe. „Wir sind schließlich alles lustige und fidele Rentner“, sagt Lothar Schmidt. Die Telstars probten wieder –nach gut 20 Jahren Pause. Mit leichterem Gepäck. Das riesige Schlagzeug blieb eingemottet. Stattdessen stieg Hans-Dieter von Westphalen auf eine Cajón um. Die „Kistentrommel“, wie sie im Volksmund auch genannt wird, lässt sich leichter transportieren.
Das Repertoire war schnell gefunden. Die Telstars begeistern mit Oldies und Evergreens von Elvis und Caterina Valente, von Peter Kraus und Udo Jürgens. Ihren ersten Auftritt hatten sie 2014 in der Seniorenwohnanlage Altes Stadtbad in Iserlohn.
„Niemand ist zu alt für gute Musik“, sagt Lothar Schmidt. Er muss es wissen: Hinter seinem Akkordeon beobachtet er, wie junge und jung gebliebene Menschen mitsummen und -tanzen, wenn die Telstars in Seniorenheimen in Hagen, Breckerfeld und Iserlohn, zum Oldie-Frühstück im Sparkassen-Karree oder zur Oldie-Night in der Rastatt in Nachrodt aufspielen. „Da werden viele schöne Erinnerungen wach“, sagt er.
Eines bedauern die Telstars – und das haben sie mit vielen jungen Bands gemeinsam: Es gibt kaum noch Auftrittsmöglichkeiten. Vorbei ist die Zeit der großen Säle, in der es beinahe alltäglich war, dass heimische Musiker auftraten. Wo sind all die Kneipen und Clubs geblieben, die dem Nachwuchs und den gestandenen Bands eine Chance geben?
Ans Aufhören denkt niemand
Schon jetzt freut sich die fidele Rentnertruppe auf den nächsten Auftritt: Am 9. Januar ist es soweit. Dann sind die Telstars im Alten Stadtbad am Poth in Iserlohn zu erleben. Um 15 Uhr geht‘s los. Wieder werden Hans-Dieter von Westphalen, Rüdiger Rarsekow, Karl-Heinz Urban und Lothar Schmidt ihre Begeisterung an der Musik mit fröhlichen Menschen teilen. Es darf gesungen, geklatscht und getanzt werden.
Auch wenn die Band im neuen Jahr bereits 56 Jahre alt wird… – ans Aufhören denkt hier noch niemand.