Für‘s Leben lernen? Hitlergruß und Heimatfront

Der Alltag der Deutschen wurde von den Nazis und ihren Symbolen in jedweder Weise durchdrungen – wie diese Heil-Hitler-Puppe der renommierten Firma Steiff veranschaulicht. (Abbildung: Die Puppe ist im Besitz des Württembergischen Landesmuseums, Stuttgart)

Hemer. (clau) Der heute 80-jährige Ernst Alberts ist als zweiter Sohn des Müllers auf der Sundwiger Mühle groß geworden. Die ersten zwölf Jahre seines Lebens standen unter dem Einfluss der Nazis. Er hat viele lebhafte Erinnerungen unter dem Titel „Aus verrückter Zeit“ gesammelt, die der wochenkurier nun in Ausschnitten veröffentlicht.

An die Volksschulzeit erinnert sich Ernst Alberts nur bruchstückhaft.

Dazu gehört das Wort „Nazischwein“, um das es einmal einen Riesenwirbel gegeben hatte. Der Rektor der Schule, ein hundertprozentiger Nationalsozialist, der gern in seiner SA-Uniform zum Schuldienst kam, ließ die gesamte Schülerschaft der unteren Klassen antreten und ging ganz langsam an der Schülerreihe entlang. Jedem Kind schaute er schweigend und bedrohlich tief in die Augen.

„Es hieß, am Nachmittag zuvor habe ein Kind, wahrscheinlich aus unserer Schule, ,Nazischwein‘ in seine Richtung gerufen“, erinnert sich Ernst Alberts. „Dieses Kind versuchte er nun zu identifizieren, was ihm aber wohl nicht gelungen ist.“

Was das Wort bedeutet und warum sein Gebrauch unter Strafe stand, war dem Volksschüler Ernst gar nicht klar. Erst nach Kriegsende, als die Hitlergläubigen allgemein nur noch „Nazis“ genannt wurden, begriff er im Nachhinein den Grund für die damalige Aufregung.

Nationalsozialistischer Unterricht

Das Klassenbuch von 1939/40 aus Ernst Alberts’ erstem Schuljahr wurde später bei einem Umzug der Schule in ein anderes Gebäude zufällig gefunden. Außer den üblichen Fächern wie Deutsch, Heimatkunde und Rechnen ist darin auch das Fach „Nationalsozialistischer Unterricht“ aufgeführt.

Was da im Einzelnen den Erstklässlern beigebracht wurde, hat sich auf diesem Wege bis in die Gegenwart gerettet. Lehrinhalte waren: „Adolf Hitler, ein Freund der Kinder“, „Horst Wessel“, „Aus dem Leben des Führers“, „Unsere Soldaten, was sie alles haben“, „Vater im Krieg“, „Heldengedenktag“, „Luftschutz“, „Keiner soll hungern und frieren“, „Erntedankfest“, „Totensonntag, Totenehrung“, „Straßensammlung“, „Winterhilfswerk“…

Auch das Grüßen will gelernt sein

Auch die korrekte Ausführung des so genannten „Deutschen Grußes“ übten die Pädagogen mit ihren Schützlingen. Bei diesem damals verbindlichen Ritual musste zu jeglicher Begrüßung der rechte Arm in Schulterhöhe ausgestreckt und dazu „Heil Hitler“ gerufen werden.

„Daraus wurden dann meist Verkürzungen wie ,Heilitler‘ oder ,Heitler‘. Am 20. April, dem Geburtstag des Führers, mussten wir uns auf dem Schulhof in Reih und Glied der Größe nach aufstellen, wie beschrieben den Grußarm ausstrecken und dazu erst ,Deutschland, Deutschland über alles‘ und dann noch das so genannte Horst-Wessel-Lied ,Die Fahne hoch‘ singen“, Ernst Alberts weiß noch genau, wie dabei langsam, aber sicher der Arm immer schwerer wurde und allmählich auf die Schulter des Vordermannes sank.

Die Kinder wurden regelmäßig an der so genannten „Heimatfront“ zum Einsatz gebracht. „Wir mussten dann Kartoffelkäfer suchen, die angeblich der ,Feind‘ über unseren Feldern abwarf“, erinnert sich Ernst Alberts, der allerdings selbst keinen einzigen Käfer gefunden hat. Auch hatten die Kinder Heilkräuter, insbesondere Fingerhutpflanzen, zu sammeln, zu trocknen und dann in den Apotheken abzugeben.

Der lange Schatten des Krieges

Angst überfiel Ernst Alberts mit aller Macht im Jahr 1942, als zuerst ständig im Rundfunk über die Schlacht in Stalingrad berichtet wurde. Als die deutsche Propaganda schließlich eingestehen musste, dass die 6. Armee sich – nach ,heldenhaftem Kampf‘ – ergeben hatte, ahnte sogar ein Junge wie Ernst, dass der Krieg für die Deutschen verloren sei.

Zuerst nur gelegentlich, im Verlauf des Krieges aber immer häufiger, gab es für die Schulkinder im Unterricht unerwarteten Besuch eines Funktionärs der NSDAP, der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Dieser flüsterte dann immer zuerst mit dem Lehrer, der dann jeweils ein Kind herausrief und nach Hause schickte. Ernst und seine Schulkameraden wussten sofort, was das zu bedeuten hatte: „Der Vater dieses Kindes war für ,Führer, Volk und Vaterland‘ gefallen. Mit solchen Worten stand es dann nämlich am nächsten oder übernächsten Tag in der Zeitung zu lesen.“

Kontakt zu Ernst Alberts

Alle, die Kontakt zu Ernst Alberts aufnehmen möchten, können dies auf dem Weg über die wochenkurier-Redaktion tun – zu erreichen unter Telefon 02371/ 2647-86, Fax 02371/ 26061 oder Email redaktion.iserlohn@wochenkurier.de.

Ernst Alberts erinnert sich: Alle elf Teile der Serie im Überblick

  1. Kindheit unterm Hakenkreuz
  2. „I-Männchen“ redet die Familie in Gefahr
  3. Für‘s Leben lernen? Hitlergruß und Heimatfront
  4. Lebensmittelkarten und Fliegeralarm
  5. Kinder-Staunen am Lagerzaun
  6. Krieg nähert sich Schule und Alltag
  7. Die „Pimpfe“ folgen treu ihrem Vorbild
  8. Letzte Kriegstage: Kinder an Waffen
  9. Amis, Plünderungen, Flüchtlinge & Hunger
  10. Hochexplosives Jungen-Spielzeug
  11. Zurück in der Schule