Hier soll „nicht nur Beton bewegt werden“

Iserlohn. (as) „Es gibt keinen Grund zu dramatisieren“, sagt Volker W. Cznottka, Sozialplaner aus dem städtischen Büro für Stadtentwicklungsplanung. „Fünf vor Zwölf sieht anders aus.“ Und doch gilt der Bereich Südliche Innenstadt und Obere Mühle als Problemviertel.

Sie arbeiten mit Herzblut für ein lebens- und liebenswertes Viertel: Quartiersmanagerin Tabea Rössig und Volker W. Cznottka vom städtischen Büro für Stadtentwicklungsplanung. (Foto: A. Schneider)

Auf dem etwa 50 Hektar großen Gebiet leben etwa 3.600 Menschen. Der Anteil der Anwohner mit Migrationshintergrund ist weit höher als im städtischen Durchschnitt, was auch für die Arbeitslosenquote gilt. Der Leerstand an Immobilien wird mit zwölf Prozent beziffert – die gründerzeitlichen und damit das Stadtbild prägenden Gebäude in der Südlichen Innenstadt verfallen. Vom Wort Schmuckstück sind auch die alten Industriestandorte beispielsweise von Christophery oder Kissing & Möllmann an der Oberen Mühle weit entfernt. „Es besteht Handlungsbedarf“, sagt Volker W. Cznottka. Nicht zuletzt deshalb wurde das Quartier in das Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“ aufgenommen.

Für Leben und Lebensqualität

Gehandelt und geplant werden soll aber nicht an den Menschen vorbei. Dafür steht das Quartiersbüro in der Peterstraße 8 bis 10. Es ist Anlaufstelle für die Menschen vor Ort. Hier können sie ihre Ideen, Überlegungen, aber auch ihre Nöte loswerden. Seit zwei Monaten knüpfen die beiden Quartiersmanager Stefan Peters und Tabea Rössig vom Dortmunder Planungsbüro Stadt-Kinder Kontakte zu den Menschen des Viertels. Sie putzen Klinken und stehen im Büro für Gespräche bereit. „Wir möchten den Menschen näher bringen, dass sie selbst die Zukunft des Quartiers mitbestimmen können“, sagt Tabea Rössig. Volker W. Cznottkak, der Mann von der Stadt Iserlohn an ihrer Seite, formuliert es flapsiger: „Unter dem Banner Soziale Stadt soll schließlich nicht nur Beton bewegt werden.“ Gemeinsam träumen sie von einem quirligen und lebendigen Viertel, einem mit viel Leben und Lebensqualität.

Apropos gemeinsam: „Der Auftrag in Iserlohn ist etwas Besonderes“, sagt Tabea Rössig. In mehreren Städten, zuletzt übrigens in der Dortmunder Nordstadt, hat die Raumplanerin bereits als Quartiersmanagerin gearbeitet. Aber noch nie war der Kontakt zu einer Stadtverwaltung so gut und intensiv wie in Iserlohn. „Die Stadtverwaltung unterstützt uns mit einem Präsenzdienst“, sagt Tabea Rössig. Wann immer die beiden Quartiersmanager vor Ort sind – ein Vertreter aus dem Rathaus wie beispielsweise Volker W. Cznottka ist immer dabei. So können manche Probleme sofort gelöst, Ideen unbürokratisch weiter gegeben werden. Bei soviel Lob wird sogar ein gestandener Verwaltungsmann wie Volker W. Cznottka ganz sanft. Und die Komplimente wandern sofort zurück: „Die beiden Quartiersmanager sehen Manches ganz anders. Das hilft uns, eigene Überlegungen noch einmal zu überdenken.“

Wo der Baarbach munter plätschert

Was soll konkret geschehen? Natürlich geht es auch um das, was Volker W. Cznottka so charmant mit dem Begriff „Beton bewegen“ beschrieben hat. Der Sportplatz in der Läger soll aufgewertet und mit kleinen Spielfeldern auch für andere Sportarten attraktiv gemacht werden. Die Verrohrung des Baarbachs soll weitestgehend verschwinden, damit der Bach wieder durch die Stadt murmeln und plätschern kann. Für die Fabrik Kissing & Möllmann wird zurzeit ein Umnutzungskonzept diskutiert, das moderne Wohnungen, Ateliers für Kunst-Handwerker und Räume für Sozialeinrichtungen vorsieht. Auch die Werkstatt im Hinterhof könnte im Komplex bleiben. Für das Christophery-Gelände schlägt ein Planungsbüro vor, den Gebäudekomplex an der Straße zu erhalten, den hinteren Teil jedoch abzureißen. Dort könnte eine neue, zurückhaltende Bebauung entstehen, und der Baarbach würde an dieser Stelle durch eine parkähnliche Landschaft fließen.

