Guttempler bieten Hilfe bei Suchtprobemen

Die „Blaue Nummer“ kann Rettungsanker sein. Hans-Dieter Ludwig wirbt für das Nothilfetelefon der Guttempler. (Foto: A. Schneider)

Iserlohn/Hemer. (as) Guttempler, das klingt nach Mittelalter, nach religiösen Gemeinschaften und womöglich edlen Rittern. Hans-Dieter Ludwig muss lächeln. Nein, ein Ritter ist er beileibe nicht. Und edel? „Die Situation, die mich zu den Guttemplern geführt hat, war alles andere als edel“, sagt er. Er hatte, wie man häufig verharmlosend formuliert, ein Alkoholproblem. „Ich hab getrunken“, sagt er selbst, ohne zu verniedlichen. Die Ehe stand auf der Kippe, bei der Arbeit gab’s die tiefdunkelgelbe Karte. Seine Alternative: Therapie oder alles verlieren. Der Lehrer aus Hemer entschied sich für die Therapie und – direkt nach der Klinik – für die aktive Mitarbeit bei den Guttemplern. Denn: Hinter diesem Namen verbirgt sich kein uralter Ritterorden, sondern eine internationale Selbsthilfeorganisation für suchtkranke Menschen.

„Trinken“, sagt Hans-Dieter Ludwig, „zerstört das Leben.“ Bei ihm hätte das Trinken dieses Ziel fast erreicht. Doch ihm gelang es mit Rückenstärkung von Ehefrau und Arbeitgeber, den Schalter umzulegen. „Ich wollte in meiner Ehe wieder jemand sein und in meiner Schule als Lehrer ernst genommen werden.“ Es gelang. 1981 war das. Eine Erfolgsgeschichte, um die er auch heute noch in manchen Situationen ringen muss.

Trinken bedeutet immer auch den sozialen Abstieg. „Wir bieten den Aufstieg – Step by Step – an.“ Wir, das sind in diesem Fall die Selbsthilfegruppen der Guttemplergemeinschaften in Iserlohn und in Hemer. „Wir kennen uns, bei uns geht es nicht anonym zu“, sagt Hans-Dieter Ludwig. Das bedeutet auch: „Wenn jemand ein paar Wochen nicht zu unseren Treffen kommt, schrillen die Alarmglocken und wir jagen hinter ihm oder ihr her.“ Jeder kann ins Straucheln geraten. Zu den Werten der Guttempler gehört in solchen Fällen jedoch auch, diese Menschen nicht einfach sich selbst zu überlassen, sondern zu helfen.

Gleichberechtigung und Friedensarbeit

Ein paar Worte zur Gemeinschaft: Die Guttempler wurden im Jahr 1851 in den Vereinigten Staaten als Abstinenzorganisation ohne religiösen Hintergrund gegründet. Schon damals stand der „Order of Good Templars“ für die Gleichberechtigung der Rassen sowie der Geschlechter. Auch heute versteht sich die Gemeinschaft nicht nur als Selbsthilfe-, sondern auch als Bildungs-, Friedens- und Kulturorganisation. Zigmal schon wurden die Guttempler für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, weil sie in Krisen- und Konfliktgebieten vermittelten. Neben der eigenen drogenfreien Lebensweise wollen Guttempler vorbeugende Arbeit leisten, Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen und für einen dauerhaften Frieden der Völker arbeiten.

Große Worte, die aber auch im Kleinen umgesetzt werden. Für Menschen in Not haben die nordrhein-westfälischen Guttempler beispielsweise die „Blaue Nummer“ für alle Suchtfragen ins Leben gerufen. Unter der Telefonnummer 01803 / 240700 wird Süchtigen oder deren Angehörigen NRW-weit rund um die Uhr weitergeholfen. „Wir sind kompetent durch eigene Erfahrung“, sagt Hans-Dieter Ludwig. Und: „Die ehrenamtlichen Gesprächspartner am Telefon sind absolut diskret.“ Wenn ein Gespräch am Telefon jedoch nicht reicht, vermitteln sie gerne den Kontakt zu einem Ansprechpartner in der Region.

Ansprechpartner in der Region

Oft wird Hans-Dieter Ludwig immer noch gefragt: „Können die Guttempler nur Alkohol?“ Er schüttelt mit dem Kopf. Als Alkohol-Abstinenzorganisation wurden die Guttempler zwar einst gegründet. Doch mittlerweile versteht man sich als Gemeinschaft, die sich von allen Drogen frei machen möchte – ganz gleich ob Alkohol, Tabletten oder andere Rauschmittel.

Stark engagieren sich die Guttempler in Iserlohn und Hemer in der Aufklärung. Die Zusammenarbeit mit Schulen, wie in der Vergangenheit der Hauptschule Lendringsen oder der Realschule Hemer, ist wichtig. Zunehmend aber wenden sich die Guttempler auch an ältere Menschen. Einsamkeit im Alter macht anfällig. „Tabletten, Nikotin und Alkohol im Alter – da kommt viel auf uns alle zu“, sagt Hans-Dieter Ludwig. Hier, in Hemer und Iserlohn, bietet er im Namen der Guttempler Hilfe an:

Gesprächsrunden gibt es in Iserlohn jeden Donnerstag um 20 Uhr im DRK-Haus am Karnacksweg 35a und in Hemer jeden Dienstag um 19.30 Uhr im Altenheim von der Becke, Mühlackerweg 25. Hilfe suchende oder interessierte Menschen sind willkommen.

Zu erreichen sind die Gruppen auch per Mail unter iserlohn@guttempler-nrw.de oder unter hemer@guttempler-nrw.de. Auch die „Blaue Nummer“ hat eine Mail-Adresse: nottelefon-sucht@guttempler.de.

Wunder kann die Gemeinschaft natürlich nicht versprechen. Aber Hilfe, Strategien zu entwickeln, um Rückfällen vorzubeugen. Beispielsweise diese Strategie, die zu den Grundsätzen der Guttempler gehört: Enthaltsamkeit braucht kein Verzicht zu sein, sondern die Freiheit von persönlichkeitsverändernden Drogen.