Entschieden ist noch nichts. Schließlich sind auch die Bürger gefragt. Und genau hier kommt das Quartiersbüro samt Quartiersmanager in der Peterstraße 8 bis 10 ins Spiel. Dort hängen die Pläne. Dort können Ideen, Anregungen und Pläne vorgetragen werden. „Wir sind hier natürlich kein Wunschbüro“, sagt Volker W. Cznottka. „Aber nur wenn wir die Ideen und Bedenken der Menschen, die hier leben, kennen, können sie auch in den Planungen berücksichtigt werden.“ Viel zu tun für die beiden Quartiersmanager Stefan Peters und Tabea Rössig. Es gilt weiterhin, Kontakte zu knüpfen – auch zu den Menschen, die sich bisher nicht trauten, die Frage „Wie wollen wir leben?“ in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Oder die es nicht konnten: Ein neuer Mitarbeiter mit türkischem oder arabischem Hintergrund wird die beiden Quartiersmanager künftig unterstützen.

Image fördern und Vorurteile abbauen

Bürgerbeteiligung ist das A und O der Arbeit der Quartiersmanager. „Wir möchten das Image des Quartiers fördern“, sagt Tabea Rössig. „Die Identifikation der Menschen mit ihrem Stadtteil soll wachsen. Und Vorurteile sollen abgebaut werden.“

Augenblicklich haben die Bereiche Südliche Innenstadt und Obere Mühle eher das Image eines hässlichen Entchens. „Papperlapapp“, meint Volker W. Cznottka. „Das Viertel liegt doch nur jeweils ein paar Schritte von der Fußgängerzone mit all ihren Möglichkeiten und vom Wald entfernt.“ Gespräche mit der ortsansässigen Bürgerinitiative, mit Immobilienbesitzern, Mietern und den Betreibern von Ladenlokalen und Gewerbebetrieben sollen klären, welche Möglichkeiten die Menschen des Viertels haben, ihr Quartier wieder in ein geliebtes Schmuckstück zu verwandeln – und wie Quartiersmanagement und Stadt dabei helfen können.

Vorurteile müssen geknackt werden. Auch die zwischen den Kulturen. Argwöhnisch schauen die einen auf die Moscheen. Die anderen befürchten christliche, missionarische Übergriffe. „Es ist nicht leicht“, gesteht Volker W. Cznottka. „Aber wir sind auf einem guten Weg“, ergänzt Tabea Rössig. Ein wenig schmunzelnd erzählt sie von den Kinderangeboten der Erlöserkirchengemeinde. Mittlerweile werden sie von Kinder der unterschiedlichsten kulturellen Hintergründe genutzt. „Und auch die Eltern muslimischer Kinder haben keine Angst mehr, einen kleinen Protestanten nach Hause geschickt zu bekommen“, sagt sie. Ihre Worte sind gleichsam ein Plädoyer für mehr Toleranz – hüben wie drüben.

Vier Jahre Starthilfe – und dann?

Eine Stadtteilzeitung soll künftig einmal im Vierteljahr erscheinen. Sie soll helfen, die Nachbarn besser kennen zu lernen und sich mit dem eigenen Viertel zu identifizieren. Das gleiche Ziel verfolgt das Quartiersforum. Menschen, die im Viertel leben, Häuser besitzen oder Geschäfte betreiben, sind schon jetzt aufgerufen, sich zu melden und künftig im Quartiersforum für ihre Interessen zu streiten.

Vier Jahre werden die Quartiersmanager im Quartiersbüro an der Peterstraße 8 bis 10 die Geschicke der Südlichen Innenstadt und Oberen Mühle begleiten. „Wir leisten Starthilfe“, sagt Tabea Rössig. „Der Prozess aber wird weiter gehen.“ Auf dem Weg zu einem quirligen, lebens- und liebenswerten Viertel.